Hat das Leben sich gelohnt?

Ja, ich gebe zu, der Titel hat was von Clickbait. Aber ganz ehrlich? Der Gedanke kam  mir nach „dem Ereignis“ schon das eine oder andere Mal. Ich hab Computerlinguistik und Künstliche Intelligenz studiert, einen Magistergrad erlangt, aber danach eigentlich damit nicht mehr wirklich viel angefangen, nachdem ein Forschungsstipendium zu Ende war, obwohl gerade diese Zeit, in der ich frei in meiner Arbeit, meiner Forschung war, mich zutiefst glücklich gemacht hat.

Nur meine Frau und unsere Kinder haben in mir ähnliche Gefühle des Glücks, des Angekommen seins ausgelöst. Aber mit mittlerweile 53 stelle ich mir doch tatsächlich diese typische Midlifecrisis Frage, hat es sich gelohnt, obwohl ich nie solche Dinge an mich rankommen lassen wollte.

Ja hat es sich denn nun gelohnt? Es ist kompliziert, also setzt euch, nehmt euch nen Keks, schauen wir mal genauer hin. Wofür sich mein Studium zumindest sicher gelohnt hat, ist meine Art zu denken, die doch sehr rational, sehr wissenschaftlich geprägt ist. Ich liebe den Diskurs, aber nicht mit verhärteten Positionen wo der eine dem andern nicht zuhört sondern nur darauf wartet, ihm die eigene alleine seligmachende Wahrheit ins Gesicht zu brüllen.

Ich habe mir spät zwar aber nicht zu spät ein paar Lebenswünsche erfüllt. Allen voran mein Buch „Depression abzugeben“, das man durchaus als Erfolg einordnen kann und das für mich völlig überraschend kam, obwohl ich rückblickend eigentlich immer sehr genau wusste, was mich glücklich gemacht hat, wenn ich mich damit beschäftigt habe. Das war seltsamerweise nie die IT. Die hat mir ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle über ein Fragment meines Lebens gegeben, die ich dank meines familiären Hintergrunds sonst so nie erlebt habe. Aber wirkliche Glücksmomente waren immer Momente, in denen ich mich mit Kunst, mit kreativem, mit Forschen befasst habe.

Würde ich heute anders entscheiden, andere Wege früher wählen? Mit Sicherheit. Ginge es mir damit besser? Ich weiß es nicht. Es ginge mir wohl anders. Aber viele meiner Entscheidungen waren im Nachhinein besser als gedacht.

Und jetzt sehe ich unsere Kinder und wie sie auch ermöglicht durch die etwas andere Sicht auf die Welt meiner Frau und mir, ihre ganz eigenen Wege gehen dürfen.

Vielleicht ist es das, was mich gerade am Glücklichsten macht. Ja, meine Krankheit, meine Depressionen und die Angststörung haben vieles für uns alle schwerer gemacht, als für andere. Aber wir sind alle im Positiven daran gewachsen. Es gibt immer rückblickend die Momente, an denen man hätte anders entschieden. Aber meist sollte man auch so ehrlich sein, zu sehen, dass man damals eben mit unvollständiger Information versucht hat, das beste zu wählen. Und oft war es dann nicht die schlechteste Wahl.

Das mag jetzt etwas überphilosophisch klingen aber mein Steckenpferd die Astronomie hat mich eines gelernt. Ich bin gleichzeitig weniger als ein Staubkorn in der Geschichte unseres Universums und ebenso ein ganz elementarer Bestandteil. Ich bin wie wir alle letztlich Sternenstaub, es wird mich bald nicht mehr geben und gleichzeitig auf eine sehr wissenschaftliche und dennoch auch philosophische Art ewig. Nichts wird verschwinden, was zusammengenommen mich ausmacht.

