Jetzt ist alles aus #nachderklapse

Morgen fahre ich nach hause. Dann liegen 25 Wochen in der Psychiatrie und nochmal knapp 5 Monate Wartezeit auf die Reha hinter mir.

Ich habe meine Depression immer noch. Insofern muss ich die, die erwarten, ich komme topfit nach hause enttäuschen.  Aber ich habe Mittel an die Hand bekommen, Strategien, wie ich besser mit meinen depressiven Phasen umgehen kann.

Ich habe auch jetzt noch gelegentlich Suizidgedanken. Aber weit entfernt von den dunklen, sehr realen Phantasien Anfang des Jahres. Und ich habe denen verziehen, die mich so weit führten. Denn Hass oder Wut bringen letztlich mich nicht weiter und würden von den anderen nicht verstanden.

Ich habe wieder Seiten an mir entdeckt, die ich über Jahrzehnte begraben hatte. Meine Liebe zur Kunst. Meine Freude am kreativen Schreiben. Sinn für die Familie statt nur fürs berufliche Funktionieren.

Wer mir jetzt mit Kultur der Spitzenleistung kommt, dem kann ich nur milde lächelnd abwinken. Das würde nämlich eigentlich nur heißen, mich wieder kaputt machen, irgendwann wieder da landen, wo ich Anfang des Jahres war.

Ich fühle mich stabil, kenne mein Macken und Talente, habe an meiner Hochsensibilität auch wieder ein paar schöne Aspekte erkannt und werde mich hoffentlich nicht mehr so schnell nach den Wünschen derer verbiegen, die nicht mich sehen, sondern was sie durch mich gewinnen können.

Ich bin nicht geheilt, dieser Anspruch wäre zu weitgegriffen und von der Psychiatrie zu viel erwartet. Aber ich habe noch Begleitschutz. Noch habe ich ein paar Therapiesitzungen bei meinem Verhaltenstherapeuten über, und die werde ich für die Zeit der Wiedereingliederung nutzen. Damit man nicht gleich wieder kalt erwischt.

Aber ich habe mich besser kennengelernt denn je. Und dieses neue Wissen werde ich anwenden. Damit ich nie wieder auf einer Treppe sitze mit Rasierklingen und Schlaftabletten.

NIE WIEDER!

Oder um es mit einem Tweet zu sagen, den ich während meiner Therapie abgesetzt habe:

Das Leben ist wie ein Roman, für dessen Happy End man selbst verantwortlich ist.

Seid untalentiert für ein schöneres Leben

Intelligenz, Hochsensibilität, Kreativität. Klingt toll, wenn man das hat, richtig?

Falsch! Solche Talente werden oft gefordert, insbesondere im Beruf. Wenn man dann aber mal genauer hinsieht, ecken oft gerade die Hochsensiblen, die Kreativen, die Intelligenten an. Weil sie gewohnt sind, über den Tellerrand zu denken. Und jenseits des Tellerrands liegen oft Gebiete, die keiner kennenlernen will. Die Aufforderung, über den Tellerrand zu blicken, ist oft nichts weiter als ein frommer Wunsch. Ich bin mir sicher, hätte man bei manchen Skandalen auf die besonderen Menschen, die Intelligenten, die Sensiblen gehört, wäre einiges verhindert worden. Mit solchen Talenten muss man ganz genau hinsehen, wo man sich bewirbt, mit wem man sich abgibt, wenn man sich zum Feind macht.

Und wenn man hochsensibel ist, dann ist es zwischenmenschlich oft schwer, dieses Talent nicht einzusetzen. Nutzt man es aber, sind die eigenen Reaktionen für andere oft unverständlich. Gerne gehörter Spruch: Stell dich nicht so an, du brauchst ein dickeres Fell. Ist natürlich Blödsinn aber als sensibler Mensch nimmt man sich so etwas viel stärker zu Herzen als die „Normalen“.

Eines haben alle diese Talente gemein. Die meisten „Normalen“ verstehen sie nicht und finden früher oder später Menschen mit dieser Begabung lästig.

Been there, done that, hated it.

Da hilft meist nur eins, schauspielern und die eigenen Gaben nur versteckt und heimlich einsetzen.

Ein Blog im Wandel

Bislang war Living the Future mein Projekt, um meine Gedanken zu sammeln zur Zukunft (der Arbeitswelt), zu neuen Technologien und wie diese sich auf die Gesellschaft auswirken. Rückblickend muss ich mir hier eingestehen, dass ich in einigen Themenfeldern zu optimistisch, zu blauäugig war. Für mich persönlich ist das Thema Work-Life Balance gescheitert und ich würde, wenn ich denn dieses Thema überhaupt noch anfassen würde zu strikter Work-Life Separation raten, weil es extrem selten zugunsten des Arbeitnehmers läuft. Aber wie gesagt, das Thema fasse ich aus Gründen vorerst nicht mehr an.

Das letzte nun fast ein Jahr hat mich aber ordentlich durchgeschüttelt, fast zerstört und dann wieder so positiv überrascht, dass ich es immer noch nicht fassen kann. Mir sind Dinge zugestoßen, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche und mein Leben habe ich nur durch unglaublich viel Glück behalten. Das einen so etwas ändert, kann man nachvollziehen, denke ich.

Deshalb wird sich, so wie ich mich in diesem Jahr gewandelt habe, auch der Blog wandeln. Im Augenblick bin ich noch in der finalen Reha und werde wohl Anfang Januar 2016 wieder ins „normale“ Berufsleben einsteigen.

Parallel ist mein autobiographischer Roman in den letzten Zügen und geht im Januar ins Lektorat bei einem großen deutschen Verlag. Über diese Zusammenarbeit bin ich sehr glücklich und werde über die Entstehung des Buchs, das wohl im Januar 2017 erscheint regelmäßig berichten.

Mein Hauptfokus wird ab jetzt weg von Technologien hin zum Leben an sich gehen. Ich möchte das Thema Depressionen und generell psychische Erkrankungen stärker thematisieren und parallel in meiner Rolle als Autor mehr eigene Texte präsentieren.

Wer meinen Blog also hauptsächlich wegen der reinen Technikthemen gelesen hat, der wird sich von nun an mit deutlich weniger derartigem Kontent begnügen müssen. Mir sind im Moment schlicht andere Themen weit wichtiger.

Living the Future heißt für mich ab jetzt, auf die Frage danach, wo ich mich in 5 Jahren sehe schlicht zu antworten: Am Leben.

Leseprobe – Dorfgeschichten

Ich hätte da mal eine Bitte: Hab da eine Idee für eine neue Erzählung und hätte gerne eure Meinung zu folgender Leseprobe. Gerne ehrlich sein, gerne Kritik, gerne Anmerkungen.

 

Leben
Eigentlich war auf dem Land zu leben nicht wesentlich anders, als in der Stadt. Außer der Gegend. Und den Menschen. Und der Umgebung. Aber davon abgesehen war das Land nicht anders als die Stadt.
Nein, es war eine völlig andere Welt. Wie ein Paralleluniversum mit einer eigenen Physik, einer eigenen Logik und einer eigenen Sprache. Dabei wirkte für einen zufällig in einem Dorf, in meinem Dorf Landenden das ganze eher normal, so wie dieses Stadtding. Schließlich war mein Dorf ja eigentlich eine Stadt, eine Stadt im schwäbischen, was die ganze Sache nicht wirklich einfacher machte. Jedenfalls war es eine Stadt auf den Urkunden in dem Dorf/Stadteigenen Archiv. Aber das war nur die Fassade. Alles andere war, roch und fühlte sich an wie Dorf. Eng, konservativ, manchmal etwas muffig und sich selbst genug. Mein Dorf bestand als autonome Enklave, die so weit weg von der Realität da draußen war, wie es maximal möglich war. Ja, es gab einen Supermarkt, immerhin drei Frisöre, zwei Kaffees, drei Restaurants, sogar einen Baumarkt, einen Spielwarenladen und Fotografen. Wer wollte, konnte sich ohne je die Stadtgrenzen zu verlassen mit allem versorgen, was er so brauchte. Und auf dem Land braucht man nicht viel. Oder besser, hat nicht viel zu brauchen. „Dieses neumodische Zeug braucht doch kein Mensch.“ war einer der am häufigsten gehörten Sätze zu meiner Zeit.
Denn man konnte ja sehen, was da draußen in dieser anderen Welt passierte. Durch diesen Flimmerkasten, der landläufig Fernseher hieß. Da war dann dieser Herr (damals war es die allermeiste Zeit ein Herr) in den Nachrichten, der einem mitteilte, was man da draußen alles nicht verpasste. Das Leben auf dem Dorf war zeitlich vor allem durch die Jahreszeiten eingeteilt. Auch deshalb, weil neben all den Ladengeschäften und Restaurants vor allem die Landwirte das Stadtbild und vor allem die Straßen beherrschten.

Als Autofahrer war man noch niedriger eingestuft als Radfahrer oder Fußgänger. Denn man benutzte die Straßen und Wege, die nach dem Eigenbild der Landwirte ihnen vorbehalten waren. Ein unbedachter Autofahrer, der der irrsinnigen Idee verfallen war, am helllichten Tag durch den Ort zu fahren musste stets mit einem Schritttempo fahrenden Traktor vor sich rechnen, der ihm dann für die nächsten 5km den Weg weisen und ihn gleichzeitig wahlweise zu Wutausbrüchen oder zum Wahnsinn treiben würde.

Das Leben auf dem Dorf fand vor allem in den Fenstern statt. Ich glaube fest, dass eine bestimmte Form von Kissen speziell für Fenstersimse dörflicher Behausungen entworfen wurde. Und Neuigkeiten von wirklicher Relevanz, also welche innerhalb der Dorfgrenzen wurden stets mündlich überliefert, von Fenstersimskissen zu Fenstersimskissen. Und ich wage zu behaupten, Studien der Physiognomie des typischen Dorfbewohners würden eine Deformation beider Unterarme feststellen, die sie für das Lehnen auf Fenstersimsen unter Zuhilfenahme von simsgerechten Kissen optimiert. Der bekannte Flurfunk aus Büros hat seinen Ursprung im Fenstersimskissenfunk, so haben es Historiker und Soziologen nach jahrelanger und teils gefährlicher Feldforschung in entlegenen Dörfern entdeckt.

Überhaupt, das Dorf war und ist auch heute noch eine Enklave, ein verschworener Bund, der Fremde als Kurzzeitgäste zwar toleriert, Zugezogene aber erst nach Generationen der evolutionären Vermischung als echten Teil der Dorfgemeinschaft akzeptiert. Als Dorfbewohner kannte man die Stadt nur als fernen und von völlig verrückten Menschen bewohnten Moloch, den man nur in allergrößter Not besuchte und dann den Aufenthalt auf unbedrohliches Minimum einschränkte denn: „Die sin do eh elle ganz komisch.“
Aus unserem Dorf führten genau vier Straßen, je eine pro Himmelsrichtung. Das Dorf lag im Zusammenfluss zweier Flüsse und wurde von einer Burg bewacht. Die Burg war gleichzeitig so etwas wie Wahrzeichen und Leuchtturm. Weithin sichtbar und von gelegentlichen Rast machenden Touristen bewundert, fotografiert und besichtigt. Überhaupt hatte mein Dorf viele sehr alte Gebäude. Fachwerk war der dominante Baustil und in der Fußgängerzone, die zwar nur wenige hundert Meter lang, aber dafür umso mit Geschäften angefüllter war, reihte sich Fachwerk an Fachwerk, was die Läden zum Teil in merkwürdigsten Räumlichkeiten Unterschlupf finden ließ. Die Fußgängerzone und zwei außerhalb der Stadtmauern liegende Wohngebiete waren das äußere Zeichen, dass sich mein Dorf wie gesagt offiziell Stadt nennen durfte. In einem der beiden Wohngebiete befanden sich zudem Schwimmbad, Turnhalle sowie Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Mein Dorf, das sich Stadt nannte, hatte auch in der kulturell intellektuellen Bildung seiner Jugend die Zügel in der Hand, wenn auch die Schule lange Zeit die einzige Quelle für kulturell hochwertige Vergnügungen der Bewohner war. Für alle Dorfbewohner, die den engen Grenzen des dörflichen Alltags nicht vermittels Besitz eines Autos entfliehen konnten, nannte das Dorf, das wir Stadt nannten, einen Bahnhof sein eigen, an dem, man höre und staune, in regelmäßigen Abständen nicht nur eine Regionalbahn, sondern gar ein Eilzug hielt, um willentlich hierher reisende Touristen abzuladen und temporäre Dorfflüchtlinge aufzunehmen. Züge, Traktoren, Autos, Strom, fließend Wasser, Beleuchtung, Heizung. Grundlegende Technologien, die jeder im Dorf besaß. Alles andere war neumodisches Zeug, das sich teilweise jahrelanger Prüfung und Beobachtung unterziehen musste, bis es von den Stammesältesten in ihren Häusern genutzt und somit für die breite Masse der Dorfbevölkerung akzeptabel und verwendbar wurde.
Außerhalb des Dorfes, etwas abgelegen, gab es die zwei Hauptarbeitgeber neben der Landwirtschaft. Eine Papierfabrik und ein Metallbauunternehmen. Wer nicht dort arbeitete und kein Landwirt war, pendelte mit dem Zug oder dem PKW in jene Städte, die zwar befremdlich waren, aber immerhin für ein gesichertes Einkommen sorgten. Die Pendler zählten aber meist auch zur misstrauisch beobachteten Kaste derer mit mehr als nur Schulbildung und einer Lehre. Das waren die „Studierten“ die sich insbesondere in den Augen der damals das Dorf dominierenden Bauern für was besseres hielten und damit schon eher zu den Aussätzigen in der Dorfgemeinschaft gehörten.
Was im Dorf nicht durch den Fenstersimskissenfunk besprochen wurde, das fand in einer der Kneipen statt, wo diverse Stammtische sich gegenseitig und später ihren Familien die Welt nach ihrem Bilde erklärten. Wer Interesse daran hatte, ein besonderes Talent für die Erzählung fantastischer oder märchenhafter Geschichten zu erzählen der war dort gut aufgehoben, da der Platz der Wahrheit an den Stammtischen meist leer blieb und dafür sich meist eine Runde vortrefflicher Märchenerzähler dort einfand. Nachrichten wurden per Boten und mündlicher Überlieferung vermittelt, wobei hier das stille Post Prinzip zur vollen Anwendung kam und es eine Nachricht selten in vollem inhaltlichem Kontext vom Sender bis zum Empfänger überlebte. Nur all zu gerne wurde ausgeschmückt, weggelassen oder interpretiert.

Wohnen
Es gab in meinem Dorf genau zwei Wohnstile. So wie es sich gehört, in alten, historischen Gebäuden in der Innenstadt meines Stadt-Dorfes. Oder in den Außenbezirken, jenseits der Stadtmauer. Die Häuser dort waren meist moderner, sowohl in der äußeren Erscheinung als auch in den inneren Werten. Oder „neumodischer Kram“, wie die Ureinwohner der Innenbezirke die Gebäude meist nannten. Natürlich gab es strenge Verordnungen, was Form des Gebäudes, Farbe der Fassade und der Dächer und Höhe des Gebäudes betraf. Man zwang so nahezu jedes Gebäude in ein klassisches Korsett. Nur die Dorfhonoratioren, also der Geldadel konnte sich Baueskapaden leisten, die dann meist höchstpersönlich vom Bürgermeister „genehmigt“ wurden. Natürlich nie offiziell, wie generell nichts offiziell aus der Reihe tanzte. Schon hier Intrigen zu wittern galt als verpönt und konnte zur Verbannung aus dem Dorfverbund führen. Wer diesem Bann anheimfiel, der wurde fortan nicht mehr gegrüßt, der existierte quasi für die Alteingesessenen nicht mehr und konnte nur noch auf offene Türen der Zugezogenen hoffen, die ja selbst noch in der kulturell gesellschaftlichen Quarantäne lebten, bis sie die nötige Zahl an Generationen im Dorf erreichten.

Wohnen in meinem Dorf war ein stetiger Wettbewerb um möglichst optimalere Vorgärten, schönere Vorhänge, prachtvollere Fassaden und für den Innenstadtadel ein Kampf ums schönste Fachwerk. Denn was man an Vergleichen mit den großen Städten ignorierte, zelebrierte man umso mehr im engen Kreis der Dorfeinwohnerschaft. Auch gab es nur zwei monetäre Varianten der Niedergelassenheit. In den eigenen vier oder mehr Wänden oder in fremder Leute Wänden gegen Bezahlung eines monatlichen Betrags, den man damals wie heute Miete nennt. Das Konzept eines Obdachlosen war zu damaliger Zeit in meinem Dorf etwas völlig unbekanntes, von dem man gerüchteweise aus der großen Stadt gehört hatte. Häufig ging das Gerücht, Obdachlose existierten nur, weil man nicht in der Lage war, in der Stadt hinreichend Wohnraum bereitzustellen. Auch Teilzeitmiete Durchreisender in unserem Dorf war ein eher seltenes Ereignis, wovon schon der völlige Mangel eines echten eigenen Hotels zeugte. Zwar existierten Hotels quasi via Benennung durch entsprechende Außenreklame. Selbst diese waren aber mehr Restaurant mit optionalen Übernachtungsmöglichkeiten.
Die Verzierung der eigenen vier Wände und des darum gelegenen herrschaftlichen Areals, von manchen profan als Garten bezeichnet war manchen eine Lebensaufgabe, der sie sich jeder freien Minute ihres sonst eher eintönigen Daseins widmeten. Manch Garten machte den Eindruck, sein Besitzer habe weit mehr finanzielle Mittel in die Gestaltung jenes Stück Landes gesteckt als in das Erscheinungsbild des Hauses oder gar das eigene. Nur eines wollte den Betrachter noch mehr beeindrucken als die Gestaltung von Heim und Garten. Das in jeder Einfahrt oder Garage zu findende Kraftfahrzeug. Wobei hier meist Funktion über Form stand. Selbst der Akademiker oder Ingenieur schien davon auszugehen, in kurzen Abständen große Mengen irgendwelcher Materialien hin und her bewegen zu müssen. Der Combi war die häufigste Erscheinungsform eines Fahrzeugs in meinem Dorf, dicht gefolgt vom Kleinbus. Das Konzept des SUV war ein noch gänzlich unbekanntes, wurde ein Fahrzeug jener heutzutage geradezu mystisch überhöhten Fahrzeugkategorie, die zwar keiner braucht, aber scheinbar jeder will, wurde ein solches Fahrzeug gesichtet oder gar besessen, so mit den Worten „Des isch en Geländewaga. Den brauch I firs ufn Acker fahre.“ Womit jedem klar gemacht worden war, dass dieses Fahrzeug keineswegs zum Spaß erworben worden war, sondern mit Bedacht und dem Willen, damit und dadurch harte Arbeit zu verrichten. Das auch ein solches Gefährt die meiste Zeit seiner automobilen und unverrosteten Existenz in Einfahrt oder Garage fristete, war ein hinzunehmender Aspekt des Autobesitzes.
Zentrale Ereignisse des Dorfes fanden stets in einer von zwei klar festgelegten Lokalitäten statt. Da gab es zum einen die Stadthalle, eigentlich nichts weiter als eine Turnhalle mit angeflanschter Bühne für Aufführungen und, so denn mit wirklich größeren Zahlen von Besuchern zu rechnen war die Turnhalle. Richtig, das Äquivalent zur Stadthalle abzüglich der Bühne und damit mit mehr Raum für Publikum. Kultur geschah in der Regel an einem der beiden Orte, alles andere war als Festivität getarntes Besäufnis. Neben den indoor Veranstaltungen existierte noch eine weitere Kategorie von Feierlichkeiten. Die Outdoor Feste wie Stadtfest – Wir erinnern uns, in der Stadt, die eigentlich ein Dorf war – Kirmes, Martinimarkt. Alles Festivitäten, zu denen verschiedene Fahrgeschäfte errichtet und einiges an Buden aufgebaut wurde. Auf dem zentralen Platz des Ortes ergoss sich ein Meer von Bierbänken um die Besucher des Festes, die meist aus der näheren und weiteren Umgebung des Dorfes strömten und die temporäre Einwohnerzahl des Dorfs binnen weniger Stunden einer Verdopplung zuführten. Wobei eine zentrale und wichtige Aufgabe stets der Versorgung mit Bier galt und für diejenigen, die sich nach Meinung der Mehrheit für was Besseres hielten auch Wein.
Die Jahreszeiten fanden im Zusammenhang mit den Wohnverhältnissen insbesondere in ganzen Wagenladungen von Holz ihren Niederschlag. Wer etwas auf sich hielt, besaß nicht nur einen Kachelofen oder eine ähnlich gestaltete Feuerstelle auf Holzbasis. Er nannte meist auch ein mehr oder minder großes Stück Land sein eigen, bestückt mit Holz in senkrechter Ausrichtung, landläufig bekannt als Bäume und in der Ansammlung derselben als Wald, dessen gefällt werden zu bestimmten Zeiten im Jahr eines der zentralen dörflichen Rituale darstellte und denjenigen oder diejenige als autonomen Menschen kennzeichnete, des sich nicht von „denne Konzerne do“ abhängig machen wollte. Der Rest ließ sich mehr oder minder beschämt meist im Frühjahr den Heizöltank füllen, denn damals wankten die Preise für Heizöl nicht nicht wie ein Volltrunkener auf dem Oktoberfest.

Dächer waren zu meiner Zeit noch gänzlich Solar wie photovoltaikfrei und auch sonst war das Konzept des Energiesparens darauf beschränkt, mit dem für den Winter geschlagenen Holz dergestalt zu haushalten, dass am Ende des Winters noch Holz in den Lagerstätten verblieb. Wer sein Haus mit flüssiger Energie erwärmte, interessierte sich selten für die verbrauchten Liter sondern nur dafür, dass der Tank zum Ende des Winters nicht leergelaufen war. Und Gas als Heizmaterial war nahezu gänzlich unbekannt, wurde maximal von ein paar Spinnern genutzt. Der gemeine Dorfeinwohner verband mit Gas viel zu sehr die Gefahren von Explosionen oder anderen Schädigungen für Leib und Leben, als dass er sich an ein so gefährliches Heizmedium wagte. Im Winter merkte man dem Dorf, das Stadt genannt werden, wollte sehr schnell an, wo die Honoratioren wohnten, wo wichtige und wertvolle Mitglieder der Dorfgemeinschaft und wo der ganze Rest.

Man konnte es an der Reihenfolge der Räumung von Wegen und Straßen erkennen. Bürgermeister und Hauptstraße zuerst, dann diejenigen, die zum Geldadel des Dorfes gehörten oder wichtige Positionen wie Feuerwehrhauptmann, Arzt oder Bierlieferant ausfüllten. Danach dann diejenigen, die auf irgendeine Weise für die Dorfgemeinschaft nützlich sein konnten, insbesondere die Landwirte, deren Traktoren gerne und oft genutzte Abschleppfahrzeuge in Winter wie in Sommer darstellten. Der ganze Rest durfte hoffen, mit schneebefreit zu werden, griff aber meist selbst zu den in jedem Haus vorhandenen Mitteln wie Schneeschaufel oder, wenn es etwas technisierter sein sollte, zur Schneefräse. War dann der Winter überstanden, die Jahreszeit fast völliger Ruhe, abzüglich gewisser Schneefräsenmassaker folgte der Frühling, in dem, wie wir alle ja wissen, der Bauer die Rösslein vorspant. Was der Bauer tat, konnte der normale Dorfbewohner nicht lassen. Mit geradezu epischem Eifer wurden die letzten Spuren des Winters beseitigt und der Garten auf die Präsentationspflichten des Jahres vorbereitet. Häckselplätze waren gut besuchte Orte zu dieser Zeit, wenn das nunmehr überflüssige Abdeckmaterial für die wertvolle Pflanzenwelt des Gartenbiotope es überhaupt so weit schaffte. Oft wurde es schlicht irgendwo in den Wald gekippt (Isch doch eh au bloß Grienzeich) oder an Ort und Stelle unter Zuhilfenahme Flüssigbrennstoffs und bei Absonderung teilweise monumentaler Rauchwolken rituell verbrannt. Danach begannen dann mit geradezu erschreckender Gleichzeitigkeit die Pilgerfahrten zum nahegelegenen Gartencenter. Eine der wenigen Gelegenheiten, zu der sich selbst der Dorfbewohner aus seinem engen Biotop in die Gefahrenwelt der städtischen Einzugsgebiete wagt. Ganze Herrscharen von Dörflern mit Kombis, Kombis mit Anhänger, Kombis mit Anhänger und Dachgepäckträgern oder ganz profan, mit Trecker und Anhänger zogen gen Pflanzenmarkt, um das, was trotz dicker Deckreisigschichten den Winter nicht überlebt hatte flux zu ersetzen und neue Ideen für den noch schöneren Garten in die Tat umzusetzen.

Wenn Vater oder Mutter sich das Leben nimmt. Ihr seid nicht schuld

Ich weiß, ein plumper Titel aber die Wahrheit. Natürlich tut es weh, natürlich seid ihr als Kind oder Jugendlicher verzweifelt, wütend, orientierungslos, tieftraurig, verwirrt.

Ein Elternteil hat sich umgebracht. Wer dürfte da nicht all das sein? Es ist euer verdammtes Recht!

Das alles dürft ihr sein, aber glaubt nicht, bitte glaubt niemals, dass ihr schuld seid. Es sind meist sehr viele Einflüsse, die zu solch einem furchtbaren Schritt führen. Aber ihr seid kein Faktor dabei.

Im Gegenteil, selbst im Angesicht der Verzweiflungstat hat man euch geliebt. Man wollte euch Schmerz ersparen. Ja, das klingt verrückt und ist es in gewissem Maße auch. In der Verzweiflung, die zu einem Suizidversuch führt, denkt der oder die Betroffene, es wäre für alle, auch für euch das beste, er oder sie wäre nicht mehr da.

Darüber dürft ihr aber nie vergessen, dass ihr geliebt wurdet, dass einfach die Not viel zu groß war.

Wenn ihr mit der Trauer, der Wut, der Verzweiflung alleine bleibt, kann sie sich in euch fressen und euch kaputt machen. Sucht euch Hilfe. Bitte, ich weiß wovon ich spreche. Ihr seid damit nicht schwach sondern mutig. Und es ist nichts böses, nichts schlimmes, wenn die Narben kleiner werden, und ihr euch irgendwann wieder freut und Spaß empfindet. Damit hintergeht ihr euer verstorbenes Elternteil nicht. Ihr ehrt es, indem ihr euer Leben weiterlebt, indem ihr den Start, denn euch eure Eltern beide gegeben haben zu eurem besten nutzt. Macht euer Leben nicht kaputt, indem ihr in Trauer versinkt. Ihr seid Kinder eurer Eltern. Aber ihr seid auch wundervolle, eigene Persönlichkeiten. Und es ist im Sinne auch eures verstorbenen Elternteils, dass ihr das beste aus dieser Chance Leben macht.

Oh, und vielleicht schafft ihr es irgendwann, auch zu verzeihen. Das wäre das größte, was ihr als Kinder eures toten Elternteils tun könnt.

Ihr seht mich nicht

 

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Ihr glaubt, ihr kennt mich. Sagt ich bin der mit dem Knacks. Der Depressive mit den vielen Ängsten, der Irre, der sich umbringen wollte.

Ihr seht so wenig. Oder ist euch der Maler aufgefallen, der Schriftsteller, der Büchernarr, der Klassikliebhaber.

Habt ihr den Ehemann, Vater, Freund, Lehrer, Lebensretter, Altenpfleger, Sohn kennengelernt?

Wisst ihr vom Träumer, Fantasten, Idealisten, Utopisten, Vortragsreisenden, Barcampbegeisterten?

Was seht ihr wirklich in mir, in anderen Menschen?

So schnell seid ihr mit eurem Urteil, glaubt mich zu kennen, zu verstehen. Ich kann euch nur sagen, ihr wisst nichts von mir, absolut nichts. Ihr könnt nicht in mein Herz, nicht in meine Seele sehen. Ihr seht die Fassade, die ich gebaut habe, um euch zu gefallen.

Aber ich habe eine Überraschung für euch. Die Fassade wird fallen. Weil ich nicht mehr bereit bin, etwas anderes zu sein als ich selbst.

Also gewöhnt euch dran. Und lernt mich wirklich kennen.

einsam, alleine, zu zweit

Michael war schon eine Weile auf der Fete, hatte mit seinen Freunden gesprochen, getanzt, auch ein bisschen geflirtet, als er sie sah.

An der Wand des Saals hatte man Tische aufgereiht, die jetzt als Sitzgelegenheit dienten. Etwas abseits, weiter hinten im Saal saß sie auf einem Tisch, die Beine angezogen, das Kinn auf die Knie gestützt und beobachtete den Saal. Hin und wieder trank sie einen Schluck Limonade aus der Flasche neben ihr. Michael fragt seine Freunde, die abwinkten und sagten: „Das ist Jasmin, ist neu an unserer Schule und ziemlich komisch. Keiner hat wirklich Kontakt zu ihr, sie verschwindet nach dem Unterricht meist gleich nach hause.“

Irgendetwas faszinierte ihn an ihr. Sie hatte nur schwarze Sachen an, ihr langes Haar fiel ihr offen über die Schultern und sie schien damit zufrieden zu sein, alles zu beobachten.

Michael holte sich zwei Limonaden von der Sorte, die auch sie trank und ging zu ihr. Sie blickte weiter starr in den Saal, als würde sie Michael gar nicht wahrnehmen.

„Dich hab ich hier noch nie gesehen, seit wann bist du an unserer Schule?“ Ok, nicht gerade der brillianteste Kennenlernspruch, aber was besseres viel ihm partout nicht ein.

„Drei Wochen.“ antwortete sie einsilbig.

„Hier, hab dir noch ne Limo mitgebracht, deine ist ja leer.“

„Hmm, danke.“

„Magst du nicht mit zu den anderen? Tanzt du nicht?“

„Reicht mir hier, bin kein Typ für Parties.“

Michael fragte verwirrt: „Und warum bist du dann hier?“

„Bin gern unter Leuten.“

„Moment mal. Also du bist nicht der Typ für Parties aber gerne unter Leuten?“

„Mmmhmm.“

Michael trank einen Schluck aus seiner Limo. Dann versuchte er es nochmal, er wusste ja, dass sie Jasmin hieß aber vielleicht würde das ein paar mehr Worte aus ihr locken.

„Ich heiße Michael, und du?“

„Jasmin.“

Wow. Immerhin ein Wort, na ja, nicht wirklich ein Erfolg.

Plötzlich drehte sich Jasmin zu ihm um, ließ ein Bein vom Tisch baumeln, während sie das andere immer noch angezogen auf den Tisch stützte.

„Also, da du ja wohl nicht nachgibst. Ja, ich bin mit meinen Eltern erst vor drei Wochen hier her gezogen. Und das ist nicht der erste Umzug, sondern der … “ sie zählte demonstrativ mit den Fingern “ siebte.“

„Wow, das ist oft.“

„Ja, genau, und weil es verdammt anstrengend ist, sich dauernd neue Freunde zu suchen, die einen dann doch wieder vergessen, sobald man weggezogen ist, hab ich irgendwann aufgehört, mir überhaupt welche zu suchen.“

„Aber bist du da nicht verdammt einsam?“, Michael versuchte sich vorzustellen, wie das ohne seine Freunde wäre, konnte es sich aber nicht wirklich vorstellen.

„Ich bin alleine, aber das ist gut so, weil dich dann niemand verletzen kann.“

„Ist aber ganz schön feige, die Strategie.“ erwiderte Michael.

„Wie bitte? Blödmann, ist überhaupt nicht feige.“ Jasmin funkelte ihn wütend an.

„Tut mir leid, das sagen zu müssen aber doch, es ist feige. Du verhinderst, dass irgendjemand dir nahe kommt.“

Jasmin erwiderte trotzig: „Ach, Klugscheißer, und warum lasse ich dich hier mit mir reden und mich beleidigen?“

Michael beschwichtigte: „Zuallererst. Ich wollte dich nicht beleidigen, ich finde nur …“er druckste.

