Die Superlativgesellschaft und ihre zerstörerische Kraft

Das Größte, das Beste, die Spitzenleistung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es nicht mehr reicht, „normal“ zu sein. „Super“ ist das Mindeste, besser noch herausragend oder im Jargon von Apple „amazing“.

Etwas Durchschnittliches ist offensichtlich bereits nicht mehr gut genug, der durchschnittliche Mitarbeiter, der die ihm aufgetragenen Aufgaben zur Zufriedenheit erledigt, muss sich an der Spitzenleistung orientieren. Kein Wunder, dass Burn Out ein immer noch „brennendes“ Thema ist.

Aber man merkt das ganze viel früher, zu einem Zeitpunkt, wo es meiner Meinung nach nicht nur nicht hingehört, sondern wo ich es geradezu für unverantwortlich halte, hier dauernd die Spitzenleistung zu fordern.

Ich rede von der Schule. Wer weiß nicht Bescheid darüber, dass eigentlich niemand mehr sein Kind auf eine Hauptschule geben will, sondern am besten gleich aufs Gymnasium. Und dann müssen es Spitzennoten sein, damit die Tochter oder der Sohn später ja nicht arbeitslos dasteht.

Wir schüren Angst, machen Druck und die Leidtragenden sind die Kinder. Denn sie bekommen so vermittelt, dass sie nur dann gut (also indirekt liebenswert) sind, wenn sie Leistung bringen. Und wir wissen, dass sich so etwas einprägt, ganz tief, ganz schmerzhaft, fast nicht mehr loszuwerden.

Dabei sollten wir das ganze doch klar sehen. Ob nun Spitzennote oder nicht, dank Politik und Wirtschaft gibt es keinerlei Garantie mehr, für einen sicheren Job. Wir leben in einer Kultur, die Spitzenleistung fordert, aber alles andere schlichtweg ignoriert oder bestraft. Nur vergessen wir dabei, dass die Tagesarbeit auch getan werden muss, dass es eben immer noch genug Beschäftigung gibt, die man auch ohne Spitzennoten erledigen könnte. Aber was ist mittlerweile bei vielen Unternehmen Einstiegskriterium? Abitur, am besten abgeschlossenes Studium.

Der Irrsinn in den Jobbeschreibungen nimmt sogar noch zu, wenn Auslandsaufenthalt, Doktortitel, aber maximal 25 Jahre Alter gefordert werden.

Wir müssen endlich beginnen, den Druck rauszunehmen. Wir werden erleben, dass wir in Zukunft andere Lösungen brauchen, damit Menschen auch menschenwürdig leben können. Wie ich schon beschrieb wird über kurz oder lang ein wirklich großer Teil heutiger Berufsbilder der Digitalisierung zum Opfer fallen. Hier gilt es, sich Gedanken jenseits des Dogmas „Nur wer arbeitet ist wertvoll in der Gesellschaft“ zu machen. Lohnarbeit ist heutzutage das einzige Vorgehensmodell, das gesellschaftliches Ansehen schafft und durch das wir menschenwürdig leben können.

Aber genau das ist das Auslaufmodell, das auch nicht dadurch gerettet wird, indem man die immer weniger werdenden Lohnarbeiter noch zusätzlich unter Druck setzt.

Und schon gar nicht darf das bereits in der Schule passieren, die meiner Ansicht nach immer noch fürs Leben vorbereiten soll, nicht für die Berufsausbildung. Wir brauchen Menschen,die sich auch an die gesellschaftlichen Fragen wagen, unabhängig von den Interessen von Wirtschaft oder Politik. Wir brauchen Lösungen für Menschen, nicht für Wirtschaftssysteme. Und dazu braucht es gebildete Menschen, nicht ausgebildete.

Vom Irrtum der Richtigkeit. Warum vieles, was gut gemeint ist, nicht gut gemacht ist.

Man sieht es immer wieder. Da wird, mit den besten Vorsätzen etwas zu verbessern eine Maßnahme aufgesetzt, und wenn man nach einer gewissen Zeit nach hakt, ist eigentlich alles entweder beim alten geblieben, oder gar noch schlechter geworden.
Das gilt insbesondere bei Maßnahmen, die das Verhältnis von Mitarbeitern untereinander oder von Mitarbeitern gegenüber ihren Vorgesetzten betrifft. Bei verschiedenen Gesprächen und Interviews mit Mitarbeitern meiner Klienten fiel mir immer wieder auf, dass zwar eine Kultur des Verbesserungswesens existierte, meist aber Kritik an komplexen Prozessen nicht zu Vereinfachung sondern oft nur zu einer höheren Bürokratie führte.  Auch eigentlich gut gemeinte Maßnahmen zum Beispiel zur Weiterentwicklung des Mitarbeiters scheitern oft an  Machtstrukturen oder an Ressentiments gegenüber Veränderung.

Wir müssen uns klar werden. Oft braucht es keine Veränderung im Unternehmen, sondern lediglich die ernsthafte, konsequente UND ehrliche Umsetzung bereits bestehender Maßnahmen. Und die Kompetenz dafür an der richtigen Stelle. Wer Projekte leitet, leitet auch Menschen an.

Leider wird viel zu oft angenommen, dass alles, was vernünftigerweise angeordnet und eingeführt wird, auch von allen richtig umgesetzt wird. Und hier behaupte ich, das stimmt in maximal 50% der Fälle.

Viele beschränken sich aber auf das beständige Ausfüllen von Tabellen. Und viel zu oft wird Kritik gar nicht gewünscht, oder woher kam es denn wohl, dass zwar auf den unteren Ebenen des Flughafenprojekts schon lange alle Ampeln auf Rot standen, während der Aufsichtsrat immer noch maximal ein Gelb sah? Weil oft zwar gesagt wird, wir wollen offene Kommunikation. Aber wer  das dann wirklich ernst nimmt, hat meist leider immer noch mit negativen Konsequenzen zu leben und wer die Karriereleiter (oder besser, wie es von außen
tatsächlich aussieht, das Hamsterrad) nach oben will, der sollte um Gottes Willen nichts liefern,was sein Chef nicht hören will. Wir glauben, wir wären hier weiter. Sind wir aber nicht.

So lange in deutschen Führungsebenen immer noch  Angst und Druck als Führungsinstrument, und wenn auch nur bei ganz wenigen verwendet werden, werden die oberen Chefetagen NIEMALS die Wahrheit über ihr Unternehmen kennen. Wenn sie Glück haben, geht DENNOCH alles gut. Wenn das Schiff aber zu sinken beginnt, können sie sicher sein, die Mannschaft ahnte das schon lange…. aber sie wagte nicht mehr, etwas zu sagen.

Literaturempfehlung:

„Ich arbeite in einem Irrenhaus“, „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ und die Kolumne in der ZEIT von Martin Wehrle

„Why work sucks and how to fix it.“ von Cali Ressler und Jody Thompson

Wider die Hochdruckgesellschaft

Wo immer ich hinschaue, es werden Spitzenleistungen gefordert. Und die Spitzenleistung von heute wird zur Normalität von Morgen.

Darunter leiden bereits unsere Kinder in einer immer mehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimierten (Aus-)Bildungsmühle, die Werte wie Moral, Ethik hinter ach so wichtige Dinge wie Fit sein für den Beruf, Vorbereitung aufs Hochdruck-Bachelorschulstudium und die danach folgende Arbeitswelt der Topleister stellt.

Und dann wundern sich Medien und Politik über immer mehr psychische Erkrankungen, über Burnout und eine heranwachsende Generation, die plötzlich Werte wie Familie und Freunde hinter Karriere stellt. Dabei zeigt sich doch nur. Das Individuum ist offensichtlich nicht so dumm wie die abstrakte Wirtschaftsmaschinerie.

Wer Hochdruck aushalten muß, der sucht sich Ventile, sucht sich Möglichkeiten, dem Druck zu entkommen. Und da die Wirtschaft immer noch den Fokus auf Wachstum, auf immer mehr Leistung und Umsatz setzt, statt Nachhaltigkeit, kippen auch immer mehr angebliche Lowperformer aus dem Gefüge.

Spitzenleistung kann auf Dauer niemand bringen, wenn die Spitze dauernd weiter nach oben gesetzt wird. Und wer die Prozesse statt an der einen oder anderen Stelle sinnvoll zu entschleunigen immer weiter beschleunigt, der wird früher oder später merken, dass sich Fehler häufen, dass Krankheitsraten steigen, Fluktuation sich erhöht und irgendwann plötzlich der Kunde immer unzufriedener wird und schließlich das eigene Image darunter leidet.

Der Spruch „In der Ruhe liegt die Kraft“ scheint heute dem „Geschwindigkeit um jeden Preis“ gewichen zu sein. Oder halten wir es wirklich für vernünftig und gesund, unsere Kinder mittlerweile bereits im Kindergarten auf das Berufsleben vorzubereiten? Ich erinnere mich noch an den Satz „nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Das gilt heute nicht mehr. Heute müsste der Satz lauten „nicht für die Schule, für den Arbeitgeber lernen wir“.

Wir sollten einen gesellschaftlichen Konsens erreichen, der nicht alleine auf Profit und Beschleunigung basiert. Es ist ein Irrtum zu behaupten, wir ertrinken in Informationen, wir sind Sklaven unserer Technologie. Das stimmt so nicht, denn das sind alles Werkzeuge. Was aber stimmt ist, dass wir Sklaven eines Dogmas sind, das den Wert des Menschen immer stärker auf seine berufliche (Spitzen-)leistung fokusiert, das alle Handlungen außerhalb der Arbeitswelt nur noch auf  „fit machen für den Beruf“ beschränkt. Und das gleichzeitig in immer größerer Zahl Arbeitslosigkeit produziert, weil man natürlich am liebsten ohne den zweibeinigen Kostenfaktor Mensch Profite erzielen will. Das Gehalt soll bitte möglichst gering sein, der Konsum aber möglichst hoch.

Es ist aber leichter, die Schuld für Überlastungen und ein Ertrinken in Technologien zu suchen, statt die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen zu hinterfragen, die Menschen dazu bringen, sich so von Informationen überfluten zu lassen. Dabei hilft es gar nichts, das Smartphone oder den Notebook auszuschalten, wenn man dadurch Probleme mit Vorgesetzten oder Kollegen bekommt, die im gleichen Trott stecken und die Erreichbarkeit als notwendig erachten. Wer immer noch in einer zeitbasierten Ökonomie arbeitet, in der die Entlohnung an der Erreichbarkeit und Anwesenheit hängt und nicht an zu erreichenden Zielen, der wird es sehr schwer haben, hier eine gewissen Entschleunigung einzubauen, da er ja nur dann tätig zu sein scheint (!!!) wenn er auch anwesend und erreichbar ist.

Sind wir wirklich so überrascht, dass diesem Irrsinn manche Menschen auch mit irrationalen Argumenten entgegentreten? Ist es wirklich so verwunderlich, dass psychosomatische Erkrankungen so stark zunehmen, wenn der normale Mensch keinen Ausweg aus einer immer schneller arbeitenden Mühle aus Arbeit und Konsum sieht?

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wertewandel. Das wird aber sehr schwer im Zeichen einer globalisierten Welt, in der alles der Prämisse „schneller sein als die Konkurrenz“ geopfert wird.

Ich habe kein Patentrezept zur Lösung dieses Dilemmas. Aber ich werde nicht müde, auf den Irrsinn hinzuweisen und ihn für mich selbst wo immer es geht nicht mehr mitzumachen. Denn der nächste Burn out lauert um die Ecke. Und nur, wer da einmal drin gesteckt hat, weiß, dass es auch persönliche Grenzen gibt, die zu verteidigen wichtig ist.