Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat

Meine Klapse war ein toller Ort für mich.

Am 5. September war ich beim SAT1 Frühstücksfernsehen zu Gast. Die Reaktionen darauf waren überwiegend sehr positiv, nur mockierten sich manche über den Begriff „Klapse“, den Alina Merkau, die Moderatorin benutzt hat.

Zur Erklärung. #ausderklapse als Hashtag habe ich auf Twitter während meiner Zeit in der Klinik. Ich habe bewußt „Klapse“ gewählt, ein Begriff, der viel von Menschen benutzt wird, die uns psychisch Kranke gerne mit Vorurteilen belegen. Da ich eben auch diese Zielgruppe erreichen wollte, wäre „ausderpsychiatrie“ viel zu neutral und wenig provozierend gewesen. Und nicht nur ich sprach damals liebevoll von Klapse, auch viele meiner Mitpatienten. Denn Humor, und gerade auch schwarzer Humor ist eine tolle Therapie.

Vor dem Interview hat mich Frau Merkau sehr gut gebrieft und auch aktiv gefragt, ob sie den Begriff „Klapse“ verwenden dürfe. Das habe ich bewußt bejaht.

Wer also eine Beschwerde vorbringen will wegen eines Begriffs, bitte auf mich draufhauen. Frau Merkau konnte absolut nichts dafür und hat sich sehr sensibel und korrekt verhalten. Deshalb hier ein Kompliment an die Crew des Frühstücksfernsehens, die mit dem Thema nach meinem Empfinden sehr gut und sensibel umgegangen ist.

Mich stört es immer wieder, dass Menschen sich oft mehr über Begriffe aufregen, die von Betroffenen selbst verwendet werden, aber kaum über das Stigma diskutieren, das immer noch in der Bevölkerung herrscht.

Es ist nichts gewonnen, wenn alle von „ausderpsychiatrie“ sprechen, aber jeden depressiven Menschen immer noch für faul, dumm oder verrückt halten.

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar wie jede andere Krankheit auch. Menschen mit Depressionen können dennoch produktiv sein, sind für niemand anderen ausser sich selbst eine Gefahr und würden gerne so behandelt werden, wie z.B. jemand mit einem Beinbruch. Wenn also jemand mit mir spricht und von der Klapse redet, dann ist das für mich kein Problem. Wohl aber, wenn er mir Motivation, geistige Klarheit, Intelligenz oder den Willen abspricht, gegen die Krankheit zu kämpfen.

Raul Krauthausen ist mir da Vorbild, er hat sogar mal explizit Rollstuhlfahrerwitze gesammelt. Weil es eben mehr auf den Ton, auf die Einstellung zur Person ankommt. Ein Mensch, der verständisvoll ist, aber von Klapse spricht ist mir tausend mal lieber, als jene vielen Betroffenen, die zwar von Krankenhaus oder Psychiatrie sprechen, mich aber wie einen Aussätzigen behandeln.

Und schliesslich: Eines hat der Begriff und der Hashtag #ausderklapse ja erreicht. Es wird diskutiert. Wenn wir es jetzt noch schaffen würden, weniger über political correctness und mehr über Toleranz, Verständnis und Entstigmatisierung zu diskutieren, dann könnte ich sagen: Mission erfüllt.

Ich rede weiter liebevoll von meiner „Klapse“, die mir das Leben gerettet hat.

 

Plötzlich prominent und warum ich das gut finde

Mein Vortrag beim Patientenkongress Depression. Den Depresso fand sogar Harald Schmidt eine Pointe wert.

Das letzte Wochenende. Leipzig. Der Patientenkongress Depression und ich mitten drin. Anonym, kleiner Autor wie ich dachte. Ich hätte nicht falscher liegen können. Kaum dort angekommen wurde ich von den ersten Teilnehmern angesprochen auf mein Buch, meine Teilnahme bei 37° und meine Tweets. Man wollte mit mir fotografiert werden, mein Autogramm im Programmheft oder ein signiertes Exemplar meines Buches. Alles kam mir sehr surreal vor und tut es irgendwo auch heute noch. Zunächst war mir das alles eher unangenehm, so wichtig nehme ich ja selbst nicht einmal, wie das meine Leser (von Fans möchte ich gar nicht sprechen) tun.

