Lasst mich doch alle in Ruhe

Und das meine ich – manchmal – völlig ernst. Ich habe eine generelle Angststörung, die in guten Phasen überhaupt nicht in Erscheinung tritt, mich aber insbesondere in depressiven Phasen komplett aus der Bahn werfen kann. Die Trigger kenne ich, aber leider kann ich manche nicht meiden. Entweder, weil man meint, es wäre gut, ich würde mich ihnen aussetzen – NEIN, ist es nicht – oder weil man einfach keine Interesse daran hat. Dann fällt es sehr schwer, stabil zu bleiben. Ja, langfristig muss ich lernen, mit diesen Triggern stabiler umzugehen aber hallo? Ich bin erst seit Anfang des Jahres wieder langsam ins normale Leben zurückgekehrt, und wie mir mein Therapeut so schön erklärte: Was sie Jahrzehnte mit sich herumgeschleppt haben, kriegen sie nicht einfach mal so in ein oder zwei Jahren in den Griff.

Deshalb versuche ich mein Leben im Moment so stressfrei wie möglich zu halten. Weil ich lebensgefährlich intensiv erlebt habe, wie schlimm es enden kann, wenn ich mich zu viel Stress aussetze. Der ist ja schon für normale Menschen ungesund, für mich, als Mensch mit einer Depression noch viel schlimmer.

Also bitte, insbesondere all ihr Besserwisser, Hobbytherapeuten, Ignoranten, lasst mich, nein lasst uns in Ruhe. Denn was wir brauchen ist Verständnis und Toleranz. Dann können wir weiterhin ein normales Leben führen. Wenn aber die gerade geschlossenen seelischen Wunden permanent wieder geöffnet werden, wenn wir beobachtet werden, als wären wir ein lebensbedrohlicher Sprengsatz, dann, ja dann macht das alles nur noch schlimmer. Ich habe einige wunderbare Menschen kennengelernt in meinen Klinikaufenthalten, die teilweise wegen genau solchen Verhaltens wieder in der Klinik gelandet sind. Das will ich nicht, deshalb ist Selbstfürsorge das wichtigste. Und dazu gehört eben manchmal auch der Satz: „Lasst mich doch alle in Ruhe.“

Du warst doch jetzt in Kliniken, jetzt bist du doch gesund

Nein, eben nicht. Ich bin eben nicht gesund. Ich formuliere es eher wie folgt: Ich kenne jetzt meine Krankheit, und habe sie besser, aber nicht total unter Kontrolle.

Zumal ich nicht nur eine Depression, und zwar eine chronische mit mir herumschleppe, die ich wohl schon seit Jahrzehnten habe, es gehört zur Diagnose auch noch eine generelle Angststörung, wohl auch ein „Überbleibsel“ meiner Kindheit und Jugend. Und Ängste wird man nicht so einfach los. Warum ich so offen damit umgehe hat zum Teil damit zu tun, dass ich es leid bin, mich zu verstellen und den entspannten, fröhlichen Menschen zu spielen, wenn mich meine Ängste innerlich förmlich zerfressen.

Klar, ich habe Mittel an die Hand bekommen, diese Ängste zu steuern. Und im Alltag, sei es beruflich oder privat, kann ich meist sehr gut damit umgehen. Aber es gibt Trigger, ganz bestimmte Trigger, wenn ich denen massiv ausgesetzt werde, dann entsteht instant Panik. Nicht langsam ansteigend, sondern von 0 auf 100. Und da helfen dann auch meine Tricks nichts. Da ist es besser, die Trigger zu meiden, oder sich schon zuvor intensiv darauf vorzubereiten. Aber für mich ist vor allem in depressiven Phasen vermeiden das beste.

