Man ist so alleine

Wenn sie da ist, fühlt man sich plötzlich wie ein Astronaut einsam im All. Man blickt hinunter auf die Erde, auf die Menschen, deren Leben, deren Lebenswege. Man erinnert sich an die Schmerzen, die Trauer, die vernarbten Seelenschichten, die man sich nach und nach zugelegt hat, bis der Panzer einen so weit weg von den Menschen getragen hat, dass man irgendwann wie ein Astronaut auf einer fremden Welt nur noch mit dem Seelenpanzer nach draußen konnte.

Dieser Planet, auf dem man lebt, wurde schwer unter den Füssen und in der Seele. Es wurde kalt um einen, weil man sich einschloss, weil man keine weiteren Narben mehr ertragen konnte. Zwar klopfte manch einer an den eigenen Panzer der Seele, aber die Türen waren alle versperrt, man schickte seine Masken nach draußen.

Das Atmen in diesem Panzer wurde schwerer und schwerer, irgendwann wollte man nur noch schlafen. Bis da ein Mensch war, der nicht nachgab, der die letzte, dünne Rettungsleine sandte und es schaffte, den einsamen Astronauten wieder zurück auf die Erde zu bekommen. Langsam, ganz langsam entfernten sich die Seelenpanzerungen. Auch wenn es Besserwisser gab, die zu glauben meinten, wie man jetzt weiter machen sollte spürte man, dass man noch zu kurz zurück auf der Erde war, um sich gegen die Dummen, die falschen Ratgeber zu wehren.

Aber es wurden Hände gereicht, man hörte der Geschichte des einsamen Astronauten zu. Und die Einsamkeit wurde weniger, wurde nicht mehr so überwältigend, nicht mehr so dunkel und kalt wie der leere Raum. Danke dafür, dass ihr mich zurück auf diese wunderbare Erde gebracht habt, dass der einsame Astronaut im schwarzen, kalten All wieder ein paar vertraute Seelen gefunden hat. Noch sind die Fangseile dünn, aber sie werden stärker. Und sie werden mehr.

Meine Geschichte wird fortgeschrieben. Und jetzt ist es meine Geschichte, ehrlich und verletzlich. Weil der Seelenpanzer endlich weg ist.

Es ist an der Zeit, einmal danke zu sagen.

Depression abzugeben“ war für mich kein Buch, das ich wegen des Geldes geschrieben habe. Es war auch kein Buch, mit dem ich Ruhm und Ehre zu erlangen gedenke. „Depression abzugeben“ ist meine Geschichte, ein Stück Wahrheit, verpackt zwischen zwei Buchdeckeln, niedergeschrieben auf 432 Seiten.

Und es war ein schwerer Schritt, so sehr in die Öffentlichkeit zu gehen, mich so sehr für andere Menschen zu öffnen. Aber letztlich war das Öffnen meiner Seele, meines Wesens für mich der wichtigste Schritt zur Heilung. Daraus entstand zunächst über die Tweets #ausderklapse der Wunsch, andere an meinem Heilungsprozess teilhaben zu lassen. Weil ich spürte, in den Feedbacks lesen konnte und aus eigener Erfahrung erlebt hatte, wie schwer es immer noch fällt, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Wie sehr mir meine Leser und die Medien recht geben würden, das hat mich zutiefst überrascht. Zeitungen, Radiosender, selbst das Fernsehen zeigt ehrliches Interesse.
Aber was mich am meisten überwältigt sind die Reaktionen der allerwichtigsten Menschen, meiner Leser. Nicht nur, dass „Depression abzugeben“ tatsächlich viel gekauft wird. Nicht nur, dass es da draußen Menschen gibt, die ein ehrliches Interesse an meiner Geschichte haben. Die Rezensionen, oh diese Rezensionen. Ich dachte immer, Kritik bereite mir Schwierigkeiten. Aber das so überaus positive Feedback, die vielen fünf Sterne Bewertungen (als ich das hier schreibe alleine 18 Stück bei Amazon), die wundervollen EMails, Postkarten, Briefe. Danke, DANKE, DANKE!

Ich bin kein Bestsellerautor, kein Schriftsteller, sondern ein Mensch, der hofft, durch seine Erfahrungen anderen helfen zu können. Und es scheint zu gelingen. Großartig. Einfach Großartig.

