Das Schreiben geht weiter

Band 1 meiner Geschichte vom Suizid zurück ins Leben wird bald erscheinen. Ab dem 13. Januar ist „Depression abzugeben“ im Buchhandel verfügbar. Aber meine Geschichte geht weiter. Und deshalb entsteht gerade Band 2 meines Weges aus der Depression. Ob auch er veröffentlicht wird? Ich weiß es nicht, hängt wohl auch davon ab, wie viele von euch Band 1 kaufen. Aber schreiben werde ich ihn auf jeden Fall. Weil mit dem Ende der Kliniken der eigentliche Weg in den Alltag erst begonnen hat. Weil der Weg nicht gerade, teilweise steinig, teilweise auch beängstigend war und ist. Aber im Gegensatz zu 2015 will ich hier bleiben. Dafür werde ich kämpfen. Und auch diesen Kampf werde ich in Band 2 beschreiben. Natürlich alles wieder abgewandelt, leicht verändert, aber in der Grundaussage so wahr wie Band 1 mit dem ersten Teil der Geschichte, meiner Geschichte, meiner Rückkehr ins Leben.

Hier schon mal ein kleiner Auszug:

Ich hatte es nun wirklich oft genug gesagt. »Ich habe eine Angststörung, ich bekomme Probleme in jeder Form von Beurteilungsgesprächen. Das dritte ist es nun, das ich zu führen gezwungen bin. Als geführt werdender. Oder, was natürlich niemand außer mir sehen kann, als Nervenbündel voll Panik und eben den Gefühlen bis hin zu »Ich mach Schluss«, die ich eigentlich vermeiden will. Weil sie Trigger sind. Aber was das System nicht vorsieht, sich einfach solche Triggergespräche mit mir zu schenken, das wird dann eben nicht gemacht. Also muss ich eine Strategie entwickeln, mit diesem dritten Gespräch fertig zu werden. Mir ist bereits jetzt klar, dass ich zusammenbrechen werde. Schon Gespräch Nummer zwei fand nahe an der Kante statt und hatte mich tief in mein depressives Loch gezogen.
Natürlich waren da immer die üblichen Sprüche wie: Das ist nur zu Ihrem Besten oder Wir müssen das tun, das ist nun mal so. Keine Beruhigung für mich, eher eine weitere Lunte fürs Panikfeuer. Was hatte ich mich bemüht, hier gelassen zu bleiben. Nicht erst seit den Kliniken, nicht erst seit dem Berufsleben. Schon in der Schulzeit war alles, was auch nur annähernd etwas von Prüfungs- oder Beurteilungscharakter für mich hatte, der blanke Horror. Da lief nichts objektiv, weil ich mich in diesen Gesprächen aufführte wie das Kaninchen vor der Schlange. Duldungsstarre, Angstschweiß und der Wunsch, so schnell wie möglich weg zu dürfen. Woher das ganze kam, keine Ahnung. Vielleicht wie so vieles meiner Mutter geschuldet, für die nichts, was ich tat jemals richtig war. Und etwas besser wissen als sie ging schon mal gar nicht.

Aus gegebenem Anlaß: Remember, remember the fifth of november.

Ein kleiner Gruß an alle, die mir Böses woll(t)en, nach dem Leben trachten oder sonstwie ein Arschloch in meinem Umfeld sind.

English Folk Verse (c.1870)
The Fifth of November

Remember, remember!
The fifth of November,
The Gunpowder treason and plot;
I know of no reason
Why the Gunpowder treason
Should ever be forgot!
Guy Fawkes and his companions
Did the scheme contrive,
To blow the King and Parliament
All up alive.
Threescore barrels, laid below,
To prove old England’s overthrow.
But, by God’s providence, him they catch,
With a dark lantern, lighting a match!
A stick and a stake
For King James’s sake!
If you won’t give me one,
I’ll take two,
The better for me,
And the worse for you.
A rope, a rope, to hang the Pope,
A penn’orth of cheese to choke him,
A pint of beer to wash it down,
And a jolly good fire to burn him.
Holloa, boys! holloa, boys! make the bells ring!
Holloa, boys! holloa boys! God save the King!
Hip, hip, hooor-r-r-ray!