Nach und nach wurde mir aber klar, dass es eigentlich sehr schön ist, dass ich jetzt eine gewisse Bekanntheit habe. Nicht wegen Verkaufszahlen oder der Überhöhung der eigenen Bedeutung. Sondern weil ich scheinbar das geworden bin, was ich mir insgeheim von Anfang an wünschte. Eine Stimme für die, die selbst nicht die Kraft haben, über ihre Krankheit zu reden, oder sich gegen Vorurteile zu wehren.

Das Interesse war sehr groß an meiner Lesung. Ein weiterer Grund, weiterzumachen.

So richtig klar wurde es mir in der Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Hegerl und Victoria van Violence, in der auch ich als „prominenter Fürsprecher“ genannt wurde. Früher war ich derjenige, der nicht wusste, wie er sich fühlen soll, wie er sich gegen Angriffe und Vorurteile wehren soll. Jetzt scheine ich eine Stimme, einen Weg gefunden zu haben, der viele persönlich anspricht. Die Rückmeldungen zu meinem Buch, sie sind so unglaublich, so positiv, so ermutigend. Und auch in den vielen, vielen Gesprächen während des Kongresses war das der Grundtenor. Weitermachen, laut sein, Sprachrohr für andere sein. Ich habe mich geoutet, es waren sehr persönliche Gründe, dies zu tun. Aber jetzt bin ich laut, jetzt bin ich sichtbar, da ist es für mich Verpflichtung und Ehre, das Stigma um die Krankheit Depression, sei sie nun manisch oder rezidivierend, dystemisch oder Borderline zu bekämpfen.

Wir depressiven Menschen sind nicht schwach, sonder kämpfen einen fast übermenschlichen Kampf gegen eine unsichtbare Krankheit und gleichzeitig gegen die Vorurteile einer Gesellschaft, die nur noch auf Leistung getrimmt ist.

Hier den Finger in die Wunde zu legen, über die Krankheit aufzuklären, ihr das Stigma einer Charakterschwäche zu nehmen. Ich sehe es nach all dem wundervollen Feedback von Betroffenen als meine sehr schöne Pflicht an, meine Sichtbarkeit dafür zu nutzen.

Gleichzeitig aber nochmal der Hinweis. Niemand muss zwangsweise seine Erkrankung öffentlich machen. Im Gegenteil, normalerweise ist mein Rat. Die, die euch wichtig sind, die, die ihr liebt, die ihr zu euren GUTEN Freunden zählt, denen solltet ihr die Wahrheit sagen, weil sie sie verdient haben. Wer es sonst noch erfahren darf, hängt sehr davon ab, ob ihr dann Gutes vermutet. Und auch deshalb sehe ich mich schon ein bisschen in der Pflicht gerade auch für die zu sprechen, deren Umfeld wenig hilfreich ist. Denn nur wer begriffen hat, dass Depressionen eine Krankheit sind, wird auch richtig mit Betroffenen umgehen.

Ansonsten, ich werde weiter den Mund aufmachen, und gegen das Stigma kämpfen. Dafür hat mir der Patientenkongress in Leipzig und das Feedback meiner Leser und Unterstützer so unglaublich viel neue Kraft gegeben. Danke dafür!

