Ziele und Glück

Mittlerweile kann ich auf einige Zeit zurückblicken, erinnere mich an Wünsche, Ziele die ich mal hatte oder eventuell sogar noch habe. Aber vor allem sehe ich die vielen Entscheidungen, die zu bestimmten Konsequenzen führten, die mich teilweise gehindert, teilweise gerettet haben.

Meine Kinder behaupten immer, was hätte nicht alles aus mir werden können, hätte ich mehr Mut gehabt.

Das ist leicht gesagt, aber oft habe ich gerade mal Mut genug gehabt, überhaupt weiter zu machen, auch wenn ich sicher einige Chancen verpasst, einige Wahlmöglichkeiten im Rückblick falsch betrachtet habe.

Aber was bringt es, Vergangenes zu betrauern. In für mich wichtigen Bereichen meines Lebens bin ich glücklich. Ich bin nach wie vor glücklich verheiratet, habe drei tolle Kinder, die dank eigenem Haus mit vielen Freiheitsgraden aufwachsen konnten, die andere so nicht haben und letztlich ist es müssig, verpasste Chancen, falsche Entscheidungen zu betrauern. Insgesamt ist vieles gut gelaufen, manches hätte in einer Katastrophe enden können, ist aber gerade noch mal gut gegangen.

Es gibt immer noch einen anderen Weg. Aber den muss man sehen oder überhaupt finden, und ob er dann die bessere Wahl war, lässt sich oft erst Jahre später entscheiden.

Ich hätte Kunstmaler werden können oder Buchautor. Wobei, Buchautor bin ich ja trotz oder vielleicht wegen manch falscher Entscheidung oder Sicht auf mich selbst geworden.

Und die IT, die ich lange Jahre für ein erstrebenswertes Ziel und Quelle für Glück empfunden habe, wurde durch Ereignisse und Menschen extrem relativiert bis zu dem Punkt, dass ich das rückblickend für eine sehr falsche Wahl halte. Aber ohne diese Wahl hätte ich meine Frau nicht kennengelernt und wir hätten nicht die Familie, die wir jetzt haben und die ich als großen Teil meines Glücks betrachte.

Mittlerweile sehe ich Glück in sehr viel banaleren Dingen als früher. Jeden Morgen neben dem  Menschen, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe (okay, die Kinder natürlich auch aber auf andere Art).

Genug Geld zu haben, um uns alle mit dem nötigen zu versorgen und unseren Kindern bei ihrem Start ins Leben helfen zu können.

Ziele sind so eine Sache, oft stellt man fest, dass das Ziel, so mal erreicht eigentlich völlig belanglos oder bar jeder Erreichensfreude ist.

Was für Ziele ich noch habe? Gute Frage und im Moment muss ich sagen, keine außer meine Angst und die Depression im Griff zu behalten. Wer mit so etwas lebt, weiß, dass sich viele große Ziele dann schnell relativieren.

Ich  lebe noch. Und darüber bin ich glücklich. Reicht doch, oder?

Schluss mit der Aufschieberei

Wer kennt das nicht. Wenn ich endlich mehr Zeit habe, mache ich X. Eigentlich fasziniert mich Y aber das kann ich eh nicht. Warum schieben wir so viele Dinge auf, die uns am Herzen liegen, die unsere Seele berühren?

Vielleicht, weil wir in einer Kultur leben, die von uns Verzicht fordert, Bescheidenheit. Die will, dass wir uns für die Arbeit aufopfern, die alles entwertet, was nicht direkt einen wirtschaftlichen Nutzen hat.

Kunst, Kultur, ideelle Werte sind nur dann von Relevanz, wenn sie sich monetär abbilden lassen. Was für eine schäbige Ideologie. Es ist eine ganze Industrie entstanden, die uns „besondere Erlebnisse“ für teures Geld verkauft.

Ich bin überzeugt, dass viele „besondere Erlebnisse“ in unserem Leben nur deshalb nicht mehr stattfinden, weil man uns hinreichend viel Angst eingetrichtet hat, um ein Schuldgefühl zu erzeugen, wenn wir dem Hamsterrad Karriere entfliehen.