Ein Mann hat keine Angst

20160504_080232Schön wäre es, wenn das stimmen würde. Ich habe ja neben meiner Diagnose „Schwere, wiederkehrende Depression“ leider auch noch eine generelle Angststörung diagnostiziert bekommen. Und die ist wohl, so wurde mir von mehreren Therapeuten bestätigt, der ursprüngliche Grund für meinen Suizidversuch.

Und meine Angststörung äußert sich auf eine absolut perfide Art und Weise. Auf einfache Art durch Angst vor jedweder Gefahr, diese aber übersteigert. Also Todesangst, wo andere so ein kleines, aufregendes Kribbeln verspüren würden. Nicht immer, meist ist sie nur da, wenn auch die Depression sich mal wieder zu Wort gemeldet hat.

Die schlimmere Angst ist die vor Beurteilungen, vor jedweden Gesprächen mit hierarchisch über mir stehenden Menschen. Ich weiß nicht genau, was der initiale Auslöser war, meine Therapeuten vermuten Kindheitserlebnisse, aber in Beurteilungsgesprächen kann es extrem schnell passieren, dass ich in den absoluten Panikmodus verfalle. Dabei muss nicht mal ein berechtigter Grund für die Angst vorliegen. Ich vertraue der Situation einfach nicht, vielleicht, weil man ein paar Mal zu oft über meinen Kopf hinweg falsch und für mich ungünstig entschieden hat.

Aber immerhin habe ich mittlerweile den Mut, meine Angst zu artikulieren, mich nicht mehr zu verstecken und so zu tun, als sei ich der Typ Mann, wie man ihn erwartet. Nein verdammt, auch als Mann kann man Angst haben, und dass viele glauben, man(n) müsse das verstecken, macht nur noch kranker. Und überhaupt, warum soll ich eigentlich solche Angstsituationen aushalten, wenn ich sie auch meiden kann.

Ein wenig von meiner Angst verliere ich, wenn ich kreativ bin. Das Schreiben des Buchs war eine wahre Wohltat gegen die Angst, die da immer wieder an die Oberfläche wollte, wo aber kein Platz für sie wahr. So lange ich selbst über mein Handeln entscheiden kann, ist alles gut. Wenn man mir aber erklären will, wie ich zu arbeiten habe, wenn man Ratschläge gibt wie: „Du musst jeden Tag zurückmelden, was du tust.“ dann bricht sich bei mir mein Dämon Bahn. Denn etwas tun zu sollen, das ich von meinem Wesen her nicht kann und nicht will, das erzeugt neue Angst und Panik.

Ich bin introvertiert, ich suche nicht die Menschen ich besuche sie höchstens mal. Aber in einer extrovertierten (Arbeits-)Welt hat man da Pech gehabt und fällt automatisch negativ auf. Und dann auch noch hochsensibel, das macht das ganze noch schlimmer, weil man immer etwas eher spürt, wenn etwas nicht gut läuft, wenn jemand gutes will, aber böses erzielt.

Ich kämpfe mit meiner Angst, so viel Mut habe ich. Und ich stehe zu ihr, mache sie öffentlich. Denn wenn wir uns vor bzw. mit  ihr verstecken, machen wir alles viel schlimmer. Lebensgefährlich schlimm.

Ein Dank jenen, die mich begleitet haben und zu mir standen

dpressEs verändert sich was in mir, es wechselt etwas zum Besseren. Ich glaube langsam wirklich an das Projekt „Buch“. Dass es ein Erfolg werden könnte.

Dass ich mich tatsächlich Autor nennen darf, und dass es nicht eine Eintagsfliege bleibt, sondern nocimg_20160930_122711h weitere Bücher folgen. Woher dieser Mut kommt? Keine Ahnung. Verzweiflung? Der Wunsch, etwas zu verändern?

Der Wunsch, mich selbst zu verändern? Egal, der Robert Frostsche wenig begangene Pfad ist gewählt und Umkehr ist keine Option mehr. Danke Angela , danke Cindy für den Glauben an das Projekt, für den Glauben an mich als Autor.

