Einsamkeit macht krank? Bullshit

Ich kenne das Gefühl von Einsamkeit. Und es hat mich nie geschmerzt. Mangelnde Liebe, mangelnde Zuneigung. Ja, das tat und tut weh. Aber heute habe ich Menschen um mich, die mir das geben können. In meiner Kindheit war Einsamkeit das, was mich vor Streit, vor Wut, vor emotionalem Missbrauch geschützt hat.
Ich habe im Zivildienst eine Stelle bei einem Altenkrankenhaus angetreten und dort ganz bewußt nur die Nachtschichten gewählt. Es war eine wunderbare Zeit, alleine, nur mit einer weiteren Krankenschwester Dienst schieben. Weg von der Welt, weg von all den Menschen, die einem Schmerz zufügen könnten.
Wenn ich schreibe oder male, genieße ich es, das alleine zu tun. Und die Abende draußen im Garten, alleine am Teleskop, mit dem Blick in den Himmel, sind ebenfalls eher Situationen, die meine Batterien aufladen als mich stressen oder krank machen.
Meine Familie ist mir wichtig und ich genieße es, wenn wir beisammen sind. Aber ich bin nicht unglücklich, wenn ich mal nicht bei ihnen bin. Ja ich vermisse sie, aber es geht mir emotional und körperlich nicht schlecht.
Und die meisten anderen Menschen brauche ich nicht. Zu viel Oberflächlichkeit, zu wenig Toleranz, zu viel erfahren, wie angenehm es ist, alleine zu sein.
Wir bezahlen viel Geld dafür, einen Rückzug in die Einsamkeit zu kaufen und nennen das Urlaub. Oder tragen Masken, um die Existenz unter Menschen, die gar nicht wissen wollen, wie es uns geht, ertragen zu können.
Und letztlich bin ich keinesfalls einsam, nur weil ich mit anderen Menschen digital kommuniziere. Daraus sind viele gute Freundschaften entstanden.
Vielleicht liegt es einfach auch daran, dass ich diese Gedanken, Einsamkeit könne krank machen oft von sichtlich extrovertierten Menschen zu hören bekomme. Ich bin aber introvertiert, kann mich stundenlang alleine mit etwas beschäftigen.
Krank macht, was mir nicht gut tut. Und zwangsweises „unter Menschen“ sein, hat mir noch nie gut getan.

Es ist, wie mit so vielen Aussagen. Pauschal, alle über einen Kamm geschert, undifferenziert. Typisches aktuelles schwarz/weiß Denken.

Das haben Dichter und Denker schon früh erkannt:

Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wenn du Einsamkeit nicht ertragen kannst,
dann langweilst du vielleicht auch andere.
Oscar Wilde (1854 – 1900)

Ich muß viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.
Franz Kafka (1883 – 1924)

Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei.
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Massengeselligkeit ist durch die Wucht der Einstimmigkeit für uns eine Schule der Fehler. Mögen wir auch sonst nichts für unser Seelenheil tun, die Abgeschiedenheit ist doch an und für sich schon von Nutzen: wir werden uns bessern, wenn wir vereinzelt sind.
Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.)

Sobald ich jetzt sagen muß: „Ich halte die Einsamkeit nicht mehr aus!“, so empfinde ich eine unsägliche Erniedrigung vor mir selber – ich bin dem Höchsten, das in mir ist, abtrünnig geworden.
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Die Petition war ein Erfolg, das Psychiatriegesetz wird massiv geändert

Was für ein Tag: Noch Morgens in unserer Pressekonferenz waren wir nur bedingt optimistisch überhaupt unsere Petition auch an CSU Vertreter übergeben zu können. Dann die Zusage des Gesundheitssausschusses, ja wir dürfen ins Gebäude, wir bekommen einen eigenen Raum und es werden die Vorsitzenden des Ausschusses die Petition entgegennehmen.

Danach durften wir in den Saal, um der Anhörung beizuwohnen. Und schon ganz zu Beginn platzt die Bombe. Es wird massive Änderungen am Gesetz geben, man habe auch auf den öffentlichen Protest reagiert (ein Schelm, der Petition dabei denkt) und gleich der erste Erfolg: Die Unterbringungsdatei wird ersatzlos gestrichen!