Das ist es, warum ich öffentlich bin, warum ich über meine Krankheit spreche. Weil es noch so viel Unverständnis für psychische Krankheiten gibt. Wir sind weder gefährlich, noch unproduktiv, noch dumm.  Aber wie andere Menschen, die eine chronische Krankheit haben, müssen wir unser Leben anders arrangieren, als gesunde Menschen. Ja, ich weiß, dass meine Ängste oft irrational, übertrieben sind. Aber sie sind da und sie überrollen mich. Da ist es dann wenig hilfreich, mich mit Ratschlägen wie, du übertreibst, ist doch alles nicht so schlimm zu trösten. Doch, für mich in diesem Moment ist es schlimm. Und eigentlich will ich mit meiner Angst da nur akzeptiert werden. Weil wie meine Depression die Angst für mich spürbar und real ist. Sie geht irgendwann vorbei. Aber das dauert länger. Und in dieser Zeit ist Verständnis am hilfreichsten.

Vielleicht sollte man sich einfach vor Augen halten, dass Menschen mit psychischen Krankheiten sehr stark sind, weil sie jeden Tag den Kampf gegen die Hemmnisse durch die Krankheit aufs neue aufnehmen. Manchmal gewinnen wir, manchmal verlieren wir. Aber wir kämpfen.

 

 

Jetzt weiß die Welt, dass ich Depressionen habe, gut so.

Das erste, was als Reaktion auf die 37° Sendung am Mittwoch „Viel mehr als Traurigkeit“ kam, war: Du bist ja mutig. Darauf kann ich nur erwidern. Nein, es war für mich eine Konsequenz, eine stringente Idee, geboren aus der Erkenntnis, dass ich mir selbst und meiner Umwelt jahrelang nicht eingestehen wollte, Depressionen mit mir herumzutragen. Das daraus resultierende, permanente Gefühl, nicht ganz richtig, irgendwie kaputt zu sein, brachte mir in letzter Konsequenz eine generelle Angststörung ein und die wiederum den Suizidversuch. Auf den bin ich so was von NICHT stolz, aber er war entscheidender Wendepunkt. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich eine Diagnose, eine Erklärung und was am schwerten wiegt, Hilfe.

Natürlich wäre es viel besser gewesen, das alles früher zu durchschauen. Da hat nicht zuletzt auch die schlechte Versorgung mit kassenzugelassenen Therapeuten ihren Anteil dran. Es gibt jede Menge Therapeuten, aber nur ein Bruchteil hat eine Kassenzulassung, wird also von der Krankenkasse bezahlt. Für mich bedeutete das 1 Jahr Wartezeit. Und was bei mir erschwerend dazu kam. Ich hatte und habe nie diese völlig antriebslosen Phasen, im Gegenteil. War ich tief in einer depressiven Episode, war erst recht produktiv. Scheisse drauf, aber produktiv wie Sau.

Dass all die Jahre meine Frau Sibylle so bedingungslos zu mir gehalten hat, ich kann es ihr gar nicht hoch genug anrechnen. Und jetzt, mit der Diagnose und einem wachsenden Verständnis für die Rahmenbedingungen und die Unheilbarkeit meiner Depression lernt die ganze Familie, besser damit umzugehen. Und ich übe mich in Selbstfürsorge. Denn noch etwas habe ich gelernt. Das Umfeld reagiert auf einen depressiven Menschen wie auf einen gesunden. Weil man die Depression eben nicht sieht. Nur weil ich wieder auf der Arbeit erscheine, bin ich nicht geheilt. Ich hab die Sache unter Kontrolle, solange keine Trigger für meine Angststörung mich überrollen. Darauf muss ich achten, die muss ich meiden, dann kann es gut laufen, auch längerfristig.dpress

Aber was ich schon während und auch noch nach der Sendung zum allergrößten Teil erlebt habe war Verständnis, Interesse und tolles Feedback. Ich habe mich mit meiner Depression öffentlich gemacht, exponiert und es ist nichts (schlimmes) passiert. Aber ich brauche mich jetzt nicht mehr dauernd zu erklären. Der nächste Schritt meines öffentlichen Umgangs mit Depressionen ist bereits vorbestellbar. Depression abzugeben: Meine Geschichte vom Suizid bis zur Entlassung aus der Klinik. Quasi die Rückkehr ins relativ normale Leben, denn der Alltag ist heutzutage oft wahnsinniger als alles, was mir in  den Kliniken begegnet ist. Deshalb auch keine Sorge. Das Buch ist durchaus sehr lustig, hat aber auch seine traurigen Momente. Mehr als mit diesem Buch kann ich mich nicht mehr exponieren, denn darin lege ich auch meine Defizite offen, die Erkenntnisse und die Wunden, die man mit sich trägt und die einen oft schmerzhaft niederwerfen.