Einen Scheiß muss ich

„Dein Leben hat dich doch sicher völlig verändert?“ „Was machst du denn jetzt alles anders?“ „Hast du nicht immer noch Schuldgefühle?“

Fragen, die man mir gelegentlich stellt, mittlerweile seltener, weil mehr und mehr Menschen die Antwort bekannt ist. Die lautet profan, direkt und ohne Filter „einen Scheiss muss ich„. (Übrigens auch ein sehr amüsantes Buch)

Verdammt nochmal, ich hab die dunkelste Stunde meines Lebens überlebt. Würde ich das ganze visualisieren wollen, so war da schon die Flatline des Herzstillstands. Ich hatte mein Leben aufgegeben, meinen Eigenwert vernichten lassen und den dummen Fremdbildern über mich nachgegeben.

Das war alles falsch, dumm, gefährlich und ich  mache es auch heute noch. Aber das wird mir immer häufiger bewußt. Wie oft ich handle um Chefs, Kollegen, Bekannten oder gar, Gott bzw. die Naturgesetze bewahren, wildfremde Menschen zufriedenzustellen. Ich hab mir Internetsucht anhängen lassen, dass ich unordentlich sei, zu verspielt, zu technikbezogen. Und wisst ihr was? Das mag alles stimmen. Aber es geht mir am Anti-po-den vorbei. Das ist es, was mich ausmacht. Und das ist es, was ich nicht mehr ablegen werde. Die Menschen, die mich lieben, lieben mich eben mit diesen Fehlern, diesen Defiziten. Und viele Fehler haben mir zu einem besonderen, einem Leben voller unerwarteter Abenteuer verholfen. Mein Buch wäre nie entstanden, ich hätte nicht so viele neue, spannende Menschen, meine Leser, meine Follower kennengelernt, hätte ich dem Geschwafel eines Arztes zugehört, der mir eine digitale Abstinenz empfahl.

Vielleicht musste ich vor allem wieder lernen, mir selbst zu vertrauen, nicht dauernd anderen Menschen zuzuhören und zu glauben, nur weil sie über mir stehen, selbstbewußter scheinen oder mit dem (ja ein Wort, das mich direkt wütend macht) beschissenen Fremdbildprinzip jedwede eigene Meinung zu unterminieren versuchten, weil man sich ja selbst nie richtig einschätzen würde.

Und wenn schon. Wer glaubt, andere Menschen könnten das besser, ist schlicht und ergreifend ignorant bis dumm.

Niemand kennt einen anderen Menschen so gut, wie dieser sich selbst. Nur wenn man sich dauernd nach den Meinungen anderer orientiert, verliert man sich selbst irgendwann. Und genau das ist mit mir passiert. Ich war so damit beschäftigt, anderen zu gefallen, dass die darunter litten, die eigentlich wichtig waren und sind.

Meine Frau sagte nach den Klinikaufenthalten mal, jetzt habe sie den Mann wieder, denn sie kennen und lieben gelernt hatte. Einerseits erschreckend, denn dann war ich ja offensichtlich die Jahre dazwischen bestenfalls so ähnlich wie damals andererseits für mich aber ein tolles Signal, dass offensichtlich der echte Uwe wieder da ist. Denn damals, das war eine der wenigen Phasen meines Lebens, die ich als sehr glückbringend, erfüllend und schön empfand. Meine Jugend, das hat nicht nur mein Gehirn gestrichen, bei allem was vor meinem 12. Lebensjahr passiert ist. Und wie mein Therapeut so schön sagte: „Das ist wohl besser so, da hat ihr Verstand wohl für sie einen Schutzwall eingerichtet.“

Leider haben mir nicht so wohlgesonnene Menschen eben in den letzten Jahren an genau diesem Schutzwall gearbeitet und das kleine, verunsicherte, ängstliche Kind an die Oberfläche geholt. Dass ich dann in eine Angststörung und Depression rutsche war perfide konsequent. Aber auch, dass ich jetzt wieder da bin und vermutlich dem einen oder der anderen in meiner neuen Art nicht mehr gefalle. Aber auch hier gilt: Einen Scheiss muss ich. Und ganz ehrlich. Mit diesem Gefühl lebt es sich viel besser. Wenn ich jetzt wieder mal mit Beurteilungen, Verurteilungen oder Vorurteilen über mich konfrontiert bin, werd ich zwar nicht still sitzen und alles abnicken. Aber was da auf mich einstürzt ist das, was es schon immer war. Urteile von Menschen, die mich nicht wirklich kennen. Denn der Norm entspreche ich nicht. Das ist mir sehr deutlich geworden. Nur will ich das jetzt auch nicht mehr. Denn die Norm hat mich jahrelang kaputt gemacht. Also entweder, ich passe euch, wie ich bin, oder ihr müsst damit leben. Ein echter Fall von P.A.L. – Problem anderer Leute.