Kristina und ich konnten uns gerade noch lauten Jubel verkneifen. Auch wenn sicher im Nachklang die Wirkhaftigkeit der Petition in Frage gestellt werden wird. Doch, auch wir haben etwas bewirkt. Plötzlich versammelte sich die Opposition . hinter der Petition und unterstütze unser Anliegen. Und damit bekam die Petition zusätzliche Kraft.

Ein Käfig mit den Unterschriften der Petition
Das haben wir symbolisch übergeben. Einen Vogelkäfig, in dem eine „Meise“ eingesperrt und videoüberwacht wird. An der Kette baumelt der USB Stick mit den gesamten Unterschriften

Bei der Übergabe waren es 92280, wobei ich bereits sehen konnte, dass wir nach Übergabe bei knapp 92500 lagen. Und heute Morgen die nächste fantastische Überraschung. Wir haben bereits 97000 Stimmen, also fast 5000 Stimmen über Nacht.

Auch für die Anhörung war das öffenltiche Interesse groß wie selten zuvor. Die Sicherheitsbeamten am Eingang konnten sich nicht an einen solchen Ansturm erinnern. Über 200 Bürgerinnen und Bürger waren anwesend. Es musste sogar in einen Nebenraum übertragen werden.

Großartig und für uns Verpflichtung, dran zu bleiben. Wir werden das Gesetz weiter begleiten und die Petition wird so lange weiterlaufen, bis uns ein Gesetzentwurf schriftlich vorliegt, dem wir zustimmen können. An die CSU gerichtet: Danke für das Einlenken, aber wir werden sehr schnell wieder aktiv werden, sollte das nur Wahlkampfgetöse gewesen sein. Und ich nehme an, es ist deutlich geworden, wie schnell wir mobilisieren können, wenn es drauf ankommt.

Danke euch allen, die ihr unterzeichnet habt, die ihr die Petition geteilt habt und die ihr uns in euren Nachrichten und Tweets ermutigt habt, zu kämpfen.

Kristina Wilms und Uwe Hauck sind glücklich über den Erfolg ihrer Petition
Kristina und Uwe vor dem Sitzungssaal, nachdem wir von den massiven Änderungen im Psychiatriegesetz gehört haben!

Von Kristina und Uwe dafür einen ganz herzlichen Dank

und ihr dürft stolz sein und das feiern!

Wir sind viele!

Und wer auf der re:publica ist. Ich würde mich freuen, euch persönlich danke zu sagen für die Unterstützung. Denn nur die vielen Unterschriften in kurzer Zeit haben diesen öffenltichen Druck erzeugt!

 

Hier noch ein Bericht des ZDF über die Petition:

Bayern: Protest gegen Psychiatriegesetz

und die SZ hat auch berichtet und mich zum Ergebnis interviewt

Staatsregierung entschärft umstrittenes Psychiatriegesetz

Zitat: „…Auch Uwe Hauck zeigte sich vorsichtig optimistisch. Er nannte es „ein gutes Signal“, dass die Staatsregierung nachbessern wolle. Hauck ist Mitglied der Deutschen Depressionsliga und Initiator einer Online-Petition. In nur einer Woche hatten 92 000 Unterstützer gegen das geplante Gesetz unterschrieben. Kurz vor Beginn der Anhörung im Landtag übergab Hauck den Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses die Unterschriften. Die Kombination der Kritik aus Fachkreisen, Verbänden und der Petition habe wohl Eindruck hinterlassen, mutmaßte er. Zu früh jubeln wollte Hauck aber noch nicht. Er bleibe „misstrauisch“, erst wenn das Gesetz in einer vernünftigen Form verabschiedet sei, werde er die Petition aufgeben. Söder versprach, dass es bei den am Dienstag angekündigten Eckpunkten bleiben werde. Sie seien mit der CSU-Landtagsfraktion abgestimmt, „das ist unsere Position“….“

Jetzt müssen wir die Öffentlichkeit weiter aktiv halten, deshalb teilt weiter, zeichnet die Petition weiter, damit die „da oben“ merken, dass wir aufpassen!

Und nochmals: DANKE!

Bereits 36000 Unterschriften nach 2 1/2 Tagen. DANKE

Heute geht einfach mal ein dickes, fettes Dankeschön an all unser Follower, Leser, Freunde raus, die Kristina Wilms und mich so grandios bei unserer Petition gegen das bayerische Psychiatriegesetz unterstützen. Jetzt, Donnerstag Nachmittag, liegen wir bereits bei unglaublichen 36.000 Unterzeichnern.

