Kapitel 5: Von null auf sechs Wochen in zu wenig Zeit

Die ersten Tage im Büro verlaufen ereignislos, kleine Aufgaben, damit der uneinschätzbare psychisch Kranke nicht überfordert wird. Manchmal habe ich den Eindruck, man denkt, man dürfe mich bloß nicht reizen. Das soll sich aber bald ändern. Die Aufgaben werden komplexer und ich merke, wie lange ich nicht mehr im Büro war. Viele Rituale habe ich mir angeeignet, ohne sie wirklich zu verinnerlichen. Weil man das halt so macht. Und natürlich habe ich die quasi mit Einlieferung in die Klapse vergessen. Raus mit den einen Verrücktheiten, der Depressive braucht Platz im Hirn für Erkenntnis und neue Verrücktheiten. Jetzt aber fallen mir deshalb einfache Dokumentationsaufgaben schwer, so schwer, dass ich mich innerlich dafür schäme, selbst so etwas Einfaches nicht auf die Reihe zu kriegen. Und ich begehe den fatalsten Fehler, den ich begehen kann. Ich melde mich nicht. Aus Angst vor Verurteilung aus Scham, zugeben zu müssen, etwas nicht zu können, was eigentlich doch so einfach ist. Also kämpfe ich weiter, werde aber immer wieder von meinem Kollegen, der mich in dem Thema begleitet korrigiert. Und jede Korrektur, jede Überprüfung löst bei mir fast eine Panikattacke aus. Kribbeln, Angstschweiß, Untergangsszenarien. Hey, ich wurde doch als stabil entlassen, was soll das denn jetzt? Ich will aber nicht schon wieder in die Klinik. Also Zähne zusammenbeißen, weitermachen. Aber die alten Dämonen verschwinden nicht, sie werden sogar noch größer.
Mein Gruppenleiter lädt mich zu einem Gespräch ein, weil er wissen möchte, wie es mir geht. »Na zum Kotzen, aber muss halt.« …Würde ich gerne sagen, weiß aber genau, dass das wohl kaum eine adäquate Antwort in diesem Umfeld sein kann. Da muss es blinken und blitzen, da sollte man besser fit und frisch sein. Wir sitzen in seinem doch recht kleinen Büro. Ich habe die Fenster im Rücken und die Bürotür im Blick, wie ich es immer noch bevorzuge. Auf dem Tisch eine Schale mit Süßigkeiten, dahinter der Schreibtisch mit PC, ein paar Unterlagen und einer kleinen Pflanze daneben. Mein Gruppenleiter hat meinen Suizidversuch vor fast einem Jahr live mitbekommen. Er war an der Suche nach mir beteiligt, hat sich um meine Frau gekümmert, als es darum ging, sie medizinisch zu versorgen und auch die Aufenthalte in den insgesamt drei psychiatrischen Kliniken blieben ihm nicht verborgen. Er kennt quasi die ganze Geschichte des letzten Jahres inklusive meiner Diagnose. Ob er allerdings wirklich durchdringt, was mit der Diagnose »Schwere rezidivierende Depression, generelle Angststörung, Agoraphobie und spezifische Phobie« gemeint ist. Ich denke nicht, es dürfte ihm ja schon schwerfallen, diesen Diagnoselindwurm korrekt auszusprechen.
Mein Gruppenleiter sieht mich an, blättert in den Unterlagen, die er wohl von mir ausgegraben hat. Seine grauen Haare sind ordentlich nach hinten gekämmt, er trägt einen dieser völlig austauschbaren Anzüge. Die braunen Augen mustern die Unterlagen durch eine randlose Brille. »Nur sechs Wochen, dann willst du schon wieder arbeiten?« Er schaut verwundert durch die Akten, wohl meine Krankengeschichte, so weit sie dem Unternehmen bekannt ist. »Ist ja mal ganz schön ehrgeizig.«