Ich kann  nur sagen ja, wir sollten, nein wir müssen über Depressionen reden. Über psychische Krankheiten generell, damit das Stigmatisieren aufhört, damit mehr Menschen es wagen, sich Hilfe zu holen. Psychische Krankheiten sind behandelbar und es lässt sich mit der richtigen Hilfe dennoch gut mit ihnen leben. Aber dafür muss man es wagen, sich Hilfe zu suchen und zumindest das engere Umfeld, das sowieso mit den Unwägbarkeiten der Krankheit leben muss, auch aufzuklären.

Von Mut und Vertrauen

Ja, ich habe Depressionen. Aber ich bin nicht gleich in einer schlechten Phase suizidal. Dafür bräuchte es viel mehr. Viel mehr Systematik mich schlecht zu machen, herunterzuziehen, falsch einzuschätzen. Ich hoffe, die ZDF Doku „Viel mehr als Traurigkeit“ hilft hier ein wenig aufzuklären. Man behandelt uns immer noch wie Zeitbomben, die beim kleinsten Problem an Suizid denken. Was für ein ausgemachter Blödsinn. Und man will immer von den Experten wissen, wie es dem ja so bekloppten Patienten geht. Die meisten Expertenrunden bestehen doch so gut wie nur aus „Fachleuten“. Wo ist da der Depressvie? Wo der Angstgestörte? Fragt doch einfach uns, wir haben einen Mund zum Sprechen und dumm sind wir auch nicht. Vertraut uns, wir sind wie du und ich, nur manchmal eben zutiefst traurig. Und redet mit uns. Wir können immer noch am besten erklären, wie es uns geht.

Ich bin anders als ihr. Und das ist gut so.

20160923_072505Es begann bereits in der Schulzeit. Ich fühlte mich irgendwie fremd, irgendwo in einem Land, einer Zeit, einer Gesellschaft, die so gar nicht die meine war. Es waren noch nicht einmal die üblichen Spiele, die man als Kind spielt. Lego, Modellautos. Fangen und Klettern im Freien. Klingelstreiche. Es war das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Tief im Innern etwas zu haben, das anders arbeitet, anders tickte, als bei all den anderen um mich herum.

Meinen Eltern versuchte ich, es zu erklären, aber sie waren so sehr wie „die anderen“, dass sie das ganze nicht begreifen konnten. Also schützte ich diese Besonderheit. Ich zog mich zurück, auch begünstigt durch die Krankheit meines Vaters, die mich auch noch die letzten Freunde kostete. Im Nachhinein betrachtet formte mich diese Zeit zum positiven, aber auch zum besonderen, zum etwas schrägen, etwas anderen Menschen. Ich tauchte ein in Literatur. Ich entwickelte mich zum extremen Bücherwurm. Heute sind es weit über 3000 Bücher, die uns auf einem Umzug, sicher und sortiert in schweren Kartons begleiten würden. Ich konsumierte Bücher wie andere Nahrung. Ein Tag ohne ein Buch war ein trauriger, schmerzhafter Tag. Lange blieb ich der Außenseiter, war der komische Kauz, den man auch schon mal verprügelte, weil man wegen dessen Vorliebe für klassische Musik auf dem Schulausflug Bachs Brandenburgische Konzerte hören musste.2015-05-05-10-38-24

Eine neue Klasse, neue Mitschüler wandelten mich langsam. Nicht, dass ich nicht weiterhin der seltsame Freak blieb, der sich mittlerweile intensiv mit Computern befasste, nachdem ein kreatives Intermezzo ihn hin zu einer Spiegelreflexkamera und einer Menge von Fotografien brachte.