Aktuell ist geplant, die bis dahin gesammelten Unterschriften zu übergeben, bevorzugt an Herrn Söder persönlich, wenn wir dazu irgendwie die Gelegenheit bekommen. Man kann sekündlich verfolgen, wie mehr und mehr Menschen uns unterstützen und dafür sind Kristina und ich, zwei die selbst betroffen sind unglaublich dankbar.

Heute Abend gibt es wohl einen Beitrag über unsere Petition beim RTL Nachtjournal und Morgen bei ZDF Plus. Und es sollen noch weitere Beiträge folgen. Wir halten euch auf allen Kanälen auf dem Laufenden.

Und ihr könnt noch mitzeichnen unter www.change.org/Psychiatriegesetz

Bayern will psychisch Kranke wie Straftäter behandeln. Ein Rant.

Der Fall Gustl Mollath sollte doch eigentlich gezeigt haben, wie gefährlich es ist, jeden Menschen mit psychischen Problemen gleich wie einen Strafverdächtigen zu behandeln.

Doch was lese ich heute in der Süddeutschen? „Bayern will psychisch Kranke wie Straftäter behandeln.

Was da aber gerade in Bayern ausgedacht wird, das ist für mich ein Schritt zurück in eine eher dunkle Vergangenheit.

Die allermeisten psychisch kranken Menschen sind weder gefährlich, noch Straftäter. Wäre diese Denkweise der bayrischen Regierung logisch, müsste man ALLE Menschen als potentielle Straftäter … oh, halt… Polizeigesetz. Wir erleben in Bayern gerade, wie man durch die Hintertür einen Spitzelstaat, einen Überwachungsstaat einführt, unter dem Deckmantel, das ja nur für die Bürger zu tun.

Gerade mal vier Paragraphen befassen sich mit der Hilfe für psychisch Kranke, der ganze Rest liest sich, als wolle man jeden psychisch Kranken am liebsten wegsperren.

Schon mal darüber nachgedacht, was das für Auswirkungen auf psychisch Kranke hat? Es werden sich noch weniger Menschen Hilfe suchen, diejenigen wenigen Gefährder werden auf keinen Fall den Fehler begehen, sich behandeln zu lassen und die überwältigende Mehrheit der potentiellen Patienten wird sich zweimal überlegen, ob sie sich in die Gefahr begibt, nur weil psychisch krank aller Freiheiten beraubt zu werden.

Das sollte uns alle empören, denn so etwas stigmatisiert, gefährdet Menschenleben und schadet den Kliniken und den Therapeuten, die jetzt in die Nähe von Gefängniswärtern oder Strafverfolgern gebracht werden.

Psychisch Kranke Menschen brauchen Hilfe, jemandem, dem sie vertrauen können, nicht die Angst im Nacken, weil jemand meint, man wäre auffällig, weggesperrt zu werden. Ich hätte nie gedacht, dass wir über so etwas noch diskutieren müssen aber hier wird mit Vorurteilen und Fehleinschätzungen populistische Politik gemacht, statt da zu helfen, wo es am sinnvollsten wäre. Investitionen in Kliniken, vernünftige Gehälter für das Personal, ne, man kümmert sich um das schwächste Glied in der Kette. Bayern, mir graut vor dir.

Bei jeder Lesung, jedem Vortrag spüre ich immer wieder, wie froh Betroffene sind, da jemanden zu haben, der offen und ohne Hemmungen über die Probleme, die Herausforderungen spricht, die man als psychisch Kranker erlebt und durchleidet, bis es einem endlich besser geht. Der offene Umgang mit der Krankheit tut nicht nur mir gut. Ich erlebe das auch immer wieder in den Gesprächen mit anderen Betroffenen. Nur in Bayern werde ich wohl vom offenen Umgang damit fürderhin abraten müssen.

Ich hoffe, dieses Thema wird medial diskutiert und wir können diesen Wahnsinn bayrischer Couleur noch verindern. Hier wäre ein wichtiges Thema für Medien von Maischberger bis Stern TV. Wehret den Anfängen, bevor wir sagen müssen „History repeating“.

Und Herrn Söder und Co. empfehle ich, sich vernünftig zu informieren. Quellen gibt es genug, z.B. Sind psychisch Kranke gefährlich? (Spoiler, nein im Gegenteil)

Wer den Gesetzentwurf im Original lesen will: Bayerisches Psychiatrie Gesetz

Ich habe jetzt zusammen mit Kristina Wilms eine Petition dazu gestartet. Bitte teilen und unterzeichnen!

