Vernunft ist eine Illusion

Schon als Kinder kriegen wir doch alle gesagt, sei vernünftig, sei klug, sei strebsam.

Nur, was uns da an Vorstellungen zu dem vermittelt wird, was klug, vernünftig, strebsam sein soll; ganz ehrlich, bei wirklich vernünftigem, hellem Licht der Erkenntnis betrachtet, ist vieles davon mit Verlaub grandioser Bullshit.

Warum ich so denke? Weil ich mit Menschen spreche, weil andere Menschen miteinander sprechen. Und immer wieder gerate ich an Menschen, an Meinungen, an Wertesysteme bei denen ich lauthals „hör auf zu reden und fang zu denken an. “ rufen möchte. Und nein, ich nehme mich da nicht aus. Auch heute noch folge ich vielen Dogmen, Vorstellungen, Werten, die eigentlich Bullshit sind, aber leider hab ich mich entweder freiwillig drauf eingelassen, oder es ist so sehr gesellschaftlicher Konsens, dass ein Aussteigen so gut wie unmöglich ist. (Und kommt mir  nicht mit dem, wenn du willst, geht alles Bullshit. Habs versucht, stimmt einfach nicht.)

Wir alle kennen doch diesen inhärenten Irrsinn, dass so manche von uns in einem Job (ich spreche nicht von Beruf, der kann einem immense Freude bereiten) arbeiten, den sie hassen, den sie aber auch nicht kündigen wollen. Witzigerweise gibt es dann aber auch wieder Umfragen, so und so viele wären mit ihrem Job zufrieden. Ja was denn nun? Oft ist es die Diskrepanz zwischen dem, was man vernünfitgerweise tun möchte im Beruf und dem, was erwartet wird. Oder auch, die Arbeit an sich würde ja Spass machen, hätte man genug Zeit, weniger Druck und weniger Überwachung. Oder anders herum, Stress kann selbst einen Bürojob zur Gesundheitsgefährdung werden lassen.

Gerade Menschen mit kreativen Berufen finden in ihrer Jobbbeschreibung oft die kreativen Entfaltungsmöglichkeiten, die dann von der Realität auf ein Minimum an Freiheit eingestampft werden (sie dürfen gerne wählen, welche von zwei Farben, welche von zwei Schriftarten sie für das Design verwenden dürfen, aber wie sie zu arbeiten haben, dass bestimme ich, ich bin ihr Chef)

Wir leben in so vielen Korsetts, was Job, was Konsum, was soziale Interaktion, ja sogar was Sex angeht.

Leistung ist wichtig, es gesellschaftlich konform zu tun. Ich war und bin auch heute noch in meinem Umfeld Außenseiter, weil ich weder ein gesteigertes Interesse an Autos, an Besäufnissen oder Fussball hatte und habe. Wir mögen uns so aufgeklärt geben, gendergerechte Sprache, keine Diskriminierung von Minderheiten fordern aber im kleinen, im privaten, im persönlichen Umfeld jenseits derer, die für political correctness kämpfen, läuft der Wahnsinn weiter wie bisher.

Da wird nach wie vor konsumiert, als gäbe es kein Morgen. Kaum, dass nach Corona Lockdown wieder Geschäfte öffnen durften, die nicht für den alltäglichen Bedarf zuständig sind, wurde wieder konsumiert, als gäbe es kein Morgen (nun gut, wenn wir so weiterleben, ist dass in nicht allzuferner Zukunft für viele richtig).

Wenn ich reflektiere, was ich seit Beginn meines Homeoffice wirklich vermisse, dann ist das eigentlich ziemlich wenig. Soziale Kontakte reichen mir bei vielen Menschen virtuell, alleine bin ich dank Familie nicht und unser Haus bietet genug Platz, um sich auch zurückziehen zu können.