Die neue Klasse, eine Konglomerat von zwei Mittelstufenklassen trug mich aus der Rolle des Außenseiters in die Rolle des besonderen Menschen. Und wie mein ganzes Leben waren es schon damals Frauen, die meinen Lebensweg nachhaltig und positiv beeinflussten (mit der einzigen, dafür aber dramatischen Ausnahme meiner Mutter. Aber das ist eine andere Geschichte)

Ich lernte Freundschaft kennen, die nicht nur an guten Tagen existiert. Erfuhr, dass ich vermisst werde, wenn jemand im Krankenhaus auf meinen Besuch wartet. Ja und ich erfuhr den ersten Kurs, die erste körperliche Liebe, suchend, willens zu lernen, es gut zu tun, gut für beide. Ich war und bin ein Mensch, der zwar nicht mit, aber auch nicht ohne Menschen kann. Die Distanz eines Raums genügt, damit ich mich sicher fühle, die Distanz einer Stadt kann mich in einen emotionalen  Tornado an Gefühlen stürzen.

Zivildienst. Nachtschichten. 7 Nächte, dann 7 Tage frei. Für mich eine traumhafte Zeit, ein Traumzeit. Wach sein, wenn andere schlafen. Leben in einer ruhigen, dunklen, aber irgendwie wärmenden Parallelwelt. Ich begann zu malen, bereitet sogar eine Kunstmappe blieb aber letztlich beim Computer, den ich besser zu beherrschen meinte. Ich verkannte damals meine emotionale Seite. Das war es, was mich letztlich in die Psychiatrie gebracht hat.20160308_101143

Mein Studium ein weiteres Erleben von andersartig sein, diesmal aber unter Gleichgesinnten. Künstliche Intelligenz, Computerlinguistik. Verstehen, wie der Mensch tickt um vielleicht zu verstehen, wie ich ticke.

Das Ende meiner Schonzeit, meiner selbstgewählten Parallelwelt kam am Ende meines Forschungsstipendiums. In Heidelberg durfte ich drei Jahre forschen. Lernte die Frau meines Lebens kennen und verliebte mich unsterblich in sie. Und ja, liebe sie noch heute, die Frau, die mir im wörtlichen, im elementarsten Sinne das Leben gerettet hat.

20150310_143120Mit dem Eintritt ins normale Berufsleben kam der tiefe, der harte, der laute und schmerzhafte Absturz. Unterwerfung. Gehorchen. Tun, was gesagt wird, ob sinnvoll oder nicht. Die nun mit brutaler Klarheit in mein Leben eindringende Prämisse meines Handelns. Erwachsen sein. Für mich ein Horrorgedanke. Vernünftig, langweilig, gehorchend und sich selbst verleugnend.

Ich schaffte es lange Jahre, auf Kosten meines eigentlichen Wesens. Kleine Refugien erhielt ich mir. die Liebe meiner Frau, unsere wundervollen Kinder stützten mich, aber ich stützte mich auch auf sie, belastete, erschwerte, überschattete deren Leben.
Der Knall des Suizidversuchs. Das letzte, das finale Aufbäumen meines eigentlichen Selbsts. Wäre da nicht die Liebe, die Intuition meiner Frau gewesen, ihre Geduld und Klugheit. Ich wäre heute tot. Es ist so hart, so klar, so unleugenbar.