Wo man mich live erleben kann

Aktuelle gibt es einige Termine, an denen man mich persönlich kennenlernen kann (und ja, ich signiere auch sehr gerne mein Buch nach Wunsch)

26. – 27. August Patientenkongress Depression Leipzig

16. September Thementag Suizidprävention Düsseldorf

17. September Barcamp Stuttgart (unter Vorbehalt, dass die Bahn mitspielt)

10. Oktober Tag der Seelischen Gesundheit, Künzelsau

11. Oktober Lesung in der Buchhandlung Pustet, Regensburg

12. Oktober Bergisch Gladbach, Theas Theater

13. Oktober Lesung anlässlich 10. Jahre Tagesklinik Rehau

16. November Vortrag anlässlich Konferenz Arztsuche 3.0 München

11. Dezember Lesung anlässlich Psychiatrischer Trialog Saalekreis, Merseburg

Was ist denn schon normal

Das beliebteste Zitat aus meiner Twitterzeit #ausderklapse war und ist „In der Klapse sind die normalen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden.“

Und je länger ich wieder draußen bin, mit neuen Sichtweisen, neuen Rahmenbedinungen und einer neuen Definition von meinem „normal sein“, um so mehr bin ich mir sicher. Normal an sich gibt es so gut wie nie. Es ist immer eine Konvention, ein Satz von Regeln und Vorschriften, ein Blick auf Menschen, der verfälscht ist durch die Rolle, in der man auftritt. Der Partner, der Freund, der Arbeitgeber, andere erklären unterschiedliches für normal.

Es ist erschreckend, welch große Zeit des Alltags viele von uns unter einer Regeldiktatur erleben, die nicht die eigene ist, die oftmals sogar belächelt oder lächerlich gemacht wird, der man sich aber fügen zu müssen meint.

 

Stimmt aber häufiger nicht, als man denkt. Es ist immer wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind, ob die Handlungen, die Ratschläge und auch die Befehle, die oft unter dem Dogma des „Das war schon immer so, wo kämen wir denn da hin.“ auftreten, auch wirklich gut für uns sind, mit unseren moralischen und ethischen Werten vereinbar.

Von Schönheitsidealen über Karrieremodelle bis hin zum eigenen Wert als Individuum. Vieles lassen wir uns als normal einreden, das eigentlich purer Wahnsinn ist.

Jedes Jahr 5% mehr Leistung. Das Gewicht und die Figur eines Models. Besitztümer, die Werbung und Nachbarn uns einreden oder schlimmer gar, das eigene frühere Erleben.

Wir können nicht alles ignorieren, jede Norm ablehnen. Aber sehr genau darüber nachdenken, wie lange und wie oft wir uns unter ihre Kontrolle begeben und ob wir ggf. gar ganz darauf verzichten sollten, um gesund zu sein und zu bleiben.

Ich habe einiges an „Normalem“ über Bord geworfen. Nicht alles habe ich öffentlich gemacht, bei vielem denke ich mir einfach mein Teil. Auch das habe ich gelernt. Meine Normen bestimme ich. Wie andere damit leben wollen und welche Normen sie selbst sich auferlegen ist „PAL“ also Problem anderer Leute.

In diesem Sinne. Ich bin nicht normal. Und das ist gut so.

Schaffst du das denn?

