Bitte macht mit: Petition gegen die Freistellung von Frau Hannemann, die Missstände in Jobcentern aufdeckte

Jetzt ist es passiert. Das, was immer passiert, wenn Institutionen auf ihre Fehler von den eigenen Mitarbeitern hingewiesen und nach Nichtstun angeprangert werden. Frau Hannemann, die zuletzt durch einen offenen Brief die Zustände in Jobcentern an die Öffentlichkeit brachte, ist vom Dienst suspendiert worden. Auch in ihrem Blog hat Sie sich zu Wort gemeldet, zuert mit dem Beitrag: “Kritische Mitarbeiter von Jobcentern werden durch den Europäischen Gerichtshof gestärkt“.

Aber es ist auch eine Petition gestartet worden, diese Maßnahmen sofort zurückzunehmen. Ich finde, wenn es um den Umgang mit Menschen und deren Schicksalen geht ist es die Pflicht eines jeden, Missstände anzuprangern und es darf nicht sein, dass solche „Whistleblower“ dafür dann auch noch abgestraft werden. Bitte unterzeichnet mit auf Openpetition.de und verbreitet den Aufruf möglichst weit.

Und zum vorab schon mal lesen, hier noch der Text der Petition:

Sofortige Rücknahme aller Sanktionen gegen die Arbeitsvermittlerin Inge Hannemann

-Die arbeitsrechtlichen Sanktionen gegen Frau Hannemann sind sofort zurück zu nehmen!Inge Hannemann ist Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Hamburg Altona.Sie betreibt aber auch einen Blog ( altonabloggt.wordpress.com/ ) in dem Sie sich kritisch mit Hartz 4 auseinander setzt und Tips für Arbeitssuchende gibt!
Für diesen Blog wird Sie bereits seit geraumer Zeit von Ihrer Behörde kritisiert und bedrängt diesen einzustellen.

Als vorläufiger Höhepunkt wurde Frau Hahnemann am 22.04.2013 von Ihrer Tätigkeit als Arbeitsvermittlerin freigestellt und des Jobcenters verwiesen! Dies kann in einem Demokratischen Land nicht toleriert werden!

Begründung:

Die Sanktionen gegen Frau Hannemann sind ein Akt von Behördenwillkür, der dazu dient Ihr Grundrecht auf freie Meinungsäusserung zu beschneiden. In einer Demokratie und einem Rechtsstaat kann nicht geduldet werden das Andersdenkende von Behörden des Staates an einer sachlichen Meinungsäusserung gehindert werden. Selbst wenn diese Angestellte der Behörde sind!

Im Namen aller Unterzeichner.

Bad Schwalbach, 22.04.2013 (aktiv bis 21.06.2013)

 

Bevor ihr das mit dem Internet macht, erst mal Bürokratie nicht mehr machen

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Die Fußmatte für Bürokraten:

Social Media ist ein schnelllebiges Thema. Das hat auch Sascha Lobo in seiner Kolumne bei SPON dargelegt.

Und hier stößt oft der Wunsch nach Teilnahme und Teilhabe am Internet auf die harte Realität von Unternehmen. Denn wer für Aktivitäten im Netz erst lange Entscheidungsprozesse benötigt, der wird vermutlich erst dann mit einem Produkt an den Markt kommen, wenn der Trend bereits wieder vorbei und der „Rest“ des Netzes sich ganz anderen Themen zuwendet.

Das Netz ist spontan, selbstorganisierend und oft nicht so vorhersehbar, wie sich das die Planer und Tabellenzeichner wünschen.

Google zeigt es sehr schön mit seinen oft vielen parallelen Projekten, die dann auch mal wieder eingestampft werden. Es geht im Netz oft auch um Versuch, Irrtum, Aufstehen und Weitermachen.
Das ist aber Teil einer Fehlerkultur, die uns Deutschen in weiten Bereichen noch abgeht. Da sind wir offensichtlich viel zu stark der korrekte Ingenieur.

Hier gilt es, mehr Kreativität zu wagen und dazu gehört auch, Fehler zuzulassen. Denn niemand wird deshalb mehr Fehler machen, nur weil er dafür nicht abgestraft wird. Im Gegenteil, wer weiß, dass auch mal was schiefgehen darf, wird viel mutiger an neue Konzepte herangehen und viel innovativer operieren, als derjenige, der sich permanent vor jedem und allem rechtfertigen und nach allen Seiten absichern muss.

