Wir brauchen mehr Öffentlichkeit

So wie ich mit dem Thema psychische Krankheit umzugehen verlange ich von niemandem. Aber an alle, die die Kraft haben, den Willen oder wie ich damals einfach keine andere Wahl mehr kann ich nur appellieren: Bleibt laut, bleibt unbequem. Drängt in die Medien, sorgt dafür, dass eure Geschichte, unsere Geschichte nicht nur von denen vermittelt wird, die sowieso schon prominent sind.

Psychische Krankheiten können uns alle treffen und nur wenn wir der Öffentlichkeit klar machen, wie weit verbreitet psychische Krankheiten sind, wie schnell es JEDEN treffen kann, können wir mit der Zeit das nach wie vor bestehende Stigma beenden. Damit meine ich auch das Stigma Suizid. Wir müssen einen neuen Umgang damit lernen. Darüber den Mantel des Schweigens zu decken hilft denen auf keinen Fall, die mit dem Gedanken spielen.

Und lasst euch von den Trollen nicht beirren, die euch Profilsucht vorwerfen, oder ihr wolltet nur Geld verdienen.  Deren Ignoranz und oft auch Dummheit darf kein Hinderungsgrund sein, für Aufklärung, für Toleranz zu kämpfen.

Menschen mit psychischen Krankheiten brauchen Hilfe, ohne ein Stigma zu fürchten, sie brauchen Menschen, die die Krankheit als solche akzeptieren und sich nicht automatisch anmaßen, genau zu wissen, wie es euch geht.

Menschen, die glaubten, sie verstünden meine Krankheit, die aber offensichtlich keine Ahnung hatten, haben mich fast in den Suizid getrieben. Und als sie ihre Fehler erkannten, haben sie sich nicht etwa entschuldigt, sondern mir gedroht.

Auch deshalb gehe ich immer wieder an die Öffentlichkeit. Damit solche gefährlichen Menschen keine Macht mehr haben, damit wir offen damit umgehen und damit vernünftige Hilfe statt vorurteilsbelasteter Plattitüden bekommen.

Ich wünsch mir Talkshows mit Betroffenen, statt dauernd nur mit den angeblichen Experten, ich wünsche mir mehr offenen Umgang mit psychischen Krankheiten als etwas, das so normal ist wie jede körperliche Krankheit auch.

So lange das nicht gegeben ist, werde ich nicht aufhören, unbequem zu bleiben. Und die, die mich mundtot machen wollten, sollten acht geben. Ich sammle die Beweise. Damit das nicht auch anderen geschieht.

 

Bayern will psychisch Kranke wie Straftäter behandeln. Ein Rant.

Der Fall Gustl Mollath sollte doch eigentlich gezeigt haben, wie gefährlich es ist, jeden Menschen mit psychischen Problemen gleich wie einen Strafverdächtigen zu behandeln.

Doch was lese ich heute in der Süddeutschen? „Bayern will psychisch Kranke wie Straftäter behandeln.

Was da aber gerade in Bayern ausgedacht wird, das ist für mich ein Schritt zurück in eine eher dunkle Vergangenheit.

Die allermeisten psychisch kranken Menschen sind weder gefährlich, noch Straftäter. Wäre diese Denkweise der bayrischen Regierung logisch, müsste man ALLE Menschen als potentielle Straftäter … oh, halt… Polizeigesetz. Wir erleben in Bayern gerade, wie man durch die Hintertür einen Spitzelstaat, einen Überwachungsstaat einführt, unter dem Deckmantel, das ja nur für die Bürger zu tun.

Gerade mal vier Paragraphen befassen sich mit der Hilfe für psychisch Kranke, der ganze Rest liest sich, als wolle man jeden psychisch Kranken am liebsten wegsperren.

Schon mal darüber nachgedacht, was das für Auswirkungen auf psychisch Kranke hat? Es werden sich noch weniger Menschen Hilfe suchen, diejenigen wenigen Gefährder werden auf keinen Fall den Fehler begehen, sich behandeln zu lassen und die überwältigende Mehrheit der potentiellen Patienten wird sich zweimal überlegen, ob sie sich in die Gefahr begibt, nur weil psychisch krank aller Freiheiten beraubt zu werden.

Das sollte uns alle empören, denn so etwas stigmatisiert, gefährdet Menschenleben und schadet den Kliniken und den Therapeuten, die jetzt in die Nähe von Gefängniswärtern oder Strafverfolgern gebracht werden.