Mittlerweile steigt das Interesse an mir, meiner Geschichte und dem Buch. Diverse Zeitungen haben mich interviewt, auf dem deutschen Patientenkongress werde ich zwei Programmpunkte bestreiten, ich bin zu einem Interview nach Lübeck geladen und auf eine Veranstaltung in München.

Lesungen kommen noch dazu, unter anderem in Regensburg und Düsseldorf.

Natürlich kriege ich jetzt beständig die gleiche Frage zu hören: Schaffst du das denn?

Ja! Warum denn nicht. Das macht mir Freude, ich spreche gerne vor Menschen und das Thema Depression in die Öffentlichkeit zu bringen und zu entstigmatisieren ist mir sehr wichtig, weil das auch direkt mir hilft. Denn letztlich hätte sich vieles vermeiden lassen, wäre ich früher und offener mit der Erkrankung umgegangen. Schon die Arroganz mancher Vorschrift noch während meiner Erkrankung hat mich eher krank gemacht, als mir geholfen: „Herr Hauck, Sie brauchen Regeln.“ „Herr Hauck, löschen Sie sich aus diesem Internet.“ „Herr Hauck, sie sind internetsüchtig und müssen das beenden.“ Alles Bullshit, alles Ratschläge, die in Folge die Situation nur noch verschlimmerten.

Erst in der offenen Station meiner Klinik hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich selbst sein zu dürfen, ohne dass mir dauernd jemand meint vorschreiben zu müssen, wie ich mein Leben lebe.

Das war nämlich der eigentliche Grund für das ganze Drama. Ein Leben, das ich permanent nach den Kriterien anderer gelebt habe. Immer der Gedanke, was mögen die anderen denken. Immer die Furcht, wenn ich nicht tue, was vor allem jene mir vorschreiben, die existentiellen Druck auf mich ausüben konnten, dann würde meine Existenz enden.

Heute weiß ich, der wichtigste Ratschlag ist, erst auf sich selbst hören und das eigene Gefühl. Und einen Teufel drauf geben, was andere denken. Das kann man sowieso nicht steuern und nimmt meist viel Schlimmeres an, als dann wirklich gedacht wird.

Wenn mich jemand fragt: „Schaffst du das?“ kann ich heute sagen: „Klar. Auch wenn das dir vielleicht nicht gefällt.“

P.S.: Alles, was man an mir ändern wollte, wozu man mich bringe wollte, hat letztlich im Rückblick das Gegenteil bewirkt. Ich bin im Netz aktiver denn je, stehe jetzt noch viel stärker zu meiner Rolle als Buchautor und werde nicht müde, weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten. Und bislang gab es keine neuen Drohbriefe mehr mit Rede- oder Kontaktverboten für meine Frau oder mich und auch keine Briefe mehr, die mit dem Anwalt drohten, wenn ich etwas schriebe, das irgendwer auf sich beziehen könnte. Also entweder haben sich die Wogen geglättet, oder aus meinem kleinen Segelboot ist ein Ozeandampfer geworden, der sich von kleinen Böen nicht mehr ins Bockshorn jagen lässt.

Tut mir einfach nicht mehr weh

 

Was man für mich tun kann. Jeder fragt das. Nein, nicht jeder, nur die, denen etwas an mir liegt. Sicher, diese Frage ist unnötig, denn man kann selten etwas für mich tun. Meist reicht es, etwas zu lassen. Lasst es, mir weh zu tun. Lasst es, mich durch Worte, die manchmal mehr verletzen können als ein scharfes Schwert tief in meiner Seele zu treffen.

Aber eigentlich habe ich kaum Hoffnung. Zu lange schon erlebe ich, dass immer wieder Ignoranz, Selbstverliebtheit oder pure Dummheit mir einen Dolch in meine Seele rammen. Wenn einem vorgeworfen wird, man sei Minderleister, man passe nicht zu „den anderen“, sei faul, dumm, zu nichts nütze.