Ich nicke. »Ein Jahr ausgefallen, ich will endlich wieder ein normales Leben, und dazu gehört eben auch normal zu arbeiten.« Er schiebt sich die Brille höher auf die Nase, blickt mich fragend an. »Und du bist sicher, dass du das schaffst?« »Nein, bin ich nicht.« Denke ich bei mir, sage aber, brav wie ich ja sein will. »Ich denke schon.« Was für eine fette Lüge. Meine Panikdämonen stehen doch schon wieder hinter mir und halten meine Schulter mit ihren knochigen Händen. »Pass bloß auf, wir holen dich, wirst schon sehen, du entkommst uns nicht so schnell.« Ich versuche, das Bild zu verscheuchen. »Bald wechsle ich ja auf sechs Stunden und dann noch zwei Wochen, dann bin ich wieder voll da.
Mein Gruppenleiter sieht mich zweifelnd an. »Wollen wir mal hoffen, sollte aber was sein, wende dich sofort an deinen Teamleiter oder an mich.« »Ja mach ich.« Er nickt und damit bin ich aus dem Gespräch entlassen. Draußen, vor der wohlweislich geschlossenen Tür erst mal Aufatmen. Menschen mit Macht. Immer noch mein großes Problem. Ich hab wieder nicht gesagt, was ich eigentlich denke. Die Stärke fehlt mir noch völlig. Aber mir ist auch klar, dass ich das können muss, lernen muss, will ich nicht früher oder später komplett abstürzen, weil der Druck zu groß wird und ich zu spät stopp sage. Es sind ja nie die Menschen, es sind die Rollen, die sie einnehmen. Die machen mir Angst, weil ich gelernt habe, dass eine Rolle einen Menschen sehr verändern kann. Zurück im Büro versuche ich mich auf die Aufgabe zu konzentrieren, gleite aber gedanklich immer wieder ab. Schon tauchen erste überdramatisierte Visionen von Versagen und Untergang auf. Eskalieren kann ich nach wie vor sehr gut.
Ich habe es immer noch nicht herausgefunden, warum ich nach wie vor so extrem reagiere, wenn ich befürchten könnte, mein Gegenüber nutzt seine Macht gegen mich aus. Dabei ist es komplett irrelevant, ob diese Gefahr real besteht oder nur als gedankliche Möglichkeit in meinem Kopf existiert. Schon der Gedanke an sich ängstigt. Und abhängig von meiner Tagesform und der Stärke meiner Depression kann mich das ein wenig ängstigen bis tief erschüttern. So viel merke ich, es ist noch nicht wirklich viel besser geworden. Ich weiß zwar, was mit mir passiert, aber die Mechanismen und Übungen, die ich in einem halben Jahr Klinikaufenthalten gelernt habe, sie greifen noch nicht. Oder nicht schnell genug. Oder zu spät. Manchmal erwarte ich, Fäden zu spüren, wie bei einer Marionette, so ferngesteuert fühle ich mich in diesen Situationen. Erinnert irgendwie an die Prüfungsangst, die ich bereits in der Schule hatte. Da ist man nun bald 50 und führt sich auf wie ein 14-jähriger Schüler. Hauck, setzen, sechs.
Wieder mal durchgefallen beim Machtspiel Personalgespräch. Mir dämmert so langsam, dass die letzte Klinik noch lange nicht das Ende meines Wegs raus aus meiner fatalen Kombination von Depression und Ängsten war. Außerdem hat sich bislang lediglich meine Therapeutin außerhalb der Kliniken mit meinem eigentlichen Problem, der generellen Angststörung befasst. Generelle Angststörung. Das kling schon ein wenig durchgeknallt. Welcher Erwachsene hat denn schon generell Angst? Na ich, verdammt. Und zwar zum Teil lebensbedrohlich. Wie lebensbedrohlich, das soll mir schneller wieder vor Augen geführt werden, als mir lieb ist.

Kapitel 1: Vorwort und Kapitel 1: Sie sind entlassen

Kapitel 2: Was habe ich mir dabei nur gedacht?

Kapitel 3: Was ist mit Papa passiert?

Kapitel 4: Der Tag, an dem mein Mann beinahe starb

Kapitel 5: Von Null auf sechs Wochen in zu wenig Zeit

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