All der Zuspruch für meine Offenheit, all die Kommentare, die Feedbacks auf Barcamps, Konferenzen und auf Twitter. Ja, es ist ein Glück, dass mein Suizidversuch gescheitert ist. Das kann ich jetzt aus vollstem Herzen sagen.

Danke allen Freunden, Mitpatienten, allen, die zu mir standen, als mein Leben tiefdunkel wurde, allen, die mich auf dem Weg aus dem Tal begleitet haben. Auch für euch entsteht dieses Buch.

Der allergrößte Dank geht aber an zwei Frauen, die wortwörtlich beteiligt waren an der Rettung meines Lebens. Bettina, die tollste Kollegin, die man sich wünschen kann. Und über alle Maßen meine Frau Sibylle. Sie ist der Fixpunkt in meinem Leben, der Grund für die Wiederaufnahme des Kampfs gegen meine Dämonen und für meine Ideale. Nein, ich werde nicht schweigen, nein, das Buch ist keine Spielerei, ebenso wenig die TV Doku. Es sind Ausdrucksformen meines unbedingten Wunschs, nicht mehr das Leben anderer Menschen zu leben, nicht mehr Dinge wichtig zu nehmen, weil andere sie für wichtig halten. Ich bin Autor. Der Wunschtraum meines Lebens geht in Erfüllung. Und so viele gute Menschen haben ihn möglich gemacht und begleitet.

Einfach, Danke!

 

Rezension von: „Ich komm auf Deutschland zu“

Kennengelernt habe ich den Autoren Firas Alshater zuerst über das sicher vielen bekannte YouTube Video darüber, wie er in Berlin das Umarmungsexperiment gemacht hat und über seine ersten Eindrücke von typisch Deutschen.

Nicht nur die Botschaft des Videos sondern auch seine sympathische Art fand ich begeisternd. Als ich ihn dann auf der re:publica 2016 dank Manuela Braun (Danke Manu für die Einladung) persönlich kennenlernen durfte, bestätigte sich mein Eindruck. Ein fröhlicher, weltoffener, toleranter und hochkreativer Syrer. Den Flüchtling sah ich in ihm damals nicht und heute immer noch nicht.

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Auch auf der Buchmesse durfte ich Firas treffen. Und wie nicht anders zu erwarten hatten wir viel Spass. War einfach Zuckaaarrrr

Um so mehr hat mich die Lektüre seines Buches „Ich komm auf Deutschland zu“ berührt.
Was dieser Mann alles in Syrien erlebt hat, wie viel Folter, Leid und Tot. Schon dafür bewundere ich, wie offen und fröhlich Firas immer noch wirkt. Sein Buch ist eine Offenbarung für alle, die nicht das Medienbild des syrischen Flüchtlings sondern die Erfahrungen aus erster Hand kennenlernen möchten. Eigentlich läuft das Buch in zwei Erzählsträngen. Da sind zum einen die Erlebnisse seit seiner Ankunft in Deutschland aber immer wieder auch Rückblenden auf seine Kindheit und Jugend in Syrien. Ja Firas, so wie ich dich kennenlernte bis du nicht 25 sondern seelisch bereits mindestens 35. Die Erlebnisse, teils erschütternd, teils so fassungslos grausam, dass ich versucht war, einige Abschnitte zu überspringen, dann aber weiterlesen musste, weil ich die ganze Geschichte kennen wollte, diese Erlebnisse aus erster Hand zeigen die ganze Grausamkeit eines Krieges, den wir nur noch medial gefiltert und durch den Weichzeichner gedreht sehen.

Firas erspart uns nicht die brutalen Wahrheiten eines Regimes, das sein eigenes Volk nur durch Angst kontrollieren kann.