Was aber viel mehr zählt: Mir wurde und wird vor Augen geführt, wie viel unnötiges ich bislang freiwillig mitgemacht habe, nur weil man das halt so macht. Wie viele Manager haben in der Vergangenheit behauptet: „Also bei uns geht kein Homeoffice“ und dann festgestellt, dass das wenn alternativlos doch plötzlich binnen Tagen, manchmal Stunden geht. Microsoft hat die 4 Tage Woche in Japan testweise eingeführt, weil erkannt wurde, dass Produktivität eben nicht das Ausdehnen von Arbeit in den zeitlichen Rahmen bedeutet.  Und oh Überraschung, die Effekte waren überwiegende positiv.

 

Im Home Office ist es plötzlich nicht mehr möglich, die Untergebenen wie kleine Kinder zu überwachen, damit sie überhaupt arbeiten, und siehe da, die Arbeit wird erledigt (wobei es ja an sich ein krankes Menschenbild ist, wenn jemand glaubt, Mitarbeiter würden nur arbeiten, wenn das auch überwacht wird)

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Klimawandel, Gender Paygap. Ein immer höheres Rentenalter obwohl die Unternehmen ältere nach wie vor eher feuern als einstellen. Machtgier bei Staatsoberhäuptern, gepaart mit Dummheit und manchmal auch noch einer besch…eidenen Frisur. (Person, Man, Woman, Camera, TV, Yellow Hair). Wir müssten eigentlich vieles, das unser aktuelles Wirtschafts- und Sozialsystem zusammenhält hinterfragen, ändern, beenden oder gänzlich neu gestalten. Das wäre vernünftig. Aber Vernunft ist nichts, an dem man wirklich viel Geld verdienen kann. Schaut euch mal bei euch um, was ihr an Dingen besitzt, die vernünftig sind, was ihr an Verhaltensmustern lebt, die vernünftig sind. Und wenn bei euch alles vernünftig ist, seid ihr dann auch wirklich ehrlich?

Und wenn ich mir die Bezahlung und dazu die Relevanz der betroffenen Berufe ansehe (dank Corona sehr schön mit „systemrelevante Berufe“ bezeichnet) dann wird nicht der gut bezahlt, der wichtige Arbeit leistet, wie Pfleger*innen, Ärzt*innen oder Mitarbeiter in Supermärkten oder diejenigen, die die Versorgung mit WESENTLICHEM aufrechterhalten. Investmentbroker, Menschen, die mit Geld spielen, Berufe, die niemand vermissen würde, gäbe es sie plötzlich nicht mehr, die werden teuer bezahlt. Erinnert mich an die Golgafrincham Arche aus Anhalter durch die Galaxis.

Wo die Gesundheit des Menschen nur noch als ökonomischer Wert betrachtet wird, wo Krankenhäuser wirtschaftlich sein müssen, statt erfolgreich in der Heilung von kranken Menschen, da läuft was extrem falsch.

Wo Verschwörungstheoretikern geglaubt wird, statt der Vernunft, wo man persönliche Interessen und Freiheiten vor vernünftigem Handeln für eine Gemeinschaft stellt, da sehe ich nicht wirklich die Vernunft am Ruder. Gier, Dummheit, Machtstreben, Faulheit, Ignoranz. Alles Eigenarten, die ich gefühlt heute viel häufiger erlebe, als Vernunft.

Und, Spoileralert. Da schließe ich mich beileibe nicht aus.

Was die Lösung ist? Bildung. Nicht Ausbildung, Bildung. Und eine Wertegemeinschaft, die Streben nach Besitz ersetzt durch Streben nach Gemeinschaft, Toleranz, Freiheit und vor allem, die es Menschen ermöglicht, unabhängig von Sorgen um Geld und das Überleben durch Geld  zu existieren. Wer gleichzeitig Arbeitsplätze wegrationalisiert und diejenigen bestraft, die dadurch keine Stelle mehr finden, wer digitalisiert und ignoriert, dass damit immer. mehr einst sichere Jobs wegfallen, der hat noch nicht gemerkt, wie sehr sich die Gesellschaft wandeln muss, wollen wir auch in Zukunft einigermaßen friedlich zusammenleben.