Man sagt ja so gerne, suche Erlebnisse anstelle von Dingen. Aber in unserer 100% Sicherheit Welt, wo finden sich denn da noch Erlebnisse, die man sich nicht erkaufen muss. Wir lassen uns einschränken von Regeln, Meinungen, Wertesystemen, die sich wirtschaftlich ausrichten. Zum Wohle der Unternehmen, zum Wohle des Konsums ist jedes Erlebnis recht. Aber was ist mit den Dingen, die es kostenlos gibt? Und warum rechnen wir dauernd nur das Geld ein, dass etwas uns kostet. Viel wichtiger ist es in meinen Augen, dass wir die Zeit einrechnen, die wir arbeiten müssen, um uns etwas bestimmtes leisten zu können. Wenn wir das mit einbeziehen, dürften uns viele Dinge schnell relativ unwichtig erscheinen.

Ich habe eigentlich schon immer eine Faszination für den Weltraum, für den Sternenhimmel in mir gehabt. Irgendwann habe ich mal, für kleines Geld und gebraucht ein Teleskop angeschafft. Aber das verstaubte schnell in der Ecke. Zum einen, weil ich irgendwie nie die Zeit fand, es wirklich zu nutzen und zum anderen, weil dank suboptimaler Didaktik von Seiten meiner Mathe- und Physiklehrer am Gymnasium ich mich für einen kompletten Trottel gehalten habe, was Mathematik und Physik angeht.

Jetzt aber habe ich, wohl auch, weil die Ereignisse der letzten Jahre es mir überdeutlich vor Augen geführt haben, dass es keinen Sinn macht, Dinge, die einem am Herzen liegen aufzuschieben, die alte Liebe zur Astronomie wieder aufleben lassen. Und sehe mich nicht mehr als kompletten Versager, was die dahinter liegende Theorie angeht. Denn was ich auch gelernt  habe. Leidenschaft, Freude an einem Thema lässt Defizite schneller verschwinden, als manch einer es für möglich hält.

Nur weil andere dir einreden wollen, etwas mache keinen Sinn, sei Zeitverschwendung, habe keinen Nutzen heißt das noch lange nicht, dass du deren Weltsicht übernehmen musst. Wenn du einen Traum hast, etwas, das dich jedes Mal glücklich macht, wenn du es tun kannst/darfst/wirst, dann tu es.

Das Leben ist zu kurz… Ein ziemlich abgegriffener Satz, aber nichts desto trotz sehr, sehr wahr. Glück ist nicht etwas, das man aufschieben kann, um es später zu empfinden. Die glücklichen Momente, die wir uns heute nicht erlauben, werden nicht wiederkommen. Und wer kann mir garantieren, dass es ähnlich glückliche geben wird?

Carpe Diem hat sich wohl auch deshalb so ins kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft gefressen, weil es einfach stimmt.

 

Wie es mir so geht. Ein Zwischenbericht

Mein Buch, ausgelegt bei einer Lesung in Regensburg, die mit 120 interessierten Gästen vollständig ausverkauft war.

„Wird dir das alles nicht zu viel?“ „Das muss dich doch belasten?“ Fragen, die man mir in letzter Zeit öfter stellt. Aber nicht zu meinem Brot- und Butter Job, sondern zu meiner neuen mir viel wichtigeren Aufgabe als Aufklärer und Entstigmatisierer, was die Depression und insbesondere die „männliche Depression“ angeht.

Und jedes Mal muss ich enttäuschen. Es ist im Gegenteil noch fast zu wenig. Gerne wäre ich noch prominenter in den Medien, weil ich jetzt erst wieder über eine Talkshow, bei der auch ein Psychotherapeut anwesend war, gelernt habe, dass es immer noch eine große Hemmnis bei Männern gibt, sich Depressionen einzugestehen. Ziemlich dämlich aber diesem lächerlichen, überkommenen Männerbild vom starken Macher geschuldet. Und unsere Turboleistungsgesellschaft macht das ganze nicht besser. Eher im Gegenteil, in einer Zeit, in der Worthülsenproduziere vom Schlage eines Herrn Gary Vaynerchuck die Menschen glauben machen wollen, man könne alles erreichen, wenn man sich nur genug anstrengt und wer das nicht schafft, ist selbst schuld, wird das nicht besser. Dass deren Erfolgsrezepte oft mehr auf Zufällen denn auf harter Arbeit beruhen und vieles schlicht Schaumschlägerei ist, wird all zu oft verdrängt. Zumal man ja auch heute in einer angeblich so aufgeklärten Zeit den eigenen Wert immer noch aus Leistung und Besitz zieht.