Daher: Bevor wirklich über eine aktive und ernst zu nehmende Teilhabe gerade auch an Social Media nachgedacht werden kann gilt es, die bisherigen Prozesse zu hinterfragen und kurze Wege, schnelle Entscheidungen zu ermöglichen. Sonst scheitert die beste Social Media Strategie, noch bevor sie wirklich begonnen hat.

Update: Hat die ARD bei der Amazon Reportage nicht ganz die Wahrheit gesagt?

Die hessisch-niedersächsiche Allgemeine berichtet, dass eine der Hauptfiguren in der ARD Reportage über die Zustände bei Amazon sich offensichtlich falsch dargestellt fühlt.

Das heißt jetzt nicht, dass Amazon von jeder Schuld freigesprochen ist, aber gerade bei einem so wichtigen Thema es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen ist fatal. Denn es macht die gesamte Doku unglaubwürdig. Was war denn sonst noch nicht so, was wurde denn sonst noch so hininterpretiert, dass es ins Bild vom bösen Konzern Amazon passt? Wusste denn Amazon wirklich, wer da in dem Sicherheitsdienst beschäftigt war und wie dort die Umgangsformen waren?  Fragen über Fragen werfen sich plötzlich auf.

Gerade bei einer Doku im öffentlich rechtlichen erwarte ich 100% wahre Aussagen, denn dort ist jegliche Falschaussage noch viel schlimmer. Denn eigentlich erwarte ich Qualitätsjournalismus für meine Rundfunkgebühren. Sonst kann ich ja gleich die privaten schauen und genau so wenig Wahrheit erleben.

Update: 22.02.2013

Mittlerweile tauchen weitere Berichte auf, dass bei der Recherche rund um Bedingungen bei Amazon wohl leicht tendenziös recherchiert wird und positive Relativierungen einfach weggelassen wurden:

Darf ein Unternehmen nicht auch Fehler machen?

Bei all dem Hass, der gerade auf Amazon herniederprasselt, möchte ich nur mal eine Frage in den Raum stellen. Wir wissen, Amazon ist kein  kleines Unternehmen. Nicht jeder in jeder Entscheidungsebene kann hier über alle Zusammenhänge bei Subunternehmern bescheid wissen bzw. muss gelegentlich auch darauf vertrauen, was ihm von der Geschäftsführung des Subunternehmens versichert wird. Amazon zieht jetzt Konsequenzen und kündigt Subunternehmen oder veranlasst, dass wiederum beschäftigte weitere Subunternehmen gekündigt werden.

Dennoch ist der Protest weiterhin laut und die Empörung groß.

Nur mal so als Frage in den Raum gestellt. Was muss ein Unternehmen wie Amazon machen, damit Vertrauen wieder hergestellt wird? Oder ist es nicht oft auch so, dass da einfach die Empörung zum Selbstläufer wird und mit nichts mehr eindämmbar ist?

Ich will hier mit nichts die Geschehnisse rechtfertigen, aber ich wäre mal an Meinungen dazu interessiert, ob wir mit Fehlern von Unternehmen nicht manchmal deutlich ungerechter umgehen, wenn sie eine bestimmte Größe oder Marktmacht erreicht haben, oder wenn durch eine kritische Masse enttäuschter Kunden ein Shitstorm am Leben gehalten wird, der nicht mehr rational begründbar ist.

Denn auch andere Unternehmen haben bei den Beschäftigten Fehler gemacht, wurden im Fernsehen angeprangert nur kräht da oft schon nach ein zwei Tagen kein Hahn mehr danach. Was ist also bei Amazon so anders?

Wie gesagt, ich stelle es als Frage in den Raum, einfach weil ich selbst mit dem Thema nicht wirklich korrekt umzugehen weiß. Ich kann mir nur sehr gut vorstellen, dass durch solche Ereignisse die OFFENE Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden nicht gerade gefördert wird.

Mein Eindruck, aber das ist nur ganz persönlich ist, wir sind es auch als Kunden noch nicht gewohnt, dass Social Media solche Effekte erzeugt und sind möglicherweise genau so wenig wie manche Unternehmen bereit sind offen Fehler zuzugeben, bereit unsererseits Entschuldigungen oder nachgelagerte Konsequenzen einfach als das anzunehmen, was sie möglicherweise sind. Ehrlich gemeinte Eingeständnisse eines Fehlers.