Das finde ich tröstlich und bin dankbar, jetzt die nächste Generation begleiten zu dürfen, in eine nach wie vor wunderbare, faszinierende, undurchschaubare, schöne Welt. Ich glaube fest, dass wir uns weiterentwickeln können, dass diejenigen, die mal wirklich ins Universum aufbrechen, weiter als „nur“ zum Mars andere Menschen sein werden, denn nur wenn wir unsere Gräben überwinden, wenn wir endlich begreifen, dass wir alle „nur “ der Rasse Mensch angehören und wir nur als Gemeinschaft großes erreichen, werden wir fortbestehen.

Für mich gilt nicht „Wissen ist Macht“ sondern „Wissen statt Macht“

In diesem Sinne: Nehmt euch gern noch nen Keks. Das Universum läuft uns nicht davon.

Blogparade: Ich hab da mal eine Frage: Mutig sein, was heißt das eigentlich?

Wenn man Kinder hat, und sie nicht nur für den Arbeitsmarkt, sondern für das Leben vorbereiten will, dann wird man manchmal mit nicht ganz so einfachen Fragen konfrontiert.
Für mich aktuell: Was bedeutet es, mutig zu sein?

Daher diese Blogparade, in der es mich interessiert, wie ihr Mut definiert?
Ich habe dann immer dieses Bild vom 10 Meter Brett vor Augen. Wer ist da mutiger? Derjenige, der trotz grosser Angst springt? Oder derjenige, der umdreht, weil er nicht springen will, und sich dem Spott der Kameraden aussetzt?
Ich entdecke hier immer wieder zwei Lager. Die einen, die sagen, die Angst zu überwinden und dennoch zu springen wäre mutiger, und die anderen, zu denen auch ich gehöre, die sagen, etwas nicht tun wollen und dazu stehen, also herunterzuklettern ist mutiger.
Meine These. Es gehört mehr Mut dazu, seine eigenen Grenzen zu vertreten und auch meine Ängste zu akzeptieren. Dinge auch mal nicht tun, obwohl das Umfeld diese erwartet. Denn wenn ich das meinen Kindern vermittle, vermittle ich auch das Bewußtsein, dass man nicht jeden Bockmist mitmachen muss, nur weil die „Peer Group“ das cool findet.
Für mich sind auch die Menschen mutig, die ein „anderes Leben“ leben, das nicht zu dem aktuellen Bild eines „erfolgreichen“ Lebens passt, mutig. Mut heißt, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht von Meinungen und Zielen anderer davon abbringen zu lassen.

Gerade in der IT, in der Forschung ist Mut oft der Ursprung für neue Entdeckungen und Entwicklungen. Und zwar der Mut zum Querdenken, zum darüber hinwegsetzen, was Mehrheitsmeinung ist. Wo wären wir, wenn ein Bill Gates oder ein Steve Jobs nicht den Mut gehabt hätten, die Ausbildung abzubrechen um das zu tun, was sie für richtig hielten. Das Wagnis war damals für das Umfeld sicher reiner Wahnsinn. Aber immerhin, sie sind ihren Weg gegangen, haben selbst bestimmt, wie sie leben wollen. Das kann auch schiefgehen. Aber das kann es auch, wenn ich nur dem Bild folge, das die Gesellschaft mir vorgibt. Nicht anders ist zum Teil die Finanzkrise entstanden. Und auch die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte hatte zum Teil damit zu tun, dass blinde Gefolgschaft bei der Mehrheit vorhanden war und die wirklich Mutigen in der Minderzahl.

Und Mut heißt auch, seine eigenen Bedürfnisse mal vor alle anderen zu stellen, zuerst nach sich zu sehen. Wo mir zum Beispiel lange Zeit der Mut gefehlt hat, war beim Nein-Sagen. Hilfsbereit wie ich bin, wollte ich natürlich jedem helfen, und das ging ja auch stets, aber dabei blieben meine eigenen Belange außen vor.

Wie seht ihr, meine geneigten Leser das? Was bedeutet für euch Mut?