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Einhellige Wertung der beiden Frauen in meinem Haushalt: Daumen hoch für das Buch

Und dennoch gibt es auch viele sehr heitere und komische Momente, sei es im Umgang mit der deutschen Polizei, dem Fetisch Papier und Dokument oder schlicht mit der Wohnsituation in Berlin und den zum Teil hirnrissigen Regelungen des deutschen Asylrechts.
Firas schreibt humorvoll, authentisch, schonungslos und dennoch oder gerade deshalb sehr unterhaltsam.
Damit ist „Ich komm auf Deutschland zu“ für mich das Buch, das wenn schon nicht auf dem Gabentisch dann zumindest in jedem Bücherregal landen sollte, nachdem man es verschlungen hat, weil die Geschichte so packend ist, dass an ein Aufhören nicht mehr zu denken ist.

„Ich komm auf Deutschland zu“ von Firas Alsahter ist erschienen im Ullstein Verlag zum Preis von 14,99 Euro broschiert oder 12,99 Euro als Kindle eBook und es ist für mich das Buch des Leseherbsts.

Ich komm auf Deutschland zu: Ein Syrer über seine neue Heimat

von Firas Alshater

Broschiert: 240 SeitenVerlag: Ullstein extra (14. Oktober 2016)Sprache: DeutschISBN-10: 3864930499ISBN-13: 978-3864930492

Der brennende Note 7 Akku ist kein Technik- sondern ein Managementproblem

Jpeg

Auch die zweite Generation des Note 7 fängt Feuer. Eigentlich war es zu vermuten. So schnell kann man einen so gefährlichen und eklatanten Fehler nicht komplett bereinigen. Aber woher kommt der Fehler. Es ist sehr einfach wie immer die Ingenieure also die kleinsten Lichter als Schuldige herauszustellen.
Für mich liegt die Hauptschuld aber beim Management und hier insbesondere beim Marketing. Es wurde offensichtlich mit Druck gearbeitet, um das Note 7 auf Teufel komm raus vor dem Apple Gerät auf den Markt zu werfen.

Idiotische Entscheidung aber natürlich marketingtechnisch richtig. Nur, wollen wir wirklich Sicherheit dem Marketing opfern? Wollen wir Menschen über Erscheinungstermine und Produktreife entscheiden lassen, die von den technischen Grundlagen der Produkte überhaupt keine Ahnung haben? Wir sollten vielleicht darüber diskutieren, wie viel Sinn es wirklich macht, jedes Jahr ein neues Smartphone auf den Markt zu werfen, dass sich dann nur marginal vom Vorjahresmodell unterscheidet.

Es wird Zeit, die Marketingdenke ab- und den Verstand wieder einzuschalten. Sonst werden bald auch Smartphones anderer Hersteller zu gefährlichen Zeitbomben.

Ich bin anders als ihr. Und das ist gut so.

20160923_072505Es begann bereits in der Schulzeit. Ich fühlte mich irgendwie fremd, irgendwo in einem Land, einer Zeit, einer Gesellschaft, die so gar nicht die meine war. Es waren noch nicht einmal die üblichen Spiele, die man als Kind spielt. Lego, Modellautos. Fangen und Klettern im Freien. Klingelstreiche. Es war das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Tief im Innern etwas zu haben, das anders arbeitet, anders tickte, als bei all den anderen um mich herum.

Meinen Eltern versuchte ich, es zu erklären, aber sie waren so sehr wie „die anderen“, dass sie das ganze nicht begreifen konnten. Also schützte ich diese Besonderheit. Ich zog mich zurück, auch begünstigt durch die Krankheit meines Vaters, die mich auch noch die letzten Freunde kostete. Im Nachhinein betrachtet formte mich diese Zeit zum positiven, aber auch zum besonderen, zum etwas schrägen, etwas anderen Menschen. Ich tauchte ein in Literatur. Ich entwickelte mich zum extremen Bücherwurm. Heute sind es weit über 3000 Bücher, die uns auf einem Umzug, sicher und sortiert in schweren Kartons begleiten würden. Ich konsumierte Bücher wie andere Nahrung. Ein Tag ohne ein Buch war ein trauriger, schmerzhafter Tag. Lange blieb ich der Außenseiter, war der komische Kauz, den man auch schon mal verprügelte, weil man wegen dessen Vorliebe für klassische Musik auf dem Schulausflug Bachs Brandenburgische Konzerte hören musste.2015-05-05-10-38-24

Eine neue Klasse, neue Mitschüler wandelten mich langsam. Nicht, dass ich nicht weiterhin der seltsame Freak blieb, der sich mittlerweile intensiv mit Computern befasste, nachdem ein kreatives Intermezzo ihn hin zu einer Spiegelreflexkamera und einer Menge von Fotografien brachte.