 

Ist moderne Telearbeit etwa doch ein Irrweg?

Evgeny Morozov, ein von mir sehr geschätzter Autor veröffentlichte vor kurzem in der FAZ seine Sicht auf die Telearbeit unter dem Titel „Telearbeit könnte Ihre Work-Life-Balance ruinieren„.

Zunächst war ich versucht, zu protestieren, aber bei genauem Studium des Artikels muss ich Morozov zustimmen. Denn was er als Befürchtung aufzeigt hat durchaus korrekte Schlussfolgerungen als Basis.

Morozov geht davon aus, und so wird es heutzutage durchaus noch vielfach gehandhabt, dass in Unternehmen die Möglichkeit der Heimarbeit eingeführt wird, aber immer noch mit dem alten Kontrollanspruch einer hierarchischen Verwaltung, die Mitarbeiter kontrollieren muss, damit sie etwas tun.

Das aber ist kontraproduktiv, da es in den Mitarbeitern eine Mischung aus Angst und Schuldgefühlen produziert, da sie jetzt ja in einem scheinbar freien System arbeiten dürfen, dass aber immer noch, und jetzt quasi rund um die Uhr überwacht wird.

Erst, wenn wir uns auch davon verabschieden, unsere Mitarbeiter permanent kontrollieren zu wollen kann das ganze funktionieren.

Und in einem teile ich da mittlerweile Morozovs Einschätzung: Wenn es überhaupt passieren wird, dann wird es noch lange dauern,  mindestens eine Generation. Bis dahin gilt, seien sie misstrauisch, wenn man ihnen plötzlich einen Heimarbeitsplatz anbietet und hinterfragen sie, wie denn dann ihre „Leistung“ beurteilt wird. Denn so lange im Unternehmen immer noch Anwesenheit=Entlohnung ist, wird es auch eine wie auch immer gestaltete (technische) Überwachung der effektiv gearbeiteten Zeit geben. Und so lange kann ich nur dringend vom Heimarbeitsplatz abraten.

 

 

Ist die strenge Trennung von Arbeit und Privatleben doch richtig?

RIM kündigt bei seinen neuen Blackberry Modellen eine Funktion an, die streng zwischen privater Nutzung und geschäftlicher Nutzung unterscheidet. Nicht einmal das Kopieren von Daten zwischen privat und geschäftlich ist möglich.

Zunächst hielt ich diese Idee für völligen Blödsinn, propagiere ich doch anstelle der so fast nie realisierbaren Work-Life Balance, also einer ausgewogenen Trennung von Privat und Beruf die Work-Life Integration, bei der ich zwischen beruflicher und privater Aktivität nicht mehr wirklich unterscheide. Aber als ich etwas genauer darüber nachdachte, warum RIM gerade jetzt mit so etwas auf den Markt kommt, vielen mir doch einige Punkte ein, die womöglich auch mein Gedankenmodell der Work-Life Integration im Moment noch konterkarieren.

Letztlich halte ich Work-Life Integration für erstrebenswert, aber offensichtlich in den nächsten 2-5 Jahren kaum für realisierbar. Zu viele in alten Mustern verhaftete Führungskräfte in den Unternehmen schätzen den Wert einer Humanressource (vormals Mensch und Mitarbeiter) eher nach ihrer physischen Präsenz, der Bereitschaft zu oftmals unsinnigen Überstunden und der Priorisierung des Berufs vor dem Privatleben ein. Aber auch zu viele hochgradig misstrauisch gewordene Arbeitnehmer vertrauen nichts mehr, was als innovatives neues Arbeitsmodell eingeführt wird, aus den Erfahrungen diverser Personalabbaumaßnahmen, Unternehmensfusionen und anderer Managemententscheidungen, die entweder Personal kosteten oder die Arbeitsbelastung erhöhten.

Die junge Generation hat hier ganz andere Prioritäten, die aber eben in den Etagen, die für die Strukturierung der Arbeit und Vorgaben so nicht gesehen oder oft gar nicht gewünscht wird. Es benötigt vermutlich mindestens eine ganze Generation, bis wir uns wirklich neu orientieren können und andere Denkmodelle realisieren. So wird die Familie wieder wichtiger und gerät oft in härteren Konflikt mit beruflicher Karriere, als bei früheren Generationen.