Psychisch Kranke Menschen brauchen Hilfe, jemandem, dem sie vertrauen können, nicht die Angst im Nacken, weil jemand meint, man wäre auffällig, weggesperrt zu werden. Ich hätte nie gedacht, dass wir über so etwas noch diskutieren müssen aber hier wird mit Vorurteilen und Fehleinschätzungen populistische Politik gemacht, statt da zu helfen, wo es am sinnvollsten wäre. Investitionen in Kliniken, vernünftige Gehälter für das Personal, ne, man kümmert sich um das schwächste Glied in der Kette. Bayern, mir graut vor dir.

Bei jeder Lesung, jedem Vortrag spüre ich immer wieder, wie froh Betroffene sind, da jemanden zu haben, der offen und ohne Hemmungen über die Probleme, die Herausforderungen spricht, die man als psychisch Kranker erlebt und durchleidet, bis es einem endlich besser geht. Der offene Umgang mit der Krankheit tut nicht nur mir gut. Ich erlebe das auch immer wieder in den Gesprächen mit anderen Betroffenen. Nur in Bayern werde ich wohl vom offenen Umgang damit fürderhin abraten müssen.

Ich hoffe, dieses Thema wird medial diskutiert und wir können diesen Wahnsinn bayrischer Couleur noch verindern. Hier wäre ein wichtiges Thema für Medien von Maischberger bis Stern TV. Wehret den Anfängen, bevor wir sagen müssen „History repeating“.

Und Herrn Söder und Co. empfehle ich, sich vernünftig zu informieren. Quellen gibt es genug, z.B. Sind psychisch Kranke gefährlich? (Spoiler, nein im Gegenteil)

Wer den Gesetzentwurf im Original lesen will: Bayerisches Psychiatrie Gesetz

Ich habe jetzt zusammen mit Kristina Wilms eine Petition dazu gestartet. Bitte teilen und unterzeichnen!

 

Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat

Meine Klapse war ein toller Ort für mich.

Am 5. September war ich beim SAT1 Frühstücksfernsehen zu Gast. Die Reaktionen darauf waren überwiegend sehr positiv, nur mockierten sich manche über den Begriff „Klapse“, den Alina Merkau, die Moderatorin benutzt hat.

Zur Erklärung. #ausderklapse als Hashtag habe ich auf Twitter während meiner Zeit in der Klinik. Ich habe bewußt „Klapse“ gewählt, ein Begriff, der viel von Menschen benutzt wird, die uns psychisch Kranke gerne mit Vorurteilen belegen. Da ich eben auch diese Zielgruppe erreichen wollte, wäre „ausderpsychiatrie“ viel zu neutral und wenig provozierend gewesen. Und nicht nur ich sprach damals liebevoll von Klapse, auch viele meiner Mitpatienten. Denn Humor, und gerade auch schwarzer Humor ist eine tolle Therapie.

Vor dem Interview hat mich Frau Merkau sehr gut gebrieft und auch aktiv gefragt, ob sie den Begriff „Klapse“ verwenden dürfe. Das habe ich bewußt bejaht.

Wer also eine Beschwerde vorbringen will wegen eines Begriffs, bitte auf mich draufhauen. Frau Merkau konnte absolut nichts dafür und hat sich sehr sensibel und korrekt verhalten. Deshalb hier ein Kompliment an die Crew des Frühstücksfernsehens, die mit dem Thema nach meinem Empfinden sehr gut und sensibel umgegangen ist.

Mich stört es immer wieder, dass Menschen sich oft mehr über Begriffe aufregen, die von Betroffenen selbst verwendet werden, aber kaum über das Stigma diskutieren, das immer noch in der Bevölkerung herrscht.

Es ist nichts gewonnen, wenn alle von „ausderpsychiatrie“ sprechen, aber jeden depressiven Menschen immer noch für faul, dumm oder verrückt halten.

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar wie jede andere Krankheit auch. Menschen mit Depressionen können dennoch produktiv sein, sind für niemand anderen ausser sich selbst eine Gefahr und würden gerne so behandelt werden, wie z.B. jemand mit einem Beinbruch. Wenn also jemand mit mir spricht und von der Klapse redet, dann ist das für mich kein Problem. Wohl aber, wenn er mir Motivation, geistige Klarheit, Intelligenz oder den Willen abspricht, gegen die Krankheit zu kämpfen.