Die neue Klasse, eine Konglomerat von zwei Mittelstufenklassen trug mich aus der Rolle des Außenseiters in die Rolle des besonderen Menschen. Und wie mein ganzes Leben waren es schon damals Frauen, die meinen Lebensweg nachhaltig und positiv beeinflussten (mit der einzigen, dafür aber dramatischen Ausnahme meiner Mutter. Aber das ist eine andere Geschichte)

Ich lernte Freundschaft kennen, die nicht nur an guten Tagen existiert. Erfuhr, dass ich vermisst werde, wenn jemand im Krankenhaus auf meinen Besuch wartet. Ja und ich erfuhr den ersten Kurs, die erste körperliche Liebe, suchend, willens zu lernen, es gut zu tun, gut für beide. Ich war und bin ein Mensch, der zwar nicht mit, aber auch nicht ohne Menschen kann. Die Distanz eines Raums genügt, damit ich mich sicher fühle, die Distanz einer Stadt kann mich in einen emotionalen  Tornado an Gefühlen stürzen.

Zivildienst. Nachtschichten. 7 Nächte, dann 7 Tage frei. Für mich eine traumhafte Zeit, ein Traumzeit. Wach sein, wenn andere schlafen. Leben in einer ruhigen, dunklen, aber irgendwie wärmenden Parallelwelt. Ich begann zu malen, bereitet sogar eine Kunstmappe blieb aber letztlich beim Computer, den ich besser zu beherrschen meinte. Ich verkannte damals meine emotionale Seite. Das war es, was mich letztlich in die Psychiatrie gebracht hat.20160308_101143

Mein Studium ein weiteres Erleben von andersartig sein, diesmal aber unter Gleichgesinnten. Künstliche Intelligenz, Computerlinguistik. Verstehen, wie der Mensch tickt um vielleicht zu verstehen, wie ich ticke.

Das Ende meiner Schonzeit, meiner selbstgewählten Parallelwelt kam am Ende meines Forschungsstipendiums. In Heidelberg durfte ich drei Jahre forschen. Lernte die Frau meines Lebens kennen und verliebte mich unsterblich in sie. Und ja, liebe sie noch heute, die Frau, die mir im wörtlichen, im elementarsten Sinne das Leben gerettet hat.

20150310_143120Mit dem Eintritt ins normale Berufsleben kam der tiefe, der harte, der laute und schmerzhafte Absturz. Unterwerfung. Gehorchen. Tun, was gesagt wird, ob sinnvoll oder nicht. Die nun mit brutaler Klarheit in mein Leben eindringende Prämisse meines Handelns. Erwachsen sein. Für mich ein Horrorgedanke. Vernünftig, langweilig, gehorchend und sich selbst verleugnend.

Ich schaffte es lange Jahre, auf Kosten meines eigentlichen Wesens. Kleine Refugien erhielt ich mir. die Liebe meiner Frau, unsere wundervollen Kinder stützten mich, aber ich stützte mich auch auf sie, belastete, erschwerte, überschattete deren Leben.
Der Knall des Suizidversuchs. Das letzte, das finale Aufbäumen meines eigentlichen Selbsts. Wäre da nicht die Liebe, die Intuition meiner Frau gewesen, ihre Geduld und Klugheit. Ich wäre heute tot. Es ist so hart, so klar, so unleugenbar.

Der Weg zurück in MEIN Leben. Er beginnt gerade, ich habe wenige, aber gute Begleiter. Und neue Wege haben sich eröffnet. Das Buch, das im Januar erscheint. Die Doku über mein Einhorn, die Depression, die mich seit meiner Jugend begleitete, weil mein Anderssein mich mehr schmerzte, als ich mir selbst eingestehen wollte.20151212_202748

Ich musste mich zurückkämpfen auf dem falschen Weg, um die richtige Abzweigung zurück in mein Leben, in mein besonderes Leben zu finden. Das für viele andere falsch, für mich aber genau richtig ist. Das anders ist, schräg, manchmal anstrengend oft aber glücklich machend. Und das mir meine Familie wiedergegeben hat. Andere werden weit weniger glücklich sein über meinen Wandel.

Aber er muss sein. Weil es um mein Leben geht. Weil es um mich geht. Und weil ich nicht mehr bereit bin zu tun, was andere für mich als richtig erachten. Die Masken sind gefallen. Und ich habe sie tief unten im Keller meiner Seele in einer alten, großen Truhe mit vielen Schlössern weggesperrt bis auf ganz wenige, die mein neues Leben schützen. Kleine Lügen brauchen wir alle. Die Lebenslüge aber, die ruht da unten, tief, in dieser Kiste.

Dieses Jahr werde ich einen Film mit besonderer Freude und Aufmerksamkeit sehen. Weil er die Botschaft in sich trägt, dass anders sein nicht schlecht, sondern etwas besonderes sein kann, etwas, das einem das Leben auch besonders schön, aufregend, neu machen kann. Wenn man sich darauf einlässt.

Ich rede von Tim Burtons “ Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children.

All ihr, die ihr da draußen euch anders, ausgeschlossen, unverstanden fühlt. Das ist gut so. Ihr seid besonders, ihr seid ungewöhnlich. Und es wird immer Menschen geben, die das Ungewöhnliche schätzen. Wenn es bis dahin das Gewöhnlich sein müssen überlebt hat.

Von unangenehmen Wahrheiten und angenehmen Lügen

Wir leben in einer Illusion. Medien, Politik gaukeln uns vor, das Leben unter Kontrolle zu haben, die Wirtschaft unter Kontrolle zu haben und letztlich damit für uns alle ein gutes, ein sicheres Leben zu ermöglichen. Welch ein Trugschluß. Wir wünschen uns alle einfache, logische und sichere Wahrheiten, und erkennen nicht, dass das Leben viel komplexer, viel diffuser, viel mehr vielleicht ist.

Regeln und Vorschriften, Verbote und Normen. Wir haben ein immenses Portfolio von Werkzeugen entwickelt, das Unwägbare, das Unkontrollierbare scheinbar zu kontrollieren. Aber all diese Werkzeuge funktionieren nur, wenn zwei Faktoren gegeben sind.

Zum einen, es gibt einen gemeinsamen Konsens darüber, dass all diese Werkzeuge des Zusammenlebens sinnvoll sind.

Zum anderen, die Werkzeuge müssen auch das bewirken, wofür sie eingesetzt wurden.

Schon die erste Prämisse scheitert häufig. Seltener daran, dass sie nicht mit Sinn behaftet sind. Häufiger daran, dass das Faktische dahinter schlicht verleugnet wird. Verschwörungstheortiker sind die Speerspitze derer, die hinter allem Verrat, Gefahr und Lüge vermuten. Dabei klagen sie über eine einseitige Sichtweise, die letztlich originär vor allem sie selbst haben. Sie bauen sich ein Weltbild, das immer mehr von der Realität wegdriftet, aber so plausibel erscheint, dass sich Gefolgsleute darum scharen und durch die schiere Menge an „Gläubigen“ schlicht zur Wahrheit werden. Es gibt selbst heute noch Menschen, die an die flache Erde glauben, an die 7 Tage der Schöpfung. Nicht im Sinne einer metaphorischen Überlieferung sondern als Tatsache.

Das Schlimme? Sie sind nicht zu überzeugen, weil sie hinter jeder anderen Meinung Verrat und Lüge vermuten. Sie leben selbst eine Lebenslüge, die für sie zwar bequem, im Gesamtkonzept des Zusammenlebens als Spezies aber hochgefährlich werden kann.

Chemtrails, Mobilfunkstrahlung, Vegan/Vegetarisch/Carnivor. Verbrannte Erde, kaum mehr diskutierbar, kaum mehr abwägbar. Man gehört entweder zu den Guten oder zu den Bösen. Die Grauzone, wie sie im Alltag die Regel ist, herrscht in diesen Themen nicht mehr. Flüchtlinge sind entweder mit offenen Armen zu empfangen, oder an den Grenzen zurückzuschicken. Es wird nicht mehr über den besten Umgang im Sinne der Flüchtlinge diskutiert. Es werden Parolen und Beschimpfungen hin und her geworfen.

Und die Politik macht fröhlich mit. Da sie von der Mehrheit unterstützt wird, die es nicht ertragen kann, ohne feste Wahrheiten zu leben. Einer der größten Irrtümer der Gegenwart: Die Mehrheit hat immer recht. Oh nein, sehr oft sogar nicht, weil Einsicht, Intelligenz, guter Wille oder Altruismus fehlen. Dabei ist der Dumme oft der, der meint, es am besten zu wissen. Sokrates sagt: Ich weiß, dass ich nicht weiß. Wenn ich aber nicht weiß, maße ich mir auch nicht an, die eine ultimative Antwort zu kennen. Um aber zu dieser Erkenntnis zu kommen bedarf es eines gerüttelt Maßes an Selbstreflektion, zu der in der heutigen Zeit die wenigsten bereit sind, und der sie auch nicht zuhören. Nicht umsonst werden Philosophen meist nur von denen gehört, die eh schon erkannt haben, mit welchen Wissensdefiziten wir leben.

Wissenschaft sagt nie, ich weiß, es ist so. Gute Wissenschaft geht von der Annahme aus, nach bestem Wissensstand im Moment die valideste Theorie zu haben, die Morgen schon falsifiziert sein kann. Das ist etwas, das für den Durchschnittsbürger schwer verstehbar und ertragbar ist.

Acrylamid, Mobilfunkstrahlung, das Essen von Fleisch. Alles Themen, die in der Öffentlichkeit weit jenseits von wissenschaftlicher Analyse und gelassener Distanz zu einer Schlammschlacht der Diskursunwilligen geworden sind.

Und wir züchten uns neue Generationen heran, die das kritsche, das humanistische, das auch zu einem gerüttelte Maß selbstkritsche Denken verlernen und auf dem Altar der Ökonomie, des wirtschaftlichen Nutzens opfern.

Wir bilden unsere Kinder nicht mehr zu intelligenten, reflektionsbereiten Menschen aus, sondern zu Arbeitnehmern, die das tun, was man ihnen sagt, brav konsumieren und ansonsten bloß nicht über den Wahnsinn in Wirtschaft und Politik kritisch und klug reflektieren.

Und dann wundern wir uns, wenn in den Betrieben unkreative duckmäuserische Ja-Sager die Oberhand gewinnen, wenn Mehrheiten solch ideologisch überaus gestrigen Parteien wie der AfD folgen und an dumme und falsche Scheinfakten glauben wie die Abnormalität von Asperger, die Gefahr des Impfens oder die Verschwörung der Reichen.

Wir brauchen eine Kehrtwende in der Bildung und in der Gesellschaft. Weg von der Prämisse, alles sei der Wirtschaft zum Gefallen zu geschehen, weg von einem Leben, dass sich auf arbeiten und konsumieren beschränkt, hin zur Verlangsamung un Reflektion. Die Gehetztheit unserer Zeit hindert uns an der Reflektion. Und Anderer Menschen Meinung akzeptieren wir nur, wenn sie in unser teils sehr verschrobenes Weltbild passen.

Schon Mark Twain erkannte: „Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen.“

Ich habe es schon vor geraumer Zeit gesagt:

Nicht diejenigen, die in der Psychiatrie landen mit Depressionen und Angststörungen sind verrückt, sondern diejenigen, die diesen Irrsinn der Scheinwahrheiten und Ökonomieunterwerfung widerstandslos akzeptieren oder unreflektiert komplett ablehnen.

Oder um wieder meinen liebsten Literaten zu zitieren, wenn es um die Reflektion über die Gesellschaft geht:

Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.

Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
um Brot und Stiefel seine Stimm‘ verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
Demetrius I. (Sapieha)

 

Zitat von Friedrich Schiller
Friedrich Schiller
deutscher Schriftsteller
* 10.11.1759, † 09.05.1805