Niemand ist schuld, niemand kann was tun. Klar, ich bin der Idiot

Ganz ehrlich. Ich finde es zum Kotzen. Wie sich diejenigen, die eine gewisse Mitschuld am vergangenen Jahr tragen, ganz bewußt aus der Verantwortung stellen.

Da darf ja nichts negatives erzählt werden, und wenn, dann nicht in „diesem“ Umfeld. LÜGE. Ich nenne es LÜGE.

Und es ist dummes Geschwätz, dieses „wir müssen jetzt nach vorne blicken, die Schuldfrage zu klären hilft niemandem.“ Doch verdammt. Mir hilft sie, in dem sie mir erlaubt, die für mich toxischen Menschen und Situationen zu identifizieren und wenn möglich aus meinem Leben zu kicken. Es gab Fehldiagnosen, unsensibles Verhalten, Mobbing. Es gab Ignoranz, Intoleranz und Unverständnis.

Natürlich habe ich eine Mitschuld an all dem. Zu spät meine Erkrankung akzeptieren und offen damit umgehen. Zu spät erst auf mich, dann auf andere hören.

Aber es ist eben einfach nicht wahr, dass das Umfeld dafür nichts kann. Es kann sehr viel, indem es den Druck erhöht, in dem es mit Unverständnis auf andere Lebensmodelle oder meine Interessen reagiert, indem es einfach schlicht zu doof, zu einfältig, zu rückständig ist.mordor

Klinge ich nach Wut? Klar. Hab ich auch. So viel wurde an mir, mit mir kaputt gemacht. Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vor meinem Suizidversuch war und das ist nicht unbedingt positiv. Es gibt neue, positive Seiten wie meine neue Rolle als Buchautor und Speaker zur Suizidprävention und Depressionsaufklärung. Auch die TV Doku 37° zu Depressionen, bei der ich einen großen Part spiele ist sehr positiv. Aber ratet mal: Ja genau, das wollte man mir ausreden, schlecht machen, mich dumm dastehen lassen. Man wollte Einfluß nehmen auf meine Freizeit, auf meine freie Meinungsäußerung, wollte mich auf Twitter und Facebook zensieren. Aber eins habe ich durchschaut. Dahinter steckte und steckt pure Angst. Angst, dass die geschönte und verlogene Fassade Risse bekommt, Angst, die eigene Mitschuld vor Augen geführt zu bekommen. Dabei, wenn ich an die bislang geschehenen Vorträge denke. Ich musste überhaupt nichts sagen. In den Gesprächen danach vermuteten die meisten meiner Zuhörer von sich aus ganz richtig, was eigentlich passiert war. Insofern ist das Ganze sowieso zu einem Selbstläufer geworden.

Das Gute. Ich hab einmal eine Grenze fast ganz überschritten. Mich ficht solch Drohgebaren nicht mehr an. Wenn ich erneut zu sehr in die Ecke gedrängt und bedroht werden sollte, habe ich andere Mittel. Diesmal weiß ich, wie es geht. Und diesmal wird dann auch ein sehr ausführlicher und erklärender Brief ausgeliefert werden. Ja, nicht nur hinterlegt. Der geht dann auch an die Presse. Ich drohe? Klar, bin ja auch genug bedroht worden. Lebensbedrohlich bedroht.

Denn eins hab ich ebenfalls gelernt. Existentielle Bedrohungen lassen sich manchmal nur mit dem Gang an die Öffentlichkeit abwenden. Denn ich bin nicht der Idiot. Und das lasse ich mir auch nicht mehr einreden.

Seid vorsichtiger

Der folgende Text ist ungefähr das, was ich beim Barcamp in Stuttgart erklärt habe, als meine Zuhörer wissen wollten, wieso zum Teufel ich das gemacht habe:

Ich habe mich lange gefragt, wie es so weit kommen konnte, wieso ich mir das Leben nehmen wollte. Aus meinem Blick war es der Wunsch, dieses in dem Moment der Tat nicht mehr lebenswerte Leben zu beenden und meinen geliebten Menschen um mich herum die Scham, die Last, den Schmerz zu ersparen. Ja, in diesem Moment glaubte ich wirklich, nein ich wusste, es wäre besser ohne mich.

Aber auch wenn manche sagen werden, tu es nicht. Doch, es muss auch ausgesprochen werden, damit es in Zukunft nie wieder passiert. Es gab auch andere, die mit dazu beigetragen haben, dass ich den Schritt gemacht habe. Menschen, die nicht verstanden oder verstehen wollten, was es heißt, eine schwere Depression zu haben. Menschen, die mich mit Regeln drangsalieren wollten, die für mich in diesem Moment das Schlimmste waren, was man mir auferlegen konnte. Menschen, die obwohl frei jeder Ahnung von den Dingen, die mich begeistern mir irgendwelche Süchte anhängen wollten, die mir Handlungsweisen auferlegen wollten, die an sich schon so weltfremd waren, dass mir in meiner tiefen Depression klar war, ich kann das nicht, also werde ich bestraft werden.
Daraus erwuchs eine Verzweiflung, eine Hoffnungslosigkeit die ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt habe und auch nie wieder erleben möchte.
Dass ich da wieder lebend rauskam ist eigentlich einer unglaublich großen Menge an glücklichen Umständen zu verdanken.
Und dass diese meine Geschichte jetzt zu einem Roman wird, der von einem großen deutschen Verlag veröffentlicht wird, ist für mich persönlich auch ein wenig Genugtuung.
Was aber das wichtigste ist, was ich sagen will: Seid vorsichtig, wenn ihr Menschen vorschreibt, was sie zu tun haben. Insbesondere wenn diese psychisch momentan nicht wirklich belastbar sind. Die brauchen nicht Struktur, die brauchen Verständnis.
Und für dieses Verständnis bin ich vor allem meinen Kindern und meiner Frau unendlich dankbar.

Ich kämpfe heute noch mit den Nachwirkungen und habe gelegentliche Flashbacks, die wieder die Panik von damals auftauchen lassen. Es tut immer noch weh. Und ich fürchte, ich werde es nie mehr ganz los werden.

Also bitte: Seid vorsichtiger im Umgang miteinander.