Die Veränderung kommt schleichend, oft durch Startups, die eben nicht mehr das Arbeiten bis zum Ausbrennen propagieren, sondern eine Balance leben. Die sich auch um junge Familien jenseits der Kita Öffnungszeiten kümmern. Und vermutlich benötigen wir auch ein anderes Denken, das den Wert eines Menschen nicht mehr direkt an bezahlte Arbeit koppelt. Letztlich streben wir mit aller Rationalisierung und Technologisierung die Reduktion der Arbeit an, aber erwarten dann immer noch eine Gesamtbevölkerung, die in einer 40 Stundenwoche in Jobs arbeitet, die wir zuvor wegrationalisiert haben. Vermutlich stimmt es, was mir so manch einer als Bremse für meinen Enthusiasmus bezüglich der Arbeitswelt der Zukunft mit auf den Weg gibt.

Die Idee und die Vision, wie so eine Arbeitswelt aussehen kann, mag richtig und gesünder sein, als das, was wir heute als Präsenzkultur erleben. Aber dafür braucht es vor allem ganz andere Entscheider, die ihre Wertigkeit nicht aus langen Arbeitstagen und möglichst vielen Mitarbeitern um sich beziehen, sondern eine wirkliche Balance für alle wollen, in der auch mal etwas nicht gemacht wird und nicht eine Kultur des „alles und zwar sofort“ herrscht.

Und schließlich braucht es auch auf Seiten der Arbeitnehmer, seien es die Vertreter wie Gewerkschafter oder Betriebsräte oder die Mitarbeiter selbst das Vertrauen, dass neue, alternative Arbeitszeitmodelle, mehr Freiheiten, Vertrauensarbeitszeit nicht nur dafür eingeführt werden, um die Arbeitskraft noch besser auszunutzen. Da ist es nicht ausreichend, wenn von oben signalisiert wird, das dem nicht so ist, da benötigt es vielmehr Regelungen, die in der Einführung die Grenzen klar aufzeigen aber nur so lange aktiv kontrolliert werden sollten, bis das ganze in die Belegschaft „gesickert“ ist. Erst wer merkt, dass er nicht mehr mit dummen Sprüchen belästigt wird, wenn er bereits um 13 oder 14 Uhr das Haus verlässt um z.B. im Home Office weiterzuarbeiten, wird der gesamten Maßnahme auch vertrauen.

Hier empfehle ich das Buch „Why work sucks and how to fix it“ das auf sehr schöne Art das ergebnisorientierte Arbeiten darstellt. Und ganz neu „Why managing sucks and how to fix it„, in dem auch die Seite der Führungskräfte beleuchtet wird, die hier natürlich auch einem massiven Wandel unterzogen ist.

 

Sind uns ältere Arbeitnehmer wirklich wichtig?

Deutsche gehen trotz Einbußen früher in Rente: berichtet die Süddeutsche und merkt an, dass unklar ist, wer freiwillig und wer gezwungenermaßen so früh in Rente geht.

Ich wage zu behaupten, dass die große Mehrheit gezwungenermaßen in Rente geht, weil sie einfach mit 60+ keinen neuen Job mehr findet. Denn was die Medien uns vorgaukeln wollen, dass der ältere Arbeitnehmer wegen seines langjährig aufgebauten Wissens so wichtig wäre, passt nicht zur Realität vieler. Warum werden gerade die älteren Mitarbeiter oft mit Abfindungen oder Vorruhestand aus den Unternehmen gedrängt?

Leider gibt es eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was uns Politik, Arbeitgeber und Medien vorgaukeln und der Realität. Ich kenne sehr viele Menschen in meinem Umfeld jenseits der 50, die es sehr schwer hatten, nochmal eine neue Anstellung zu finden und die meisten um die 60 gehen davon aus, dass sie, sollten sie ihren Arbeitsplatz verlieren auf jeden Fall arbeitslos bleiben, nicht weil sie wollen, sondern weil sie keiner will.

Der demographische Wandel wird meines Erachtens gerade auf dem Rücken der älteren ausgetragen. Wirkliche Konzepte für ältere Mitarbeiter fehlen oft, neue Modelle wie Heimarbeitsplätze, neue Arbeitszeitmodelle und ähnliches werden nur sehr sehr träge, wenn überhaupt eingeführt.

Die Rente mit 67 ist keine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, sondern eine Rentenkürzung. Das sagt nur niemand so offen.