Aber einen Mitarchitekten dieses Buchs darf ich nicht vergessen. Bastei Lübbe, die mein Manuskript als einer von drei Verlagen wirklich veröffentlichen wollten, die an meine Geschichte glaubten Und dort besonders, Cindy Witt, Ragna Sieckmann und Angela Kuepper. Drei Frauen, die mich ermutigen, unterstützen, zu viel loben (geht das eigentlich) und die mein Debut fantastisch begleitet haben.
Und ein besonderer Dank geht auch an meinen Agenten Eric Riemenschneider, der nicht nur an meine Geschichte sondern auch mein Schreibtalent und den Erfolg des Ganzen geglaubt hat.
Ich verneige mich vor so viel Vertrauen und kann nur ergänzen. Auch das war Heilung. Sogar ein sehr großes Stück Heilung.

Danke euch allen, ihr habt mich auf meinem Weg unterstützt und tut es durch täglich neues, unglaublich ermutigendes Feedback jeden Tag aufs neue.

„Das Leben ist ein Roman, für dessen Happy End zu selbst verantwortlich bist.“

Und ja, auch wenn es der eine oder andere rührselig oder kindisch empfinden wird. Auch nach diesem Text stehen mir Tränen in den Augen. Weil ich die Veränderung spüre, weil ich noch am  Leben bin, sein darf, sein werde und weil ihr alle mir ein klein wenig zurück ins Leben geholfen habt.

Auch dafür sei euch allen nochmals herzlich gedankt.

You live, you learn

 

 

Einer meiner Lieblingssongs von Alanis Morissette ist „You live, you learn.“

Die Frage ist nur: Was habe ich aus diesem Katastrophenjahr 2015 gelernt.

Nachdem ich jetzt wieder auf freiem Fuß und im Angestelltenalltag angekommen bin, haben mich einige gefragt, wie es mir jetzt geht.

Das ist nicht leicht zu beantworten. Irgendwie fühle ich mich wieder ganz, aber immer noch von vielen unsichtbaren Verbänden und Pflastern zusammengehalten. Mein Kopf weiß, wann ich jetzt nein sagen soll, wann ich aufhören muss, alles negativ zu sehen. Aber mein Herz sitzt immer noch in einer Ecke und schmollt. „Nein, ich mach nicht mit, nein, das ist alles nicht war, nein, das hat fast dreißig Jahre funktioniert, das machen wir jetzt schön so weiter.“

Mein Verstand gewinnt zwar immer häufiger, aber es ist immer noch ein Kampf.

Ich könnte einen Maskenladen aufmachen, so viele Masken  habe ich in den vergangenen Jahrzehnten getragen um zu funktionieren, um gemocht zu werden. Es gab nur ganz, ganz wenige Menschen, die mich auch mal ohne Fassade, ohne Maske erleben durften. Und die Masken wurden von Jahr zu Jahr schwerer, belasteten, verletzten mich. Und schließlich bin ich unter der Last zusammengebrochen. Und den Anforderungen an mich, anders zu leben, als ich es möchte.

Unverständnis war ein Faktor, der mich in den Suizidversuch getrieben hat. Verzweiflung durch die Auswirkungen der Depression und der Angststörung ein anderer.

Aber es gab Verbündete, die zu mir standen, während meiner ganzen langen Zeit in verschiedenen Psychiatrien. Da war natürlich meine Familie, die ohne wenn und aber hinter mir stand. Aber ich habe auch gelernt, dass das Netz virtuelle Freundschaften schmieden kann, die weit über reine Spassgespräche hinausgehen. Auch meine Follower auf Twitter, meine „Freunde“ auf Facebook und die Leser meines Blogs haben mir unglaublich viel gegeben. Selbst gute, alte Postkarten, gar kleine Geschenke trudelten ein und haben mir Mut gemacht, dass ich auch so wie ich wirklich bin gemocht werde.

Ich möchte allen danken, die mich begleitet haben und noch begleiten. Für guten Rat, liebe Worte. Für unglaubliche Chancen und neue Gelegenheiten. Einfach dafür, dass ihr alle, die ihr mit mir den Weg des letzten Jahres virtuell oder real gegangen seid mir so viel gegeben habt, das mich gerettet hat, das mich gestützt hat.

Danke! Thank you !

Update: Ja, richtig, ich wurde gefragt, gab es keine Menschen, die dich eher über die Kante gestossen haben, als dir zu helfen. Doch, die gab es zur Genüge. Mein Suizidversuch entstand nicht aus dem luftleeren Raum und Ratschläge wie „Löschen Sie sich aus dem Internet“ waren nicht nur dumm, sondern auch verletzend weil ignorant meinem Lebensstil gegenüber. Aber auch das ist ein Teil des Lernprozesses. Verzeihen, ignorieren, hinter sich lassen, Sie können nichts dafür, dass sie mein Leben, das Leben vieler in der Gegenwart nicht verstehen. Aber sie haben keine Macht mehr über mich. Sonst wäre ich wieder in Lebensgefahr. Und ansonsten gilt für all jene, die mich immer noch nicht begreifen und verbiegen wollen: