Wenn gut gemeintes dich ins Loch stösst

Schlimmer noch als böse Menschen, toxische Typen, giftige Gestalten sind all die, die es doch nur gut mit dir meinen.

Da hast du es gerade einigermaßen auf einen stabilen Stand geschafft, fühlst dich gefestigt, denkst, du kannst auch den Arbeitsalltag wieder stemmen, dann mischen sich Klugscheißer ein, die über deinen Kopf hinweg entscheiden, dass du wohl nicht stabil genug bist. Die haben die unverschämte Arroganz, die Überheblichkeit, zu entscheiden, wie ich zu sein habe.

Oder noch schlimmer, die begreifen einfach nicht, dass nur weil ich jetzt aus den Kliniken und der Wiedereingliederung raus bin, das noch lange nicht heißt, dass ich gesund bin. Ich bin stabil, ich hab meinen schwarzen Hund gerade unter Kontrolle, da kommt eine gute gemeinte aber für mich fürchterliche Breitseite, die mich wieder tief ins Loch der Depression stößt. Die eine Panikattacke auslöst, Selbstverletzung und depressive Gedanken in Reinkultur.

Sensibilität, das ist etwas, das viele von sich zu haben behaupten, aber ganz wenigen gegeben ist.

Und ich darf die Trümmer meines gerade geklebten Seelenkruges wieder mühsam zusammenflicken, denn man damals vermutlich nicht mal absichtlich zerbrochen hat und mich damit fast umgebracht.

Bitte, meint es nicht gut mit mir, wenn euch nicht wirklich interessiert, wie es mir geht, wenn ihr nicht begreift, dass ich Depressionen auch weiterhin haben werde, und auch gerade deshalb ernst genommen, gefragt werden will. Arroganz und Ignoranz. Ich kann sie nicht mehr ertragen. Lasst ich lieber in Ruhe, bevor ihr gänzlich unbedarft in meiner Seel herumstochert und mich mehr verletzt, als ihr es vielleicht ahnt.

Warum wir alle verrückt werden sollten.

„Bin ich etwa verrückt geworden?“, fragte der Hutmacher traurig. „Ich fürchte, ja“, sagte Alice, „du bist total durchgeknallt. Aber soll ich dir ein Geheimnis verraten? Das macht die Besten aus.“

(Alice im Wunderland von Lewis Carroll)

Normal sein. Brav sein. Gefolgsam sein. Ein guter, williger, konformistischer Angestellter, der ja keine rebellischen Gedanken hat, am besten gar nicht eigenständig denkt sondern nur zum Wolle des Unternehmens.

Braver Bürger, der sich an Regeln und Gesetze hält, ohne sie zu hinterfragen, ohne zu zweifeln.

Wir werden so häufig in ein scheinbar normales Korsett von Verhaltensweisen, Vorschriften und Drohungen  gesperrt, dass es uns oft den Atem raubt. Dabei sind diese Regeln und Normen oftmals nur für ganz bestimmte Menschen oder Instanzen normal, sinnvoll, nützlich. Für den großen Rest stellen sie eigentlich den blanken Wahnsinn dar.

Der verrückte Hutmacher aus Alice im Wunderland
Der verrückte Hutmacher aus Alice im Wunderland

Ein Banker verdient mit dem Geld hin und her schieben Unsummen, eine Krankenschwester kann froh sein, wenn sie nach vielen unbezahlten Überstunden von ihrem Gehalt überhaupt leben kann. Großkonzerne suggerieren uns, wir seien krank, hätten Defizite, bräuchten teures Functional Food oder Nahrungsergänzungsmittel.

Und erst jüngst haben mehrere Studien nachgewiesen, dass die Psychopharmaka, die auch ich gegen meine Depressionen verschrieben bekommen habe, eigentlich genau so viel Wirkung zeigen, wie Plazebos und lediglich bei ganz schweren Fällen einen gewissen Nutzen haben.

Wir schicken Kinder in Schulen, die schon wir hassten, damit sie Dinge lernen, die sie später nicht brauchen oder noch schlimmer, damit sie zu willigen Lohnsklaven für die Arbeitgeber ausgebildet werden, statt universell gebildet zu sein, um dann möglicherweise die eine oder andere Lüge oder Dummheit zu hinterfragen. Und von Afd und Pegida, dieser Ansammlung scheinbar normaler Bürger, die für mich eine Ausgeburt an Dummheit und Ignoranz sind, will ich gar nicht erst beginnen.

Das da draußen, das, was man uns als vernünftig, gut, richtig präsentiert ist zum Teil viel größerer Wahnsinn, als ich ihn jemals in der Psychiatrie erlebt habe.

Oder wie ich darüber twitterte:

Ich will gar nicht mehr normal sein. Lieber bleibe ich ver-rückt. Hinterfrage, drücke den Finger in die Wunde, zeige auf, wo der Irrsinn haust. Und bleibe dabei selbst bei klarem Verstand, denke selbst, bleibe am Leben. Denn viel zu lange habe ich mir einreden lassen, wie ich richtig zu sein habe. Von Menschen, die selbst nicht ganz richtig waren.

Bei so vielen roten Königinnen und Königen da draußen bleibe ich lieber der verrückte Hutmacher und lebe nach meinen Regeln.
Das Buch, man wollte es mir ausreden. Die TV Doku, man wollte sie mir ausreden. Du bist zu oft im Internet, du bist ja Internet, Smartphone, Literatur, Musikabhängig, name it, sie behaupteten es. Angst? Neid? Dummheit? Egal. Aber es wäre verrückt, auf sie zu hören, verrückt es nicht zu tun. Da bin ich dann ja fast schon normal. Ist das nicht verrückt?

Die Schere im Kopf und das Blockwartdenken

Ich schreibe nicht alles, was mir am Herzen liegt. Nicht, weil ich dafür keine Worte finden könnte. Aber weil ich weiß, dass ich bespitzelt werde, dass man sich wohl Sorgen macht, ich könnte den Finger in Wunden legen, die man lieber unter den Tisch kehren will.

Ja, das ist Zensur, sogar Zensur, die ich mir selbst auferlege. Aber mit einer Familie ist man erpressbarer als alleine. Und zudem ist es mir den ganzen Ärger nicht wert, zu erzählen, was die unliebsame Wahrheit ist. Mir sind jetzt andere Themen wichtig. Die Aufklärung über Depression, die Prävention von Suizid.

Natürlich bin ich weiterhin wütend über die Bespitzelung und würde liebend gerne dagegen vorgehen. Aber das bedürfte Anwälten, und viel Energie, die ich so mit meiner chronischen Depression im Moment einfach nicht habe. Aber die Prioritäten haben sich durchaus verschoben und wo ich mich zuvor schwer getroffen fühlte denke ich mir immer öfter das Götz Zitat. Wo mich Green- oder White washing geärgert haben freue ich mich heute diebisch, wenn das ganze von der Hand des „Waschenden“ selbst in sich zusammenstürzt.

Als Buchautor habe ich zudem andere „Waffen“, die ich durchaus einzusetzen weiß, so wird mein Buch über meine Zeit in den Therapien sicher ein erhellender Einblick in das, was einem als Suizidüberlebendem so alles widerfährt.

Dennoch. Ja, ich habe bei gewissen Themen eine Schere im Kopf. Aber nur so lange, bis die Drohungen massiver werden. Dann werde ich mich zu wehren wissen. Nochmal ins Eck treiben lassen, no way.

Manchmal ist es besser wenn etwas nicht passiert

Noch laufen die Dreharbeiten für die 37° Doku.  Nicht alle Player, die ich gerne dabei gehabt hätte, machen mit.  Angeblich zu meinem besten…. ohne mich zu fragen.  Früher hätte ich mich aufgeregt, aber auch hier war die Depression mir ein Lehrmeister. Außerdem tauchen sie auch im Buch nicht offen auf.
Ich bin nicht für das Wohl anderer verantwortlich.  Und wenn ich ohne Anstrengung die Dreharbeiten überstehe und andere das anders sehen. Pech gehabt.  Zumal da noch andere Baustellen schwelen. Und auch in der zweiten TV Doku und im Buch bin ich clean.
Jetzt kann ich die restlichen Dreharbeiten ganz gelassen angehen.  Und auch eine große französische Stadt wird noch eine Rolle spielen.

Vieles ist auch während der Therapien im letzten Jahr falsch gelaufen. Die vermeintliche Internetsucht war da nur die lächerliche Spitze  des Eisbergs. Auch das wird Thema des Buches und Teil meiner Heilung.
Distanz zu toxischen Menschen.  Ich merke immer mehr, dass das zu einer meiner wichtigsten Regeln werden wird. Und nicht zu lange über  anderer Leute Fehlverhalten aufregen.  Aber einen Gruß an jene schicke ich dann doch.  Danke.  So ist es mir lieber.

Die Wirtschaft will Spitzenleistung. Dann soll sie auch liefern.

Manager predigen Spitzenleistung, fordern jedes Jahr 5% mehr Leistung. (Ohne natürlich zu hinterfagen, ob das die Mitarbeiter auch gesundheitlich und psychisch verkraften, aber dafür sind sie ja verplanbare und verbrennbare Humanressource.)

Gleichzeitg schanzt sich das Topmanagement fürs Versagen bei Projekten wie Berlin, Stuttgart oder auch anderen großen Aufgaben, wie zum Beispiel einer guten, ehrlichen und menschlichen Unternehmenskultur bei VW Millionengehälter zu und ändert das erst nach massivem öffentlichen Protest.

Wir alle sollen in einer Kultur der Spitzenleistung existieren, in der wir konsumieren wie die Idioten und gleichzeitig arbeiten bis zum Umfallen. Natürlich aber dann, wenn es daran ginge Rente zu beziehen am besten tot in die Kiste fallen, damit wir ja nicht mehr dem Staat auf der Taschen liegen, der uns davor Jahrzehnte geschröpft hat, während er den Konzernen jede mögliche Erleichterung verschaffte. Nur, weil die Manager da oben, die ohne jede Bodenhaftung in anderen, in surrealen Fantasiewelten existieren, nur weil diese Manager mit Arbeitsplatzabbau drohten, den sie dann so oder so machten.

Wie wäre es zur Abwechslung mal, wenn die Wirtschaft liefern würde, statt uns, den Konsumenten wie eine dumme Melkkuh zu behandeln. Wenn es möglich wäre, auch ohne Arbeitsplatz gut zu existieren, statt sich von der Hartz IV Stasi verfolgt zu wissen, die einem nicht das kleinste bisschen Alterssicherung gönnt und immer nur so tut, als wären alle Hartz IV Empfänger Verbrecher, wohl wissend, dass die eigentlichen Verbrecher ganz woanders sitzen.

Das wir Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens verspotten, ist da nur logisch. Nicht, weil das eine dumme Idee wäre, ganz im Gegenteil. Aber es würde den Bürger mündiger, unabhängiger von den Konzernen machen. Wir wären nicht mehr die Lohnsklaven, die jeden Schwachsinn mitmachen müssen, weil man ja sonst gefeuert wird. Und es würde aus den Unternehmen ehrlicher berichtet, statt schön zufärben bis Whistleblower die Wahrheit ans Licht und sich selbst ins Gefängnis bringen. Eigentlich ein Unding. Statt die eigentlichen Straftäter zu bestrafen wird immer noch der den Skandal aufgedeckt hat, verfolgt. Es melde sich, wer schon mal eine Pressemitteilung, ein Unternehmensmagazin gelesen hat, in dem ehrlich berichtet wird und nicht schöngefärbt, so dass es eigentlich einen Preis für das beste Märchen wert wäre.

Wir werden halt tatsächlich immer noch von der Wirtschaft beherrscht, für die wir nichts weiter als willige Arbeitnehmer und noch willigere Konsumenten sein sollen. Und ja keine Leistung von Unternehmen fordern. Wir haben ja schon deren viele gesundheitsschädliche, überflüssige, die Umwelt schädigende Produkte, die kein Mensch braucht.

Was wir brauchen, ist weniger Druck, Verlangsamung, mehr Menschlichkeit, mehr Rücksichtnahme und weniger Gier in den Chefetagen.

Wir leben in einem Irrenhaus, in dem die Wärter die eigentlichen Irren sind.

Niemand ist schuld, niemand kann was tun. Klar, ich bin der Idiot

Ganz ehrlich. Ich finde es zum Kotzen. Wie sich diejenigen, die eine gewisse Mitschuld am vergangenen Jahr tragen, ganz bewußt aus der Verantwortung stellen.

Da darf ja nichts negatives erzählt werden, und wenn, dann nicht in „diesem“ Umfeld. LÜGE. Ich nenne es LÜGE.

Und es ist dummes Geschwätz, dieses „wir müssen jetzt nach vorne blicken, die Schuldfrage zu klären hilft niemandem.“ Doch verdammt. Mir hilft sie, in dem sie mir erlaubt, die für mich toxischen Menschen und Situationen zu identifizieren und wenn möglich aus meinem Leben zu kicken. Es gab Fehldiagnosen, unsensibles Verhalten, Mobbing. Es gab Ignoranz, Intoleranz und Unverständnis.

Natürlich habe ich eine Mitschuld an all dem. Zu spät meine Erkrankung akzeptieren und offen damit umgehen. Zu spät erst auf mich, dann auf andere hören.

Aber es ist eben einfach nicht wahr, dass das Umfeld dafür nichts kann. Es kann sehr viel, indem es den Druck erhöht, in dem es mit Unverständnis auf andere Lebensmodelle oder meine Interessen reagiert, indem es einfach schlicht zu doof, zu einfältig, zu rückständig ist.mordor

Klinge ich nach Wut? Klar. Hab ich auch. So viel wurde an mir, mit mir kaputt gemacht. Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vor meinem Suizidversuch war und das ist nicht unbedingt positiv. Es gibt neue, positive Seiten wie meine neue Rolle als Buchautor und Speaker zur Suizidprävention und Depressionsaufklärung. Auch die TV Doku 37° zu Depressionen, bei der ich einen großen Part spiele ist sehr positiv. Aber ratet mal: Ja genau, das wollte man mir ausreden, schlecht machen, mich dumm dastehen lassen. Man wollte Einfluß nehmen auf meine Freizeit, auf meine freie Meinungsäußerung, wollte mich auf Twitter und Facebook zensieren. Aber eins habe ich durchschaut. Dahinter steckte und steckt pure Angst. Angst, dass die geschönte und verlogene Fassade Risse bekommt, Angst, die eigene Mitschuld vor Augen geführt zu bekommen. Dabei, wenn ich an die bislang geschehenen Vorträge denke. Ich musste überhaupt nichts sagen. In den Gesprächen danach vermuteten die meisten meiner Zuhörer von sich aus ganz richtig, was eigentlich passiert war. Insofern ist das Ganze sowieso zu einem Selbstläufer geworden.

Das Gute. Ich hab einmal eine Grenze fast ganz überschritten. Mich ficht solch Drohgebaren nicht mehr an. Wenn ich erneut zu sehr in die Ecke gedrängt und bedroht werden sollte, habe ich andere Mittel. Diesmal weiß ich, wie es geht. Und diesmal wird dann auch ein sehr ausführlicher und erklärender Brief ausgeliefert werden. Ja, nicht nur hinterlegt. Der geht dann auch an die Presse. Ich drohe? Klar, bin ja auch genug bedroht worden. Lebensbedrohlich bedroht.

Denn eins hab ich ebenfalls gelernt. Existentielle Bedrohungen lassen sich manchmal nur mit dem Gang an die Öffentlichkeit abwenden. Denn ich bin nicht der Idiot. Und das lasse ich mir auch nicht mehr einreden.

Du bist doch depressiv, du kannst das doch nicht.

Warum eigentlich meinen alle besser zu wissen, zu was ich in der Lage bin und zu was nicht? Wie? Du warst das ganze Wochenende auf dem Literatur Barcamp in Heidelberg? Das muss dich doch sehr angestrengt haben? NEIN, HAT ES NICHT. Warum wissen andere denn immer so viel besser, was mich anstrengt?

Das Literatur Barcamp war für mich pure Erholung, Inspiration, Stimmungsaufhellung. Genauso wie die Arbeit an meinem Buch. Das strengt zwar in gewissem Sinn auch an. Aber diese Anstrengung empfinde ich als sehr positiv und sie lenkt mich hervorragend von meiner Depression und meinen Ängsten ab. Beim Schreiben habe ich das Schicksal im Griff, zumindest im Rahmen der Fantasie der Autorenrolle.

Und ja, ich mache bei Dreharbeiten mit, aber auch die strengen mich bei weitem nicht so an wie klugscheissende Ärzte, die behaupten, das „wäre für den Herrn Hauck aber noch nichts.“ Völliger Quatsch, aber immerhin folgte darauf der Mandatsentzug. Lass mir doch nicht von anderen vorschreiben, was ich kann und was nicht. Vielleicht ist das das eigentlich Ärgerliche daran, mit der Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Es gibt plötzlich so viele besorgte Besserwisser, die zwar von der Krankheit keine Ahnung aber tausend Helferlein zur Hand haben.

Wisst ihr was? Verpisst euch. Ich krieg das schon in den Griff, mit denen, die wohlwollend an meiner Seite stehen statt mit erhobenem Finger über mich zu richten.

Ich entscheide. Das hab ich viel zu lange nicht.

Also, weg mit den toxischen Menschen. Und wenn ich sie nicht physisch meiden kann, dann fliegen die zumindest aus meinem Kopf.

So.