Dumm, aber für viele eben einfach verstehbar. Wir sind nicht mehr länger psychisch kranke Einzelfälle, in meinen Augen krankt unsere gesamte Gesellschaft, wir sind teil eines schwer kranken Systems, das nur durch den Glauben an ewiges Wachstum am Leben gehalten wird.

Aber ewiges Wachstum? In einem begrenzten System? Merkt ihr selbst, oder?

Ich für meinen Teil fokussiere mich auf mein Ziel, aufzuklären, Menschen dazu zu bringen, wieder mehr an sich als an das Fremdbild zu denken, dass sie meinen, nach außen erzeugen zu müssen.

Beurteilungsgespräche, Stellenausschreibungen, der Arbeitsmarkt. Alles produziert krank machenden Druck in einer Zeit, in der wir die Arbeit an sich als Wert des Menschen hinterfragen müssen. Mehr und mehr wird von Maschinen geleistet, aber statt diese Befreiung zum Wohl des Menschen zu nutzen, wird die Wirtschaft damit weiter angefeuert, unsinniges Zeug zu produzieren,  damit Arbeitsplätze erhalten bleiben, die schon der nächste Manager streicht, bevor er sich einem anderen Unternehmen zuwendet.

 

Ich für meinen Teil sehe diese Entwicklung kritisch und versuche in Gesprächen, Lesungen, Talkshows auf diese Fehlentwicklung hinzuweisen, die ja auch mich fast das Leben gekostet hätte. Auch ich habe mich dieser idiotischen Doktrin gebaut, dass der Mensch nur als Leistungsträger etwas wert ist. Dass man Minderleister identifizieren und eliminieren, oder wie es politisch korrekt heißt, coachen und bei mangelnder Leistung freisetzen muss. In einer Zeit, wo der Mensch mehr als Kostenfaktor oder Humanressource gesehen wird, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die WHO jetzt doch von besorgniserregend steigenden Zahlen psychischer Krankheiten spricht. Die Arbeitswelt erzeugt keine Depression, aber sie kann sie sehr stark fördern. Ich glaube nicht, dass Social Media das Problem ist.

Vielmehr ist es eine Gesellschaft, die den Menschen immer mehr durch Drohung mit Arbeitsplatzverlust, mit HartzIV gefügig und zum braven Humankapital degradiert. Dabei produzieren und konsumieren wir längst in völlig idiotischen Dimensionen, die eigentlich kein Mensch braucht. Aber die Konzerne, die ja leider immer noch nicht geschafft hat, dass der Kunde direkt das Geld überweist, ohne auch noch frecherweise ein funktionierendes und ha, welch Frevel, lange haltendes Produkt zu wollen.

Mir geht es gut. Weil ich endlich einiges an Wahnsinn da draußen durchschaue, gegen den alles, was ich in meiner Klinikzeit erlebt habe, wie völlige Normalität erscheint.

Und auch wenn ich weiß, dass bestimmte Menschen sich furchtbar über meine gewonnene Prominenz und meinen medialen Einfluß ärgern.

You ain’t seen nothing yet. Ich hoffe auf noch viel mehr mediales Interesse, weil es darum geht, den Menschen klar zu machen, dass sie sich von äußeren Umständen krank machen lassen, die in sich selbst verrückt sind. Dass sie einer Norm zu folgen versuchen, die an sich Wahnsinn bedeutet.

Nein, ich werde nicht leise sein, ich habe gerade erst angefangen, lauter zu werden. Und „Depression abzugeben“ ist mein Weg, in die Öffentlichkeit zu kommen. Gelesen werden, etwas bewegen. Mich haben Menschen  angeschrieben, die wegen meines Buchs den Schritt in die Therapie gewagt haben, oder sich nicht suizidierten. Gibt es etwas großartigeres, als solch einen Effekt erzielen zu können. Und da werde ich mit Sicherheit nicht stiller werden, im Gegenteil.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt ein Sprichwort das leider nicht erwähnt, ob als Ergebnis der Schmiedekunst ein Glücksbringer oder ein Sargnagel entstanden ist.