 

Man ist so alleine

Wenn sie da ist, fühlt man sich plötzlich wie ein Astronaut einsam im All. Man blickt hinunter auf die Erde, auf die Menschen, deren Leben, deren Lebenswege. Man erinnert sich an die Schmerzen, die Trauer, die vernarbten Seelenschichten, die man sich nach und nach zugelegt hat, bis der Panzer einen so weit weg von den Menschen getragen hat, dass man irgendwann wie ein Astronaut auf einer fremden Welt nur noch mit dem Seelenpanzer nach draußen konnte.

Dieser Planet, auf dem man lebt, wurde schwer unter den Füssen und in der Seele. Es wurde kalt um einen, weil man sich einschloss, weil man keine weiteren Narben mehr ertragen konnte. Zwar klopfte manch einer an den eigenen Panzer der Seele, aber die Türen waren alle versperrt, man schickte seine Masken nach draußen.

Das Atmen in diesem Panzer wurde schwerer und schwerer, irgendwann wollte man nur noch schlafen. Bis da ein Mensch war, der nicht nachgab, der die letzte, dünne Rettungsleine sandte und es schaffte, den einsamen Astronauten wieder zurück auf die Erde zu bekommen. Langsam, ganz langsam entfernten sich die Seelenpanzerungen. Auch wenn es Besserwisser gab, die zu glauben meinten, wie man jetzt weiter machen sollte spürte man, dass man noch zu kurz zurück auf der Erde war, um sich gegen die Dummen, die falschen Ratgeber zu wehren.

Aber es wurden Hände gereicht, man hörte der Geschichte des einsamen Astronauten zu. Und die Einsamkeit wurde weniger, wurde nicht mehr so überwältigend, nicht mehr so dunkel und kalt wie der leere Raum. Danke dafür, dass ihr mich zurück auf diese wunderbare Erde gebracht habt, dass der einsame Astronaut im schwarzen, kalten All wieder ein paar vertraute Seelen gefunden hat. Noch sind die Fangseile dünn, aber sie werden stärker. Und sie werden mehr.

Meine Geschichte wird fortgeschrieben. Und jetzt ist es meine Geschichte, ehrlich und verletzlich. Weil der Seelenpanzer endlich weg ist.

Schluss mit der Aufschieberei

Wer kennt das nicht. Wenn ich endlich mehr Zeit habe, mache ich X. Eigentlich fasziniert mich Y aber das kann ich eh nicht. Warum schieben wir so viele Dinge auf, die uns am Herzen liegen, die unsere Seele berühren?

Vielleicht, weil wir in einer Kultur leben, die von uns Verzicht fordert, Bescheidenheit. Die will, dass wir uns für die Arbeit aufopfern, die alles entwertet, was nicht direkt einen wirtschaftlichen Nutzen hat.

Kunst, Kultur, ideelle Werte sind nur dann von Relevanz, wenn sie sich monetär abbilden lassen. Was für eine schäbige Ideologie. Es ist eine ganze Industrie entstanden, die uns „besondere Erlebnisse“ für teures Geld verkauft.

Ich bin überzeugt, dass viele „besondere Erlebnisse“ in unserem Leben nur deshalb nicht mehr stattfinden, weil man uns hinreichend viel Angst eingetrichtet hat, um ein Schuldgefühl zu erzeugen, wenn wir dem Hamsterrad Karriere entfliehen.

Man sagt ja so gerne, suche Erlebnisse anstelle von Dingen. Aber in unserer 100% Sicherheit Welt, wo finden sich denn da noch Erlebnisse, die man sich nicht erkaufen muss. Wir lassen uns einschränken von Regeln, Meinungen, Wertesystemen, die sich wirtschaftlich ausrichten. Zum Wohle der Unternehmen, zum Wohle des Konsums ist jedes Erlebnis recht. Aber was ist mit den Dingen, die es kostenlos gibt? Und warum rechnen wir dauernd nur das Geld ein, dass etwas uns kostet. Viel wichtiger ist es in meinen Augen, dass wir die Zeit einrechnen, die wir arbeiten müssen, um uns etwas bestimmtes leisten zu können. Wenn wir das mit einbeziehen, dürften uns viele Dinge schnell relativ unwichtig erscheinen.