Lasst es einfach. Davon hatte ich genug. Seit ich mich erinnern kann, habe ich gegen diese Windmühlen gekämpft. Habe zu spüren bekommen, nicht gewollt zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht schlau genug, nicht gehorsam genug. Obwohl alles Bullshit war, frisst sich so etwas tief in die Seele eines Menschen, gerade, wenn er noch jung ist.

Irgendwann hat sich meine Seele in einen harten Panzer zurückgezogen, hat gelernt, dass man entweder 100% funktioniert, oder nicht da ist. Es gab keine physische Gewalt. Und die psychische war oft unreflektiert bis unerkannt. Ich habe gelernt, Menschen nicht zu vertrauen. Immer wieder kam er, der Dolchstoß, der Schlag ins Gesicht. 1.95m gross, Linkshänder, unsportlich, kein Fussballfan, kein Autofan, kein Interesse am Saufen und immer freundlich bis höflich zu Frauen. Klar, die Prolls kriegten die tollen Mädels ab, bei denen ich dann der gute Freund war, der getröstet hat. Und hey, es machte mir nichts aus. Denn wenn man selbst seelischen Schmerz als Teil jedes verdammten Tages erlebt, dann ist man sehr sensibel gegenüber seelischem Schmerz, der anderen zugefügt wird.

Ich weiß nicht, ob ich dadurch hochsensibel wurde oder es schon immer war. Aber meine Antennen arbeiten auf 200%, ich spüre Agression, Schmerz, Trauer, wenn andere davon noch nicht mal etwas ahnen. Nein, das ist kein Talent, das ist ein höllischer Fluch. Und irgendwann glaubte ich all das, glaubte ich dumm, schlecht zu sein.

Ich habe sogar einen IQ Test gemacht. Nicht um zu erfahren, wie klug ich bin. Oh nein, sondern die Bestätigung zu bekommen, wie dumm ich wirklich war. Und als der Test ergab, ich sei im Gegenteil hochbegabt, hab ich mich nicht gefreut. Quatsch, es lag am Test, der falsch war.

Mit der Zeit lernte ich, dass ich schlicht nur mir selbst vertrauen kann, und habe es stets so gut es geht vermieden, von anderen Menschen abhängig zu sein (das Berufsleben ist da ein Horror für mich, da ich da in einer einzigen, großen und oft ungerechten Abhängigkeit von Fremdurteilen bin. Ich sage nur „Der Herr Hauck braucht Regeln“ Bäääämm)

In meinem ganzen Leben hat es nur eine Seele geschafft, meinen Panzer zu knacken, und das auch erst, als sie mir wortwörtlich das Leben rettete und mich danach nicht verließ. Seit jenem fatalen Februartag ist Sibylle der einzige Mensch in meinem Leben, der mein 100% Vertrauen genießt. Und wird es wohl auch bleiben.

Mein Buch, es ist eine späte Genugtuung, eine echte, physische präsente Wiederspiegelung meiner Gaben und Talente, die immer da waren, die ich aber bis heute nicht wirklich anerkennen kann. Das Lob meiner Leser, meiner Lektorinnen. Es tut gut, aber es kommt nicht durch, durch den Seelenpanzer in dem der kleine Uwe gefangen ist und unter Tränen darum bittet, endlich in Ruhe gelassen zu werden, endlich frei sein zu dürfen.

Aber die Wunden, die Schmerzen sitzen zu tief in meiner Seele, als dass ich sie jemals ganz loswerde. Der kleine Uwe wird wohl immer ein Gefangener in mir bleiben, der jetzt zumindest in guten Zeiten etwas Trost, etwas Genugtuung erfährt.

Also, wenn ihr wissen wollt, wie ihr Depressionen, Angststörungen, Suizide verhindern könnt, es ist ganz einfach:

TUT UNS EINFACH NICHT MEHR WEH.

