Johannes

Frankfurt. Ein Barcamp einer Bankengruppe. Und Johannes stach mir sofort in die Augen. Er war wie ein Leuchten, voller Energie, voller Dynamik. Wir präsentierten beide Themen rund um Social Media und erkannten schnell, dass wir gleich ticken. Nicht nur was unsere Affinität zum Netz anging, die damals niemand teilte und die wohl heute den meisten noch in der Intensität abgeht, die für Johannes typisch war. Auch unsere Sicht auf die Welt war so ähnlich, das wir uns stundenlang verquatschen konnten. Johannes war ein Mensch voller sprühender Ideen. Die er vermutlich auch als Tarnung seines brüchigen, traurigen Inneren nutzte. Aber damals hatte ich ja keine Ahnung, wie es um ihn stand, ich wusste ja selbst nicht, was mich noch mit ihm verbünden sollte.
Als sein Freund Kai schwer erkrankte und die Familie in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten drohte, startete Johannes #einbuchfuerkai, das ein ungeahnter Erfolg werden sollte.
Wieder so eine typische „Johannes“ Idee. Nutze was dir geboten ist, um Gutes zu wirken. Überhaupt, Johannes war einer der wenigen Menschen, dem ich immer abgekauft habe, dass es ihm um mehr als Reichweite, mehr als beruflichen Erfolg geht.
Was letztlich zu seinem finalen Schritt geführt hat, ich weiß es nicht. Aber auch mein eigener Versuch ist mir ein Rätsel. Wir sollten nicht spekulieren, niemand hat in ihn geblickt und ich weiß, wie dunkel es dort werden kann. Nur was für Konsequenzen sich daraus ergeben, das schreibt der individuelle Lebensweg. Dass seine Familie trauert, dass es Fragen gibt, es ist unumgänglich. Aber es wird keine Antworten geben, denn die hat Johannes mitgenommen.
Was uns bleibt ist, seine Ideale, seine Projekte fortzuführen. Denn er wollte das Netz zu einem guten Ort machen.
Die Anteilnahme heute Morgen, die vielen Wünsche und Initiativen, um Johannes doch noch lebend zu finden und vor allem #wirfuerhannes. Ein gutes Netz. So stelle ich es mir vor. Und es gibt Anzeichen, dass Johannes Vermächtnis nicht ganz ungehört verhallt. #offenetuer in München, ein weiteres Auftauchen des guten Netzes. Lasst uns Johannes so in Erinnerung behalten. Als einen der Guten, der auch anderswo Gutes wirken wollte.
Ich bin unendlich traurig. Aber wenn die Trauer vergeht, habe ich ein schönes Bild in mir von Johannes, das mir Ansporn sein wird, weiterhin wo es geht den Mund aufzumachen, um über Depression und Suizidprävention aufzuklären.

Johannes, du fehlst mir

Ich bin meiner Depression dankbar

WTF. Denkt ihr doch alle gerade, gebt es ruhig zu.

Aber es stimmt. Ich bin ihr dankbar. Nicht für ihr Arschlochbenehmen, wenn sie mich gerade an besonders schönen Tagen runterzieht. Auch nicht für die lebensbedrohlich dunklen Gedanken. Und die Panikattacken, die könnt sie sich ruhig ganz schenken.

Aber sie hat die Truppen gereinigt. Sie hat mir gezeigt, wer in harten Zeiten zu mir steht, wer auch meine trüben Phasen erträgt. Und ich habe dank ihr neue, besondere Weggefährten gefunden. Die Mittwochabende sind für mich plötzlich zu einer Zeit des Austauschs, des Lachens und der Freundschaft geworden.

Und sie hat mein Wertegefüge durcheinandergewirbelt. Wenig ist da, wo es früher war. Wenn den nächsten Tag (er)leben in mancher Nacht zum einzigen Ziel wird, dann sind gängige Werte plötzlich irrelevant. Ein neuer Tag, den ich nicht im Dunklen verbringe, ist ein hohes Gut. Ein schönes Kunstwerk, die Natur, ein gutes Buch. Einfache Dinge, wichtige Dinge.

Sie hat mir beigebracht, weniger an andere und mehr an mich zu denken. Ja, das übe ich noch, aber ich mache Fortschritte.

Sie hat mich zum Autor gemacht. Denn sie hat mein Leben so nachhaltig und intensiv verändert, dass es wert ist, das zu erzählen.

Ich habe sie als meinen Begleiter akzeptiert, sie ist ein Teil von mir, den ich nicht abschütteln kann. Und sie hat mich verlangsamt. Im Guten. Ich beginne, die Momente zu genießen, wo ich früher nur an das Morgen gedacht habe. Alles noch ganz zart, ganz knospig, aber es wächst heran.

Die Depression ist nicht mein Freund geworden. Aber so etwas wie der Advocatus Diaboli, der Berater, der mir hilft, Spreu vom Weizen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Manchmal streite ich mich mit meiner Depression. Wenn sie wieder mal zum ungünstigsten Moment die Klappe auf und mich in den Abgrund reißt. Aber ich hab jetzt Rettungsseile. Ich komm da wieder raus. Auch wenn sie oben steht und lacht. Ich lache jetzt zurück.

Wenn da nicht die Angst wäre. Aber das ist eine andere Geschichte. (sic)

Kennt ihr jemanden, der mit einer Depression zu kämpfen hat? Dann seht ihr einen sehr starken Menschen vor euch, der sich jeden Tag wieder gegen den leichten, finalen Weg stemmt und seine oder ihre Depression in die Schranken weißt.