Raul Krauthausen ist mir da Vorbild, er hat sogar mal explizit Rollstuhlfahrerwitze gesammelt. Weil es eben mehr auf den Ton, auf die Einstellung zur Person ankommt. Ein Mensch, der verständisvoll ist, aber von Klapse spricht ist mir tausend mal lieber, als jene vielen Betroffenen, die zwar von Krankenhaus oder Psychiatrie sprechen, mich aber wie einen Aussätzigen behandeln.

Und schliesslich: Eines hat der Begriff und der Hashtag #ausderklapse ja erreicht. Es wird diskutiert. Wenn wir es jetzt noch schaffen würden, weniger über political correctness und mehr über Toleranz, Verständnis und Entstigmatisierung zu diskutieren, dann könnte ich sagen: Mission erfüllt.

Ich rede weiter liebevoll von meiner „Klapse“, die mir das Leben gerettet hat.

 

Plötzlich prominent und warum ich das gut finde

Mein Vortrag beim Patientenkongress Depression. Den Depresso fand sogar Harald Schmidt eine Pointe wert.

Das letzte Wochenende. Leipzig. Der Patientenkongress Depression und ich mitten drin. Anonym, kleiner Autor wie ich dachte. Ich hätte nicht falscher liegen können. Kaum dort angekommen wurde ich von den ersten Teilnehmern angesprochen auf mein Buch, meine Teilnahme bei 37° und meine Tweets. Man wollte mit mir fotografiert werden, mein Autogramm im Programmheft oder ein signiertes Exemplar meines Buches. Alles kam mir sehr surreal vor und tut es irgendwo auch heute noch. Zunächst war mir das alles eher unangenehm, so wichtig nehme ich ja selbst nicht einmal, wie das meine Leser (von Fans möchte ich gar nicht sprechen) tun.

Nach und nach wurde mir aber klar, dass es eigentlich sehr schön ist, dass ich jetzt eine gewisse Bekanntheit habe. Nicht wegen Verkaufszahlen oder der Überhöhung der eigenen Bedeutung. Sondern weil ich scheinbar das geworden bin, was ich mir insgeheim von Anfang an wünschte. Eine Stimme für die, die selbst nicht die Kraft haben, über ihre Krankheit zu reden, oder sich gegen Vorurteile zu wehren.

Das Interesse war sehr groß an meiner Lesung. Ein weiterer Grund, weiterzumachen.

So richtig klar wurde es mir in der Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Hegerl und Victoria van Violence, in der auch ich als „prominenter Fürsprecher“ genannt wurde. Früher war ich derjenige, der nicht wusste, wie er sich fühlen soll, wie er sich gegen Angriffe und Vorurteile wehren soll. Jetzt scheine ich eine Stimme, einen Weg gefunden zu haben, der viele persönlich anspricht. Die Rückmeldungen zu meinem Buch, sie sind so unglaublich, so positiv, so ermutigend. Und auch in den vielen, vielen Gesprächen während des Kongresses war das der Grundtenor. Weitermachen, laut sein, Sprachrohr für andere sein. Ich habe mich geoutet, es waren sehr persönliche Gründe, dies zu tun. Aber jetzt bin ich laut, jetzt bin ich sichtbar, da ist es für mich Verpflichtung und Ehre, das Stigma um die Krankheit Depression, sei sie nun manisch oder rezidivierend, dystemisch oder Borderline zu bekämpfen.

Wir depressiven Menschen sind nicht schwach, sonder kämpfen einen fast übermenschlichen Kampf gegen eine unsichtbare Krankheit und gleichzeitig gegen die Vorurteile einer Gesellschaft, die nur noch auf Leistung getrimmt ist.

Hier den Finger in die Wunde zu legen, über die Krankheit aufzuklären, ihr das Stigma einer Charakterschwäche zu nehmen. Ich sehe es nach all dem wundervollen Feedback von Betroffenen als meine sehr schöne Pflicht an, meine Sichtbarkeit dafür zu nutzen.

Gleichzeitig aber nochmal der Hinweis. Niemand muss zwangsweise seine Erkrankung öffentlich machen. Im Gegenteil, normalerweise ist mein Rat. Die, die euch wichtig sind, die, die ihr liebt, die ihr zu euren GUTEN Freunden zählt, denen solltet ihr die Wahrheit sagen, weil sie sie verdient haben. Wer es sonst noch erfahren darf, hängt sehr davon ab, ob ihr dann Gutes vermutet. Und auch deshalb sehe ich mich schon ein bisschen in der Pflicht gerade auch für die zu sprechen, deren Umfeld wenig hilfreich ist. Denn nur wer begriffen hat, dass Depressionen eine Krankheit sind, wird auch richtig mit Betroffenen umgehen.