 

 

Danke Depression, dass es dich gibt

Ist der jetzt ganz durchgeknallt? Bin ich nicht. Auch wenn das manche von mir gerne behaupten würden, um zu verhindern, dass meine Stimme noch mehr Gewicht bekommt.
Ja, ich bin meiner Depression in gewissem Sinn dankbar. Meine Frau sagte in einem TV Interview, die Krankheit habe uns in Tiefen blicken lassen, die sonst kaum jemand erreicht. Ich habe viel über mich gelernt in der Zeit in den Kliniken. Weniger durch die Therapiesitzungen als durch die Gespräche mit anderen Patienten, die bedingt durch den Zusammenbruch und die gemeinsame Leidensstrecke offener über ihre Gedanken, Ängste und Gefühle sprachen, als jemals jemand außerhalb des Refugiums Klapse. Einiges an Erkenntnisgewinn über meine Vergangenheit hätte ich ohne die Geschehnisse rund um meine Krankheit und den Suizidversuch wohl nie erlangt. Dass mein erinnertes Leben erst mit dem 12. Lebensjahr beginnt, das war mir zuvor nicht wirklich bewußt. Das ich auf den Fotos meiner frühen Kindheitserinnerungen meine Eltern ausradiert habe.
Und in der Reflektion mit anderen Patienten habe ich auch gelernt, dass es in Ordnung sein kann, empfindsamer, sensibler als andere zu sein. Früher habe ich diese „Talente“ gehasst, weil sie mich immer wieder ins Abseits geschossen und zum Außenseiter gemacht haben.
Die Melancholie der vergangenen Jahre, die immer wiederkehrende tiefe Traurigkeit. Vieles habe ich gelernt über mich, vieles als Teil von mir zu akzeptieren gelernt, der zwar anders ist als bei anderen, deshalb aber nicht schlecht.
Und ich habe gelernt, wie sagen wir mal „seltsam“ so manche im Umgang mit meiner Krankheit waren. Briefe, in denen ICH gebeten wurde, meiner Frau weitere Kontakte mit bestimmten Instutionen zu verbieten. Angst, meine wachsende Prominenz im Rahmen der Suizidprävention und Depressionsaufklärung könne für so manchen aus meinem Umfeld negativ sein. Drohbriefe, die mir den Anwalt avisierten, sollte ich nochmal Personen erwähnen, die ich gar nicht erwähnt hatte. Das Umfeld reagiert sehr schnell sehr empfindlich, wenn man nicht in die brave, die gefolgsame und Klappe haltende Norm passt.
Aber Gott sei Dank hat mir meine Depression auch gezeigt, dass mein eigeninitiatives Engagement gewürdigt wird. Mittlerweile habe ich fast jeden Monat einen Auftritt irgendwo um entweder mein Buch vorzustellen oder über Depressionen aufzuklären. Interviews, Lesungen, Podiumsdiskussionen. Ich habe meinen Weg gefunden mich mit der Depression, dem dunklen Teil von mir zu arrangieren. Und damit auch meine Angststörung in den Griff bekommen.

Ich bin jetzt im Fokus. Die Meinung anderer oder deren Sicht auf mich, das angeblich so wichtige Fremdbild. Es ist mir egal. Denn es war viel zu oft falsch und final sogar fast tödlich.
Wer mich ab jetzt nicht so nimmt wie ich bin, der darf sich gerne aus meinem Dunstkreis entfernen. Es ist mir den Aufwand, die Energie nicht wert, mich für die Akzeptanz von Menschen aufzureiben, die mich überhaupt nicht so akzeptieren wollen, wie ich bin, die nur etwas aus mir formen wollen, aus dem sie größtmöglichen Gewinn ziehen wollen.
Die Depression hat mich, so paradox das klingt, wieder viel näher zu mir selbst gebracht. Sie ist und bleibt Teil von mir. Ein Mahner und Erinnerer, wie ein deutscher Comedian es formuliert.
Meine Depression, mein Einhorn, wir haben uns arrangiert.