Der Weg zurück in MEIN Leben. Er beginnt gerade, ich habe wenige, aber gute Begleiter. Und neue Wege haben sich eröffnet. Das Buch, das im Januar erscheint. Die Doku über mein Einhorn, die Depression, die mich seit meiner Jugend begleitete, weil mein Anderssein mich mehr schmerzte, als ich mir selbst eingestehen wollte.20151212_202748

Ich musste mich zurückkämpfen auf dem falschen Weg, um die richtige Abzweigung zurück in mein Leben, in mein besonderes Leben zu finden. Das für viele andere falsch, für mich aber genau richtig ist. Das anders ist, schräg, manchmal anstrengend oft aber glücklich machend. Und das mir meine Familie wiedergegeben hat. Andere werden weit weniger glücklich sein über meinen Wandel.

Aber er muss sein. Weil es um mein Leben geht. Weil es um mich geht. Und weil ich nicht mehr bereit bin zu tun, was andere für mich als richtig erachten. Die Masken sind gefallen. Und ich habe sie tief unten im Keller meiner Seele in einer alten, großen Truhe mit vielen Schlössern weggesperrt bis auf ganz wenige, die mein neues Leben schützen. Kleine Lügen brauchen wir alle. Die Lebenslüge aber, die ruht da unten, tief, in dieser Kiste.

Dieses Jahr werde ich einen Film mit besonderer Freude und Aufmerksamkeit sehen. Weil er die Botschaft in sich trägt, dass anders sein nicht schlecht, sondern etwas besonderes sein kann, etwas, das einem das Leben auch besonders schön, aufregend, neu machen kann. Wenn man sich darauf einlässt.

Ich rede von Tim Burtons “ Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children.

All ihr, die ihr da draußen euch anders, ausgeschlossen, unverstanden fühlt. Das ist gut so. Ihr seid besonders, ihr seid ungewöhnlich. Und es wird immer Menschen geben, die das Ungewöhnliche schätzen. Wenn es bis dahin das Gewöhnlich sein müssen überlebt hat.

Von unangenehmen Wahrheiten und angenehmen Lügen

Wir leben in einer Illusion. Medien, Politik gaukeln uns vor, das Leben unter Kontrolle zu haben, die Wirtschaft unter Kontrolle zu haben und letztlich damit für uns alle ein gutes, ein sicheres Leben zu ermöglichen. Welch ein Trugschluß. Wir wünschen uns alle einfache, logische und sichere Wahrheiten, und erkennen nicht, dass das Leben viel komplexer, viel diffuser, viel mehr vielleicht ist.

Regeln und Vorschriften, Verbote und Normen. Wir haben ein immenses Portfolio von Werkzeugen entwickelt, das Unwägbare, das Unkontrollierbare scheinbar zu kontrollieren. Aber all diese Werkzeuge funktionieren nur, wenn zwei Faktoren gegeben sind.

Zum einen, es gibt einen gemeinsamen Konsens darüber, dass all diese Werkzeuge des Zusammenlebens sinnvoll sind.

Zum anderen, die Werkzeuge müssen auch das bewirken, wofür sie eingesetzt wurden.

Schon die erste Prämisse scheitert häufig. Seltener daran, dass sie nicht mit Sinn behaftet sind. Häufiger daran, dass das Faktische dahinter schlicht verleugnet wird. Verschwörungstheortiker sind die Speerspitze derer, die hinter allem Verrat, Gefahr und Lüge vermuten. Dabei klagen sie über eine einseitige Sichtweise, die letztlich originär vor allem sie selbst haben. Sie bauen sich ein Weltbild, das immer mehr von der Realität wegdriftet, aber so plausibel erscheint, dass sich Gefolgsleute darum scharen und durch die schiere Menge an „Gläubigen“ schlicht zur Wahrheit werden. Es gibt selbst heute noch Menschen, die an die flache Erde glauben, an die 7 Tage der Schöpfung. Nicht im Sinne einer metaphorischen Überlieferung sondern als Tatsache.

Das Schlimme? Sie sind nicht zu überzeugen, weil sie hinter jeder anderen Meinung Verrat und Lüge vermuten. Sie leben selbst eine Lebenslüge, die für sie zwar bequem, im Gesamtkonzept des Zusammenlebens als Spezies aber hochgefährlich werden kann.