Ich habe eigentlich schon immer eine Faszination für den Weltraum, für den Sternenhimmel in mir gehabt. Irgendwann habe ich mal, für kleines Geld und gebraucht ein Teleskop angeschafft. Aber das verstaubte schnell in der Ecke. Zum einen, weil ich irgendwie nie die Zeit fand, es wirklich zu nutzen und zum anderen, weil dank suboptimaler Didaktik von Seiten meiner Mathe- und Physiklehrer am Gymnasium ich mich für einen kompletten Trottel gehalten habe, was Mathematik und Physik angeht.

Jetzt aber habe ich, wohl auch, weil die Ereignisse der letzten Jahre es mir überdeutlich vor Augen geführt haben, dass es keinen Sinn macht, Dinge, die einem am Herzen liegen aufzuschieben, die alte Liebe zur Astronomie wieder aufleben lassen. Und sehe mich nicht mehr als kompletten Versager, was die dahinter liegende Theorie angeht. Denn was ich auch gelernt  habe. Leidenschaft, Freude an einem Thema lässt Defizite schneller verschwinden, als manch einer es für möglich hält.

Nur weil andere dir einreden wollen, etwas mache keinen Sinn, sei Zeitverschwendung, habe keinen Nutzen heißt das noch lange nicht, dass du deren Weltsicht übernehmen musst. Wenn du einen Traum hast, etwas, das dich jedes Mal glücklich macht, wenn du es tun kannst/darfst/wirst, dann tu es.

Das Leben ist zu kurz… Ein ziemlich abgegriffener Satz, aber nichts desto trotz sehr, sehr wahr. Glück ist nicht etwas, das man aufschieben kann, um es später zu empfinden. Die glücklichen Momente, die wir uns heute nicht erlauben, werden nicht wiederkommen. Und wer kann mir garantieren, dass es ähnlich glückliche geben wird?

Carpe Diem hat sich wohl auch deshalb so ins kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft gefressen, weil es einfach stimmt.

 

Von der Dankbarkeit, überlebt zu haben

Ich lebe noch. Das ist etwas, das für mich keineswegs selbstverständlich ist. Es gab Momente, da war das Ganze auf Messers Schneide. Mehr davon, als ich mir jemals eingestanden habe. Und es gab einen Moment, da stand ich an der Klippe und es war gar nicht klar, ob mich mehr Menschen fallen oder mich retten sehen wollten.

Damals hat mich ein Mensch gerettet und ich weiß nicht, was ohne meine Frau geschehen wäre. Ob ich noch da wäre, ob ich noch gesund da wäre. Mein Leben ist rückblickend angefüllt mit vielen Momenten des Zweifels. Wertlos, schwach, als überflüssig gesehen zu werden oder mich selbst zu sehen war für mich lange Jahre Alltag, normal, man fühlt das eben so, es sagt bloß keiner.  Manchmal hätte ich mir gewünscht, einen der Pfade aus dem wundervollen Gedicht von Robert Frost zu sehen.

Zwei Wege boten sich mir dar,
Ich nahm den Weg, der weniger begangen war,
und das veränderte mein Leben.

Mehr als ein Mal war da nur noch eine Wand, die Angst, daran zu zerschellen und der Wunsch, den Schmerz zu beenden. Ich habe Glück gehabt, dass all die Jahre stets auch Menschen an meiner Seite waren, die mir eine Hand gereicht haben. Aber immer waren da auch Menschen, die mir einen Tritt verpassten. Die schmerzhaftesten Tritte kamen stets mit der Begründung, man wolle ja nur mein Bestes. Dabei wusste ich nicht mal, ob überhaupt irgendwas an mir gut war.

Eine Spur zu hinterlassen, etwas bedeutsames zu tun, natürlich hatte auch ich solche Wünsche. Aber meine Sicht auf mich erlaubte mir nie, auch nur einen Schritt in diese Richtung zu wagen. Vieles von dem, was ich las, um mich zu motivieren, um vielleicht etwas weniger traurig zu sein, klang wie Hohn, wie unrealistisch weil zu einfach.

Heute weiß ich, das Leben ist nicht gerecht. Es ist nicht vorhersehbar und schon gar nicht kann man den eigenen Sinn erkennen. Der offenbart sich von selbst früher oder später.

Dass ich ein Buch veröffentlichen würde, schon das war ein Erlebnis, das mich für immer verändert hat. Und das mich hunderte von Mails erreichten, von Briefen und Anrufen, in denen man mir erklärte, wie wertvoll, wie wichtig, wie lebensverändernd mein Buch für die Menschen geworden ist. Ich kann nicht in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet. Stolz ist ein Wort, das auch ein Quäntchen Arroganz beinhaltet aber dennoch ja, ich bin stolz auf über 400 Seiten, die meine ganz persönliche Geschichte beschreiben und dennoch offensichtlich so viele Menschen berühren.

Bald erscheint das Hörbuch, ein weiterer unglaublicher Wendepunkt. Man treibt Aufwand, und das nicht zu gering, um das Publikum für meine Geschichte noch größer zu machen. Wer einigermaßen weiß, wie der Literaturbetrieb tickt, der ahnt sicher, dass ich mir damit keine goldene, nicht mal eine metallene Nase verdienen werde. Aber ich habe einen kleinen Fußabdruck hinterlassen, ich hab ein kleines Stückchen mehr Bedeutung in das Leben einiger Menschen gebracht. Und selbst wäre mir das nur mit einem Menschen gelungen, würde mich das schon glücklich machen.

Ich habe gelernt, größer zu denken, mutiger zu werden, selbst-bewußter. Nicht so, wie ich es gerne hätte, aber besser als alles in meinem Leben zuvor. Ich habe nach wie vor dunkle Tage, aber ich lasse sie nicht mehr mein ganzes Leben bestimmen.

Mittlerweile versuche ich mich sogar im Träumen. Meine Frau hatte mal die Idee, mein Buch würde zur Schullektüre. Der Botschaft wegen würde ich mir das mittlerweile wirklich wünschen, auch weil ich mit Begeisterung an Schulen gehe, um aufzuklären, zu entstigmatisieren.

Und hey, wer weiß, denken wir doch mal noch größer. Vielleicht, eines Tages, werde ich meine Geschichte im TV sehen, oder im Kino? Klingt überheblich?

Mag sein. Aber ich übe mich gerade darin, mich nicht mehr klein zu machen. Ich übe mich darin, mit erhobenem Haupt durch die Welt zu gehen. Als jemand, der seine Krankheit überlebt hat, und der jetzt mit seinem Beispiel anderen Menschen Mut machen will. Was spricht also dagegen, groß zu denken? Nur so erreiche ich möglichst viele Menschen. Also sollte ein Drehbuchautor, ein Regisseur, ein Schauspieler das lesen. Ich bin bereit. Und ich schäme mich nicht, das offen zu sagen.

Ich kenne jetzt meinen Weg in diesem Leben, Frost hat mir zwei gezeigt, ich habe den weniger begangenen gewählt und bereue nichts. Viel zu lange habe ich mich von anderen Menschen klein machen lassen. Viel zu lange habe ich zugesehen, wie andere Menschen klein gemacht wurden von Mitmenschen, die vor Arroganz, Ignoranz und Intoleranz strotzten. NICHT MEIN WEG.

Ja, ich freue mich auch heute noch wie ein Kind über jedes verkaufte Exemplar meines Buchs, jedes gute Gespräch mit Betroffenen, denen mein Buch ein klein bisschen helfen konnte. Und ja, ich fühle zum ersten Mal so etwas wie Stolz, ohne ihn gleich herabzuwerten, ohne mich herabzuwerten.

Es kann besser werden. Aber dahin führt ein wenig begangener Weg, dessen Länge niemand voraussagen kann.

Aber der Weg lohnt. Glaubt mir, ich bin gerade auf ihm unterwegs.

 

Für mich war Steven Hawking immer ein Vorbild. Nicht wegen seines Schicksals sondern wegen seiner tiefen Neugier und der Lust daran, etwas im Leben zu bewegen. Daher zum Abschluß Stephen Hawking:

„Look up at the stars and not down at your feet.
Try to make sense of what you see, and wonder about what makes the universe exist. Be curious.“
Oder wie der ebenfalls sehr geschätzte Neil deGrasse Tyson formuliert:

The atoms of our bodies are traceable to stars that manufactured them in their cores and exploded these enriched ingredients across our galaxy, billions of years ago. For this reason, we are biologically connected to every other living thing in the world. We are chemically connected to all molecules on Earth. And we are atomically connected to all atoms in the universe. We are not figuratively, but literally stardust.