Jasmin durchbohrte ihn mit ihren Blicken: „Ja? Und? Was?“

Michael atmete tief durch: „Du bist hübsch, du scheinst echt was auf dem Kasten zu haben und mit deinen Klamotten und deiner Unnahbarkeit bist du zumindest in meinen Augen auch verdammt interessant.“

Jasmin lachte laut auf: „Mal ne ganz neue Art von Anmache. Danke fürs Kompliment, aber ich bin mir selbst genug.“

Michael gab auf: „Sorry, wenn ich dich nerve. Ich geh wieder zu meinen Kumpels. Falls du Lust auf Tanzen oder Reden hast. Ich bin da, ich lach nicht über dich und übrigens hab ich einen sehr guten Freund, der vor drei Jahren 200km weit weg gezogen ist. Und wir sind immer noch im Kontakt und treffen uns, wann immer möglich. Geht also auch anders Blödfrau.“

Damit stand Michael auf und ließ Jasmin mit ihrer neuen Limonade und einem überraschten Gesichtsausdruck zurück.

Der Rest des Abends lief wie die meisten dieser Abende, viel tanzen, viel lachen, und Gespräche unter Freunden.

Als er gerade eine neue Limo holen wollte, tippte ihn jemand von hinten auf die Schulter. „Gibst du mir auch eine, Blödmann?“

Michael musste grinsen, griff nach einer weiteren Limo und wendete sich Jasmin mit zwei Limonadenvollen Händen zu.

„Hey, die mysteriöse Lady ist aufgetaut.“

Jasmin zög die Augenbrauen zusammen: „Wenn du doof wirst, kann ich auch wieder gehen.“

„Bleib lieber, ich möchte dir nicht dauernd hinterherlaufen müssen.“

Jasmin lächelte: „Keine Sorge, bin normalerweise nicht für ausgiebige Wanderungen bekannt.“

„Hier, deine Limo.“

Jasmin nahm die Flasche entgegen, trank einen Schluck und fragte dann: „Das mit deinem Freund, das hast du nicht nur so gesagt?“

Michael schüttelte energisch den Kopf: „Nein, Stefan und ich sind immer noch dicke Freunde. Wenn man es mit der Freundschaft ernst meint, dann darf weder Zeit noch Distanz ein Hindernis sein.“

Jasmin ließ ihr Flasche gegen Michaels schlagen.

„Können wir Freunde sein?“

Michael musste sich sehr anstrengen, seine Überraschung zu verbergen.

„Gerne, auch wenn du das vielleicht nicht glauben magst. Du warst mir schon sympathisch, als ich dich da so in dir versunken entdeckt habe.“

Jasmin grinste: „Du bist auch in Ordnung, wie mir scheint. Los, lass uns tanzen.“

„Wie jetzt, ich dachte, du machst dir nichts aus Parties?“

„Ja, bislang aus Freundschaften auch nicht.“

 

 

Wieso bringen sich so viele Depressive um?

Das ist ein Beitrag zur Blogparade des Totenhemd Blog. Wie ich finde ein sehr guter Blog, der mal offen und ehrlich mit dem Thema Tod umgeht:

Nicht ganz einfach zu beantworten, da man dazu vermitteln können müsste, wie dunkel, wie hoffnungslos die pure Existenz für einen depressiven Menschen sein kann. Es fühlt sich nicht an wie der Winterblues oder die Trauer, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Es ist tiefer, dunkler, beängstigender.

Und es ist oft der einzige Ausweg, den man als Depressiver noch sieht, der letzte Punkt, an dem man selbst noch Kontrolle hat. Kontrolle über sein Leben, die man den Rest der Zeit längst an die Depression abgegeben hat.

Depressive Menschen wollen nicht tot sein. Sie wollen nur das Leben nicht mehr, das ihnen in dem Moment so viele Schmerzen bereitet. Und sie sehen in ebendiesem Moment keinen anderen Weg mehr. Der Schmerz ist so groß geworden, dass er alles überlagert.

Ein depressiver Mensch will mit seinem Tod niemandem weh tun, im Gegenteil, in den allermeisten Fällen denkt er, dass alle um ihn herum ohne seine Existenz besser dran wären. Selbst wenn er eigene Kinder hat, eine Partnerin. Auch sie sind nach seinem Empfinden ohne ihn besser dran. Auch die, deren Versuch scheitert, wollten sich töten. Dieser dumme Spruch, das war doch nur ein Hilferuf entwertet die schwere ihrer Krankheit. Nein, es war kein Hilferuf, es war ein klares Zeichen, dass man nicht mehr kann, nicht mehr will, einfach nicht mehr die Kraft hat, weiter gegen den Dämon Depression zu kämpfen.

Es ist, trotz aller Verzweiflung ein durchaus schönes Gefühl, am nächsten Tag lebend aufzuwachen. Aber nur kurz. Dann bereut man, dass man es nicht geschafft hat. Weil der Dämon schon vor der Tür wartet.