Chemtrails, Mobilfunkstrahlung, Vegan/Vegetarisch/Carnivor. Verbrannte Erde, kaum mehr diskutierbar, kaum mehr abwägbar. Man gehört entweder zu den Guten oder zu den Bösen. Die Grauzone, wie sie im Alltag die Regel ist, herrscht in diesen Themen nicht mehr. Flüchtlinge sind entweder mit offenen Armen zu empfangen, oder an den Grenzen zurückzuschicken. Es wird nicht mehr über den besten Umgang im Sinne der Flüchtlinge diskutiert. Es werden Parolen und Beschimpfungen hin und her geworfen.

Und die Politik macht fröhlich mit. Da sie von der Mehrheit unterstützt wird, die es nicht ertragen kann, ohne feste Wahrheiten zu leben. Einer der größten Irrtümer der Gegenwart: Die Mehrheit hat immer recht. Oh nein, sehr oft sogar nicht, weil Einsicht, Intelligenz, guter Wille oder Altruismus fehlen. Dabei ist der Dumme oft der, der meint, es am besten zu wissen. Sokrates sagt: Ich weiß, dass ich nicht weiß. Wenn ich aber nicht weiß, maße ich mir auch nicht an, die eine ultimative Antwort zu kennen. Um aber zu dieser Erkenntnis zu kommen bedarf es eines gerüttelt Maßes an Selbstreflektion, zu der in der heutigen Zeit die wenigsten bereit sind, und der sie auch nicht zuhören. Nicht umsonst werden Philosophen meist nur von denen gehört, die eh schon erkannt haben, mit welchen Wissensdefiziten wir leben.

Wissenschaft sagt nie, ich weiß, es ist so. Gute Wissenschaft geht von der Annahme aus, nach bestem Wissensstand im Moment die valideste Theorie zu haben, die Morgen schon falsifiziert sein kann. Das ist etwas, das für den Durchschnittsbürger schwer verstehbar und ertragbar ist.

Acrylamid, Mobilfunkstrahlung, das Essen von Fleisch. Alles Themen, die in der Öffentlichkeit weit jenseits von wissenschaftlicher Analyse und gelassener Distanz zu einer Schlammschlacht der Diskursunwilligen geworden sind.

Und wir züchten uns neue Generationen heran, die das kritsche, das humanistische, das auch zu einem gerüttelte Maß selbstkritsche Denken verlernen und auf dem Altar der Ökonomie, des wirtschaftlichen Nutzens opfern.

Wir bilden unsere Kinder nicht mehr zu intelligenten, reflektionsbereiten Menschen aus, sondern zu Arbeitnehmern, die das tun, was man ihnen sagt, brav konsumieren und ansonsten bloß nicht über den Wahnsinn in Wirtschaft und Politik kritisch und klug reflektieren.

Und dann wundern wir uns, wenn in den Betrieben unkreative duckmäuserische Ja-Sager die Oberhand gewinnen, wenn Mehrheiten solch ideologisch überaus gestrigen Parteien wie der AfD folgen und an dumme und falsche Scheinfakten glauben wie die Abnormalität von Asperger, die Gefahr des Impfens oder die Verschwörung der Reichen.

Wir brauchen eine Kehrtwende in der Bildung und in der Gesellschaft. Weg von der Prämisse, alles sei der Wirtschaft zum Gefallen zu geschehen, weg von einem Leben, dass sich auf arbeiten und konsumieren beschränkt, hin zur Verlangsamung un Reflektion. Die Gehetztheit unserer Zeit hindert uns an der Reflektion. Und Anderer Menschen Meinung akzeptieren wir nur, wenn sie in unser teils sehr verschrobenes Weltbild passen.

Schon Mark Twain erkannte: Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen.

Ich habe es schon vor geraumer Zeit gesagt:

Nicht diejenigen, die in der Psychiatrie landen mit Depressionen und Angststörungen sind verrückt, sondern diejenigen, die diesen Irrsinn der Scheinwahrheiten und Ökonomieunterwerfung widerstandslos akzeptieren oder unreflektiert komplett ablehnen.