Ansonsten, ich werde weiter den Mund aufmachen, und gegen das Stigma kämpfen. Dafür hat mir der Patientenkongress in Leipzig und das Feedback meiner Leser und Unterstützer so unglaublich viel neue Kraft gegeben. Danke dafür!

Die heimliche Depression

Eine der großen Ängste wenn es um die Diagnose Depression geht, ist der mögliche Jobverlust. Um hier nichts zu riskieren, vertuschen viele ihre Erkrankung.

Gerade im Staatsdienst, wo eine Verbeamtung mit einer ausgiebigen medizinischen Prüfung einhergeht, tendiert man als Betroffener dazu, die Depression zu verheimlichen. Aber auch als Angestellter haben viele noch Angst, offen mit dem Thema umzugehen. Studenten, die auf eine spätere Verbeamtung hoffen, werden sich zwei Mal überlegen, ob sie eine Therapie beginnen oder wenn schon begonnen, darüber sprechen.

Ein Gutteil mit schuld daran sind Personaler und Amtsärzte, die wegen einer begonnenen Therapie oder einer Diagnose gleich den Teufel an die Wand malen. Dabei ist allgemein bekannt, dass sich mittlerweile auch psychische Krankheiten sehr gut behandeln und in den Griff kriegen lassen. Man schneidet sich hier ins eigene Fleisch, wenn man Ängste bei Berufsanfängern schürt. Zumal ein schließen aus der Vergangenheit auf die Zukunft  schlicht nicht valide ist.

Außerdem handelt ein angehender Mitarbeiter ausgesprochen verantwortungsbewußt, wenn er sich bei einer erkannten psychischen Erkrankung in Behandlung begibt. Er will damit das Risiko minimieren. Sofern er nicht mehr Sorge davor hat, dass man ihn gleich als nicht leistungsfähig abstempelt. Ja, es gibt spezielle Krankheitsbilder, die ein normales Arbeitsleben schwer machen. Aber die gibt es auch bei anderen Erkrankungen. Pauschalisierungen helfen hier nicht, sondern nur die Einzelfallbetrachtung. Das funktioniert aber nur dann, wenn offen und vernünftig damit umgegangen wird.

Eine psychische Erkrankung ist nicht immer gleichbedeutend mit nicht mehr leistungsfähig. Aber sie sollte anerkannt und die Behandlung nicht zum Stigma werden. Wer erkrankt ist, sollte sich deshalb darüber informieren, wie der aktuelle oder potentielle Arbeitgeber mit dem Thema umgeht und es davon abhängig machen, ob er offen über die Krankheit spricht.

Ich arbeite wieder

Back to normal. Zumindest fast. Noch bin ich in der Wiedereingliederung und damit pro Tag 4 Stunden im Büro. Vermutlich geht mein Umfeld schon wieder davon aus, ich sei ja gesund, ich könne ja wieder volle Leistung erbringen.

Aber ich spüre die Mühe, mich morgens aufzuraffen. Die unterschwellige, weil nicht Personen oder Situationen gebundene Angst. Die Stimmungsschwankungen, die meine Medikamente zwar abpuffern aber nicht ganz verschwinden lassen können.

Ich bin, ich bleibe krank. Zwar arbeitsfähig krank, aber die Krankheit Depression werde ich immer in mir tragen. Das ist der Unterschied zu einer Grippe oder einem gebrochenen Bein. Da ist man krankgeschrieben, bis man wieder vollständig genesen ist. Vielleicht ist es noch am ehesten vergleichbar Diabetes. Man kann arbeiten, auch in Gegenwart der Krankheit.

Immerhin das Schreiben konnte ich fast während meiner ganzen Therapie aufrechterhalten und sogar ausbauen. Die erste vollständige Fassung meines Romans, immerhin 355 Seiten ging heute an meinen Verlag und an meine Lektorin. Jetzt heißt es korrigieren, revidieren, ggf. neu schreiben.

Und es läuft ein Projekt an, das etwas mit Fernsehen und Dokumentationen zu tun hat. Noch ist es in einem sehr frühen Stadium, aber auch das ist etwas, das mir in meinem Kampf gegen meine Krankheit und für mehr Verständnis hilft.