Es gibt Dinge, die ich nicht können will. Warum wir Mitarbeiter anders sehen sollten.

Update: Weil zu Recht angemerkt wurde, es könne für manchen Leser wie Wunschkonzert wirken. Natürlich muss jeder von uns auch Dinge tun, die er oder sie nicht so mag. Natürlich kann ich nicht immer nur das tun, was ich mag. Aber hier wie überall gilt mein ewiges Credo. Nie schwarz oder weiß denken. Ich biete hier EINE Sicht auf die Dinge. Fokusiert auf das, was mir hier wichtig ist, denn: Es geht um die grosse Richtung. Also :

Manche Gespräche entstehen aus einem Zufall heraus, und liefern ungeahnte wichtige Impulse. Da ich mich schon des längeren mit Fragen der Motivation, der Arbeitsorganisation und dem „richtigen“ Umgang mit dem Menschen als Arbeitskraft befasse, war für mich ein Gespräch mit einer Kollegin heute von ungeahnter Inspiration.

Oft fragen wir, wenn wir einen Mitarbeiter für ein Projekt suchen, was sind seine Skills, was kann er. Und oft wird der Mitarbeiter dann der Aufgabe zugeteilt, ohne die absolut wichtigste Frage von allen zu stellen: WAS WILL ER?

Sicher, ich habe Mitarbeiter A  in die Schulungen zum Projektmanagement  oder Zeitmanagement geschickt, und er hat auch an allen ohne Murren teilgenommen. Das heißt aber letztlich nur, er KANN die Techniken des Projekt- oder Zeitmanagements anwenden. Aber WILL er das auch? Steht er hinter dem Gelernten? Findet er es richtig? Das ist die  Frage. Denn ich kann einem Menschen zwar das Wissen über eine bestimmte Vorgehensart vermitteln. Aber ich kann ihn letztlich maximal zur Anwendung überreden, ihn also zum Können befähigen. Das Wollen liegt nicht in meinem Ermessen. Das heißt nun nicht, dass der Mitarbeiter deshalb weniger wert wäre. Im Gegenteil, eine der wichtigsten Führungsaufgaben, und auch das habe ich dankenswerterweise aus einer Schulung meiner  Firma gelernt  (ja und auch lernen wollen 😉 ) ist, was will mein Mitarbeiter. Es ist elementar, zumindest in groben Ansätzen den Mitarbeiter mit seinen Vorlieben zu kennen. Ich kann keinen leidenschaftlichen PHP  Entwickler einfach durch eine Schulung zum leidenschaftlichen Java Entwickler machen. Ebensowenig kann ich einen kreativen Kopf in die Zwänge von Planungssheets, Exceltabellen und Präsentationsmarathons sperren.

Das mag der Mitarbeiter zwar noch handwerklich schaffen, aber er ist nicht mit dem Herz dabei. Er wird nie „Flow“ erleben, wird nie aus einer inneren, einer intrinsischen Motivation arbeiten, sondern stehts nur durch den Hintergedanken „ich muss, weil mein Chef das so will“. Wir alle haben Vorlieben und Aversionen. Und auch das spielt in die Arbeitswelt mit hinein, auch wenn in vielen Führungskräfteköpfen noch da Bild steckt, der Mitarbeiter müsse seine Vorlieben und Abneigungen am Eingang zur Firma ablegen. Wir alle sind Menschen und bleiben das auch im Beruf.

Und man darf nicht vergessen. Ein Mensch, der eine Aufgabe mit Leidenschaft macht, weil er sie machen will, der wird nicht nur mehr leisten, der wird dies auch gerne tun. Das heißt, er ist glücklich. Und wie wir ja immer häufiger lesen können. Geld ist nicht alles, viele Bereich haben entdeckt, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter auch auf die Zufriedenheit der Kunden durchschlägt. Glück als Geschäftsfaktor sollte völlig neu bewertet werden. Und Mitarbeiter sollten wollen UND nicht wollen dürfen. Der Satz: „Diese Arbeit will ich nicht tun“ sollte enttabuisiert werden.

P.S. Und einer netten Kollegin einen großen Dank für ein sehr anregendes und wichtiges Gespräch. Oft kommen die wichtigen Impulse des Lebens zu ungeahnter Zeit und an ungeahntem Ort.