Oder um wieder meinen liebsten Literaten zu zitieren, wenn es um die Reflektion über die Gesellschaft geht:

Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.

Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
um Brot und Stiefel seine Stimm‘ verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
Demetrius I. (Sapieha)

 

Zitat von Friedrich Schiller
Friedrich Schiller
deutscher Schriftsteller
* 10.11.1759, † 09.05.1805

Das neunte Barcamp Stuttgart. Wenn die eigene Schwäche zur Stärke wird.

20160917_115119Das Barcamp Stuttgart war für mich eines der ersten, die ich besuchte. Und es wurde für mich zur Instanz. Hier treffe ich viele meiner Follower. Hier habe ich mich als depressiver Mensch geoutet, der einen Suizidversuch hinter sich hat.

Dieses Jahr, auch wenn das wie eine Floskel klingt, war ein ganz besonderes Barcamp Jahr für mich. Seit Juli wieder vollständig zurück im (Arbeits-)Leben. Seit Juli wieder auf der Suche, sich im „normalen“ Alltag zurecht zu finden. Dabei hatte und hat mir meine Twitter Timeline immens geholfen. Um so mehr freute ich mich darauf, einige davon auf dem Barcamp meines Herzens wiederzusehen (jap, auch die emotionalere Seite von mir ist seitdem ich Frieden geschlossen habe mit meinem Einhorn Depression ein Teil von mir).

Schon vor dem Barcamp wurde immer wieder gefragt: „Sieht man dich in Stuttgart?“. „Aber natürlich“ war die stets folgende Antwort, schon, weil es massivster Naturereignisse bedurft hätte, mich vom Besuch abzuhalten.

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Man(n) konnte auch in Bällen baden. Bazingah!

Dann der Tag der Anreise, im Zug kann man beobachten, wie sich die Teilnehmer per Zug, Fahrrad, Auto, Flugzeug und gar zu Fuß auf den Weg machen in den Hospitalhof. #bcs9 sammelt als Hashtag der Wahl die Schäfchen und auch so manchen (Wer-)wolf unter sich.

Dass du aber wirklich „zuhause“ angekommen bist, merkst du am besten, wenn die ersten Begrüssungen und strahlenden Gesichter dich bereits vor dem Eingang zum Barcamp erwarten.  Selten wurde ich so positiv empfangen wie durch die strahlenden Augen, das Lächeln und die Umarmung von Nicole Gugger. Ja. Ich bin daheim. Kaum hatte ich mich am Empfang angemeldet, begann der nicht enden wollende Strom von Hallos, von „Danke, für das, was du machst!“ (Nichts besonderes, ja nur konsequent für mich aber schön, den Wert für andere zu erfahren). Und irgendwie überkam mich das Gefühl, mittlerweile zum bunten Hund avanciert zu sein. Prominent vielleicht nicht, aber weit bekannter als ich dachte.

Dann die Sessionplanung und für mich eine unglaublich schöne Überraschung. Bereits am ersten Tag befassen sich insgesamt 5 Sessions mit psychischen Krankheiten/Problemen/Herausforderungen. War das Barcamp Stuttgart jemals ein Technikcamp? Wenn dem so ist, dann hat sich das 2016 radikal geändert. Eine unglaubliche Vielfalt, hochspannende Menschen. Danke Dana, dass ich deine Geschichte kennenlernen durfte und dass du mich so sehr inspiriert hast, meinen Weg weiter zu gehen. Und übrigens. Du klingst wie eine Frau, du siehst aus wie eine Frau und vor allem. Du bist eine Frau. Jetzt, heute, egal wie steinig der Weg noch sein mag!