Es ist seltsam, zu wissen, dass man depressiv ist und dass man das voraussichtlich auch für den Rest seines Lebens sein wird. Dass man immer auf sich Acht geben muss, Zeit für sich frei räumen, anderer Leute Meinung weniger wichtig nehmen. Und dass man sich mit seinen ebenso ins Hirn eingebrannten Ängsten arrangieren muss. Der Kampf hat letztes Jahr begonnen aber er wird nie aufhören. Einzig, ich kenne jetzt meinen Feind und habe Mittel zur Verfügung, ihn unter Kontrolle zu halten. Ob mir das immer gelingen wird? Ich hoffe es. Bislang gab es keine so dunkle Phase mehr, wie Anfang Februar 2015. Das darf es auch nicht mehr geben, denn diese Phase war lebensbedrohend. Dass der Suizidversuch scheiterte habe ich einer Reihe rückblickend glücklicher Umstände zu verdanken. Das will ich nicht noch mal erleben müssen.

Ich verheimliche nicht, dass ich eine Depression habe. Das habe ich viel zu lange sogar vor mir selbst getan. Ich will offensiv damit umgehen und wenn möglich auch noch Medien aufmerksam darauf machen, dass eine Depression eine gut behandelbare Krankheit ist, und psychische Krankheiten generell endlich aus entstigmatisiert werden müssen.

 

Vollzeit Klapse, Teilzeit Klapse und der Wahnsinn der Realität

Ich bin wieder zuhause. Nicht nur für eine Übernachtung,nein, die Vollzeit Klapse hat mich als stabil entlassen. Wohlgemerkt stabil, nicht geheilt, weil Heilung einer schweren Depression nicht so einfach von heute auf Morgen geht. Im Gegenteil es ist eigentlich ein immerwährender Prozess des auf sich selbst achtens und sich nicht wieder in Situationen bringen lassen, die zu einem neuen Schub führen. Letztlich habe ich vor allem gelernt, dass ich mir selbst wichtiger sein sollte, mehr auf mich achten, weniger auf die Meinung und Zuneigung anderer geben. Ich habe Freunde und eine tolle Familie, aber ich muss auch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die ich nicht mag und dass das in Ordnung ist, ja sogar dass ich Feinde haben kann, und auch das in Ordnung ist.

Schluss mit dem Harmoniebedürfnis. Schluss damit, everbodies darling sein zu wollen. Ab Morgen geht es in die Teilzeit Klapse, in die Tagesklinik hier in Hall. Ich nenne es „auswildern“, das langsame Gewöhnen an den „normalen“ Alltag. (Der oft viel irrsinniger ist als alles, was man so in der Klapse erlebt).

Ich bin so einigen Menschen dankbar, die auch in sehr dunklen Tagen zu mir gehalten haben und es noch tun. Und ich werde weiterhin offen mit meiner Depression umgehen, weil genau das Totschweigen Menschen in die Depression treibt statt zu helfen.

Ebenso wie bestimmte bayrische Poltiker, die jetzt ein Berufsverbot in bestimmten Berufen bei Depression fordern.

Wie dumm diese Forderung ist, dürfte schon daran ersichtlich werden, dass der Pilot ja eben seine Depression zu verschleiern suchte, weil er wusste, dass das zum Ende seiner Karriere führen könnte. Wenn nun jeder mit der Gefahr des Verlusts seines Jobs wegen Depression konfrontiert ist, werden sich noch weniger Menschen behandeln lassen oder auch nur vernünftig mit ihrer Depression umgehen. Letztlich treiben solche Forderungen noch mehr Menschen zu Extremhandlungen wie Selbstmord. Danke werte Politiker für populistisches dummes Gewäsch bar jedes Verständnisses für eine sehr weit verbreitete Krankheit, die schon heute unter der ungerechten und gefährlichen Stigmatisierung leidet.

Ich werde weiter für mehr gesellschaftliche Akzeptanz von Depressionen als behandelbare und damit kontrollierbare Krankheit kämpfen. Wir sind viele und wir leisten viel, nicht wegen aber trotz unserer Depression.

Solch dumme Forderungen sollten gerade Politiker aus der Vergangenheit kennen und wissen, wohin eine solche unreflektierte Stigmatisierung führt.

Gott sei Dank scheint es in der twitternden Bevölkerung mehr intelligente und vernünftige Menschen zu geben, wie der Shitstorm wegen des Berufsverbots zeigt.