Beeilt euch (nicht)

Ich bin die Zeit, und hätte eine Frage an euch, so ihr denn Zeit für mich habt.
Warum eilt ihr so, warum ist euer Leben dem eines ICE nicht unähnlich?
Ihr habt viele Maschinen, die für euch arbeiten, dennoch versucht ihr noch mehr von mir aus eurem Tag zu pressen.
Wisst ihr denn nicht, dass ihr euch mir beraubt, wenn ihr in Eile von Termin zu Termin hastet?
Ich bin für euch da, wenn ihr mich haben wollt. Aber wenn ihr mich stehlt, dann werde ich immer kleiner. Und mit mir werdet ihr älter, merkt, dass ihr das beste von mir verschwendet habt.
Ihr könnt mich messen, aber nicht anhalten oder gar zurückdrehen. Denn ich vergehe nur einmal. Dann bin ich um und ihr steht am Ende eures Anteils von mir. Ich habe euch genug von mir gegeben.
Ich hoffe, ihr könnt dann sagen, ihr habt mich gut genutzt.
Ich bin die Zeit.

Tribunal

Sie waren zu dritt und sie wollten nur sein bestes.
Er war alleine und wollte nur noch weg.
Sie waren zu dritt und definierten sein bestes.
Er war alleine und hatte alles verloren.
Er war alleine und es blieb noch ein Weg.
Er war alleine über allem.
Er war alleine.
Er war.
Er.
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Stadt-Geschichten

Ich freue mich auf den Sommer. Wenn die Menschen in meine Parks strömen. Wenn lachende Kinderaugen auf großen Rutschen in lebensvollen Bädern ins Wasser jagen.

Der Sommer. Tische und Stühle vor Häusern. Menschen, die sich mit einem Lächeln begegnen. Parks, grün und voller Leben. Menschen besuchen mich, fremde Menschen, bewundern meine schönen Gebäude, vergnügen sich in Museen und Theatern. Ich habe viele Theater, meine Kultur verziert mich, macht mich schön von innen.

Ich freue mich auf den Herbst. Wenn ich aus Blättern ein neues Kleid bekomme. Wenn graue Straßen verbuntet werden durch Ahorn und Buche, durch Eiche und Birke. Menschen genießen die letzten Strahlen der späten Sonne. Gärten werden gepflegt, gereinigt, schön gemacht für das bald folgende Winterkleid. Menschen spazieren unter den bunten Blätterdächern meiner Wälder, sammeln Kastanien, basteln Figuren.
Mein Lichterkleid wird wieder herausgeputzt. Männer mit Leitern und gewichtigen Mienen wechseln Birnen, reinigen Glas, machen mich strahlend für die dunkle Zeit

Der Winter ist meine Ruhezeit. Ich hülle mich in ein weißes Kleid. Jetzt verschwinden meine Menschen in Häusern und lassen wärmenden Rauch aufsteigen.Lichter allüberall, ich glänze, strahle, leucht die Nacht zum Tag aus.
Bald werden die Menschen ihre Feste feiern. Sie hetzen schon von Geschäft zu Geschäft, füllen ihre Taschen, gehen auf Märkte, deren Düfte so betörend sind. Zimt und Wein, Gebäck und Gegrilltes.
Dann wird es still. Die Zeit zwischen den Jahren. Meine Bewohner bekommen Besuch, man feiert gemeinsam, macht Spaziergänge, bereitet den Abschied vor vom alten Jahr. Wunderschöne Glitzerkanonen bersten über mir, lassen Licht und Sterne über mich regnen.

Ich freue mich auf den Frühling. Wenn nicht nur Natur, sondern auch meine Menschen erwachen. Wenn der letzte Schnee von mir geputzt wurde und erste zaghafte Knospen in meinen Parks wieder sprießen. Kinder springen zum ersten Mal wieder lachend auf den Spielplatzen umher, probieren alte wie neue Spielgeräte, denn die großen Menschen haben wieder hergerichtet, erneuert, gepflanzt und gepflegt, entsorgt und gestrichen.
Der Frühling verleiht mir ein neues Kleid aus frischen, strahlenden Farben und dem Lachen der Kinder. Menschen treten vor Türen, atmen auf, atmen durch, blinzeln in die Sonne, die ein Lächeln auf manch ein Gesicht zaubert.

Ich bin die Stadt, und ich beherberge euch alle. Euer Glück ist meine Freude, eure Trauer mein Verlust.
Ich bin die Stadt, ihr seid meine Kinder.

Tot in meiner kleinen Welt

Die lauten Menschen ängstigen mich. Nicht deren Geräusche, sondern deren Seelen. Sie sind so fordernd, so intolerant. Du wirst gepresst in Schablonen, in Schaufenster, in denen sie deine Seele exponieren, den anderen Lauten dein innerstes auf dem Seziertisch servieren und kein stilles Stück an dir lassen.
Es gab eine Zeit, da wünschte ich mir tot zu sein. Nicht im physischen, nicht im körperlichen Sinne. Tot in den Gedanken und Erinnerungen der Treiber und der Jäger.
Ich wollte meine parallele Welt verstecken, verheimlichen, den anderen, den Grässlichen, den Lauten den Zugang verwehren.
Nur meine stillen Freunde, die ihre Welten nicht vor sich her, sondern tief in sich vergraben tragen, sie sollten mein Besuch, meine Gäste sein am Bankett der Stille.
Ich würde sie vor dem Kamin versammeln, ein wärmendes Feuer, dass Seelen und Fantasien öffnet sollte uns in die Welt der kleinen Geschichten und stillen Abenteuer tragen.
Aber immer wieder werden meine Träume zerstört, brüllt man meine Gedanken nieder mit dem dröhnenden Donner des scheinbar Normalen.
Immer wieder fühle ich mich getrieben von den Lauten. Gejagt, in die Ecke gedrängt. Aber nach und nach finde ich Verbündete. Gebrochene, stille, wundervolle Seelen, die an der lauten, grellen, dummen Welt leiden und manches mal zu Grunde gehen.
Sie werde ich in mein Refugium bitten, wir werden Mauern aus Büchern, aus Geschichten, aus stillen Momenten errichten. Und wir werden gemeinsam sein, nicht allein. Gemeinschaft ist nicht laut. Gemeinschaft ist still aber stabil, schön, sensibel und sicher. Dann wird sich das Laute der Lächerlichkeit preis geben.
Wir werden triumphieren. In unserer stillen Welt. In der Welt derer, deren Gedanken manchmal lauter sind, als alle Worte der brüllenden tumben Riesen da draußen.