Meine Session, erneut gut besucht, obwohl ich dieses Jahr eigentlich nur einen Update meines Outings von 2015 anbot. Erneut hochintelligente Fragen, interessiert Zuhörer und ich weiß nicht, ob meine Lesung wirklich gut ankam, die Gesichter zumindest sprachen dafür. Es ist unglaublich ermutigend wenn man spürt, wie viele Menschen es gibt, die Interesse an meinem Schicksal haben, die daraus etwas für sich oder einen Freund/eine Freundin ziehen wollen. Das ist es, wofür ich mich exponiere, wofür ich in die Öffentlichkeit gehe.

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Muss man das hervorragende Essen des Barcamp Stuttgart noch erwähnen? Ich glaube ja, man kann den Caterer für Qualität und Geschmack nicht genug loben.

@windfeder war für mich der nächste Grund, sich überwältigt zu fühlen. Nicht die Eloquenz, nicht die sympathische Ausstrahlung der jungen Barcamperin, es war die Offenheit, mit der sie über ihre Probleme mit ihrer psychischen Erkrankung sprach, die klugen Erkennntnisse, die ehrlich Unsicherheit und der Wille, sich verletzlich zu machen um dann von der Barcamper Gemeinschaft mit offenen Armen aufgefangen zu werden. @windfeder DANKE! Ich habe mich so oft an mich vor einem Jahr erinnert gefühlt. Du gehts den richtigen Weg, und du hast einen Vater, auf den du wirklich stolz sein kannst. Es wird gut gehen, ich fühle das. Warum, frag mich nicht. Aber ich habe in der Zeit seit dem Suizidversuch gelernt: Verlass dich endlich wieder auf deine Gefühle, lass den Kopf nicht alles entscheiden.20160917_115744

Selten habe ich auf einem Barcamp so viele Sessions besucht, aber es war einfach immer etwas dabei, jeder Zeitslot hatte mindestens ein interessantes Thema.

Auch die Session über den Umgang mit der eigenen chronischen Krankheit brachte mich positiv an meine Grenzen. Ich kann mich nicht erinnern, in einer Session aus einem Übermaß an Empathie heraus mitweinen zu wollen, aber bei den offenen, ehrlichen und sehr berührenden Aussagen von Charlie aka @charlilottelise erreichten mehr, als nur Tränen in meinen Augenwinkeln. Ja, ich konnte mich da sehr gut wiederfinden, vieles davon hatte ich selbst so gehandhabt, bis es nicht mehr ging.

20160917_140224Es war eine emotionale Achterbahn, aber immer mit positiven Gefühlen. Selten habe ich mich so verstanden, aufgenommen, daheim gefühlt. Meine Familie vielleicht, meine unglaublich schöne, liebevolle, verständige Frau. Dann aber die Community aus Barcampern und Followern. Danach lange nichts.

In meinem Buch, das 2017 bei Bastei Lübbe erscheinen wird, ist das Barcamp 2015 in Stuttgart ein wichtiger Wendepunkt der Geschichte zum Positiven. Sollte es, und die Möglichkeit besteht, einen zweiten Band geben, dann wird das Barcamp 2016 auf jeden Fall einen Abschnitt bekommen, wenn nicht gar ein ganzes Kapitel.

Danke Jan Theofel, für die Orga, danke fürs möglich machen. Danke für eine Plattform, die mein Leben nachhaltig verändert und zum Besseren gewendet hat. Und danke ALLEN Teilnehmern, die mir Feedback gegeben haben, mich begrüsst oder einfach still umarmt haben. Ich war zuhause und bin es in Gedanken immer noch.

Bis bald, bis zum Barcamp 2017, auf dem ich sicherlich wieder dabei sein werde. Und es dürfte sehr spannend sein, wie mein Lebensweg sich bis dahin verändert hat. Neue Abzweigungen tun sich im Moment fast täglich auf.

Das Barcamp Stuttgart. Der Beweis, dass etwas, das man für eine Schwäche hält, unter den richtigen Menschen zu einer Stärke werden kann.

Und was wäre ein Barcamp ohne seine Sponsoren. Deshalb ein ganz besonderer und von Herzen kommender Dank allen, die das Barcamp möglich gemacht haben.

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