Rente mit 70 ist genauso ignorant wie die Annahme man könne einen Banker einfach mal zum Altenpfleger machen, wenn seine Stelle wegfällt oder ein über 50 jähriger, der entlassen wird, weil jüngeres Material zu verbrennen vorhanden ist, würde so einfach eine neue Stelle für die Zeit bis zur Rente finden.

Wir brauchen einen Diskurs der Vernunft. Ich sehe aber noch nicht mal ansatzweise, dass der irgendwo begonnen hat. Der Finger in der Wunde ist da, aber statt die Wunde zu behandeln, wird sie noch größer gemacht. Hey, Klimawandel, das erleb ich ja eh nicht mehr. Vernünftig ist so eine Haltung nicht, maximal fatalistisch und ignorant.

Und wenn ich an die Corona Krise, die plötzlich mögliche Digitalisierung und das schlagartig funktionierende Home Office denke. Warum nicht beibehalten?  Warum nicht endlich mal begreifen, dass immer mehr und immer schneller nicht der Weg sein kann. Und warum nicht da wo möglich weiterhin auf Wunsch Home Office. Und die, die vor Ort sein müssen, dann evtl. dafür wertschätzen (und das darf durchaus monetär sein, in dem man zum Beispiel eine Vor Ort Pauschale zahlt. Schliesslich sparen viele Arbeitgeber ja wiederum bei denen, die zuhause arbeiten können zumindest den Büroplatz in der Firma).

 

Der Verlust grundlegender Werte.

Wir sind entsetzt über hasserfüllte Fratzen vor Bussen mit verängstigten Flüchtlingen. Wir echauffieren uns über Schiessbefehlskonzepte wirrer Politikerversuche. Wir sind verärgert über die deutschen Waffenexporte ins Ausland.

„Alle Menschen sind gleich.“ rufen wir unserem Luigi oder Panagiotis  zu, während wir uns über unserer Pizza oder unserem Souflaki über die Weltpolitik auslassen.

Oh wie scheinheilig sind wir doch alle. Denn gleichzeitig sind es wir, die plötzlich besorgt sind, wenn vor UNSERER Tür ein Flüchtlingsheim, ein Windpark, ein Solarpark eröffnet wird. Ja natürlich finden wir das gut. Aber nicht gerade hier.

Und so fahren wir, besorgte Bürger, die wir plötzlich geworden sind, mit einem mit Plakaten und Bannern vollgeladenen SUV oder Oberklasseprotzgefährt zu eben jenen Modifikationen unserer heilen Welt, und wünschen sie überall hin, nur nicht zu uns.

Klar, als im Fernsehen die Bilder aus Syrien in unsere Wohnzimmer drängten, da war sicher in vielen Haushalten Mitgefühl, Sorge, der Wunsch zu helfen. Aber wenn es dann wirklich zum Äußersten kommt, zu aktiver Hilfe weil unsere Waffenlieferungen zu diesem Drama mit beigetragen haben, dann sind wir plötzlich sehr kleinlaut, haben Angst vor dem Fremden, das wir nur wenige Generationen zurück in der Geschichte oft selbst waren (ich für meinen Teil habe zur Hälfte ungarisches Blut in meinen Adern)

Ja, wir sollten die Rüstungsfabriken schließen. Bis diese mit Arbeitsplatzverlust und wirtschaftlichen Einbußen drohen.

Überhaupt. Alles, was wir an Unwürdigem, Schädlichem, Unnützen, Verwerflichen in der Wirtschaft weiter am Leben halten, tut dies vor allem, weil man mit der Keule der Arbeitslosigkeit, des Verlusts unseres Status Quo drohen kann und wird. Hartz IV ist das Damoklesschwert, das uns alle zu gefügigen Arbeiterbienen macht, die sehr schnell den Mund halten, wenn einer aus der führenden, wenn auch nicht zwangsweise intelligenten Kaste das Stichwort Arbeitslosengeld II in den Raum wirft. Meist ist es ein Mensch, dessen Gehalt so unverschämt viel höher als das wertvoller Berufe wie Krankenschwester oder Pfleger ist, dass es schon pervers und obszön als Deskription verdient.

Wir sind gute Menschen. Solange man nicht droht, uns etwas wegzunehmen. Und wir sind gut darauf trainiert, in einer Gemeinschaft gleichgeschalteter Arbeiterameisen zu leben, auf Kosten weniger, die teils durch Erbe, teils durch an die Spitze politisieren und polemisieren behaupten, irgendwelche bestimmenden a priori Rechte über unser Leben zu haben.

Nur wenige erlauben sich eine Rebellion gegen die Dummheit, Ignoranz und vor allem Amoralität unseres aktuellen Wertegefüges. Eben jene werden dann entweder als verrückt, oder als weltfremder Künstler gebrandmarkt.

Wir alle warten auf jemanden, der auf den Tisch haut, den wir dann mit den Worten: „Wir hätten ja, aber wir konnten nicht.“ begrüssen und für unseren neuen gesellschaftlichen Messias halten.

Er wird es nicht sein. Nur wir, jeder einzelne können überdenken, ob wir uns von ökonomisierten Wirtschaftswerten terrorisieren lassen, oder ein menschliches, gesellschaftliches, gemeinsames Wertesystem inthronisieren. Die Wirtschaft wird das nicht wollen, weil sie willige und dumme Arbeiterameisen und noch williger und am besten dumme Konsumenten benötigt, für Schrott, der unsere Welt verpestet, unsere Geldbeutel lehrt und uns ablenkt von den wirklichen Problemen der Gegenwart. Das wird nicht leicht sein, weil die „Da Oben Kaste“ natürlich behaupten wird, wir wären undankbar, dumm, böse, weil Politik und Wirtschaft im immer währenden symbiotischen Einklang gegen die Rebellion vorgehen werden. Aber wie schon Guy Fawkes so schön formulierte:  „Eine hoffnungslose Krankheit verlangt nach einem gefährlichen Gegenmittel.“

Und ein letzter Gedanke. Wie oft hat sich jemand, der über die korrupten Politiker oder die „Lügenpresse“ echauffierte,  auf den Vorschlag: „Dann geh in die Politik, in den Journalismus, mach es besser.“ Mit: „Au ja, sofort!“ reagiert? Meist ist es dann zu schwierig, nicht ihr oder sein Ding oder man hat gerade wichtigeres zu tun. Zum Beispiel sinnlos Blödsinn nachbrabbelnd auf der Straße gegen Kriegsopfer vorgehen.

 

Von Warenwerten und wahren Werten

Immer wieder fällt mir auf, wie oft unsere Gesellschaft monetäre Werte über moralische, ethische oder einfach menschliche Werte stellt.

Das beginnt schon bei der Bezahlung, die oft abstrakte Tätigkeiten ohne direkten Nutzen für Menschen (Geldvermehrung) besser bezahlt, als soziale Tätigkeiten.  Wer aber einmal auf die Hilfe von Menschen angewiesen war, wer einmal erlebt hat, welche Opfer dort viele freiwillig bringen und mit welcher emotionalen Beteiligung viele tätig sind, der wünscht sich, dass diese Berufe mehr Relevanz erhalten und damit auch monetär gerechter behandelt werden. Klar gibt es dort, wie auch  in jedem anderen Gebiet auch Menschen, die nicht wirklich begeistert dabei sind. Aber das liegt oft auch genau am Umgang und dem Stellenwert, der diesen Tätigkeiten gegeben wird.

Ebenso unverständlich für mich ist, welche Bereiche und Dienstleistungen oft unter das starre und meist kurzsichtige Regime der Gewinnoptimierung gestellt werden. Ein Krankenhaus hat primär den Auftrag, Menschen zu helfen. Und ein Krankenhaus ist für mich eine gesellschaftliche Instanz, die wir uns auch leisten können müssen, wenn sie nicht nur Gewinne einfährt. Gleiches gilt für viele soziale Dienste.

Gleichfalls nicht nachvollziehbar  ist für mich die oft gespiegelte Meinung der Politik und der Wirtschaft von ihren Bürgern, Kunden oder Arbeitnehmern. Da wird kontrolliert, überwacht, da wird dem Hartz IV Empfänger ein Mißbrauchswille unterstellt, der mit Sicherheit nur bei einer kleinen Minderheit wirklich auf Tatsachen trifft.

Und auch die Medien sind hier nicht müde, immer wieder gerade die negativen Beispiele wie eine allgemeingültige Tatsache darzustellen. Dabei muss ich hier meine Leser enttäuschen. Mir sind schon einige Menschen begegnet, die aus verschiedensten Gründen arbeitslos waren und zum Teil auch bereits in Hartz IV gerutscht. Und ich habe KEINEN EINZIGEN kennengelernt, der nicht glücklich gewesen wäre, statt Hartz IV wieder arbeiten zu dürfen.

Und in wie vielen Unternehmen werden selbst Kreative oder Wissensarbeiter immer noch in Zeitraster gepresst, müssen diverse Tabellen ausfüllen und sich immer wieder rechtfertigen, wenn sie mal bereits eine Stunde früher gehen oder etwas später ins Büro kommen. Wir wollen alle wie Erwachsene behandelt werden, oft kommt es mir aber so vor, als würde man dem Menschen generell misstrauen und glauben, alleine durch Kontrolle und Geld könnten Menschen zur Arbeit motiviert werden.

Zudem halte ich das auf stetiges Wachstum und Spitzenleistungen bedachte Wirtschaftsdenken für hochgefährlich. Jeder weiß, dass in einem begrenzten Raum unbegrenztes Wachstum nicht möglich ist. Außer die Wirtschaftswissenschaftler und die sogenannten Experten. So lange wir hier immer noch Shareholder Value vor Kundenzufriedenheit, billiges Produzieren vor Qualität für den Kunden und geplante Obsoleszenz vor nachhaltige und dauerhafte Produkte stellen, werden wir weiterhin unsere Ressourcen im Übermaß missbrauchen, weiterhin unsere Umwelt verpesten und weiterhin die Last, die wir eigentlich tragen und erleichtern sollten auf unsere Kinder abschieben und sie immer  mehr belasten.

Wer heute in Werbung oder Medien etwas über Nachhaltigkeit liest, sollte sich immer im Klaren sein. Wirklich nachhaltig wirtschaften und leben wir noch lange nicht. Wir nutzen lediglich den Begriff, um uns gut dastehen zu lassen.

Die Veränderungen, die notwendig sind, um auch unseren nachfolgenden Generationen ein gutes Leben zu bieten, sind viel radikaler in manchen Bereichen, als die Medien und die Politik uns vermitteln. Aber wer auf den eigenen Machterhalt und den eigenen Vorteil bedacht ist, der hat kein Interesse an Veränderung.

Es gibt ganz wenige positive Beispiele von Unternehmerinnen und Unternehmern, die wirklich etwas bewegen wollen. Aber so lange die Gesellschaft immer noch so bequem und am Status Quo hängend ist, wird sich nicht viel ändern.

Wir predigen Wasser und trinken noch viel zu oft teuren Wein. Denn der Mensch soll doch bitte am besten genormt, bereit für jegliche noch verfügbare Arbeit sein, das natürlich so früh wie möglich und so lange wie möglich, dabei aber für einen Hungerlohn arbeiten, dennoch jeden Quatsch konsumieren und gleich wieder wegwerfen, den die Konzerne auf den Markt bringen, Kinder bekommen, danach sofort wieder arbeiten und am besten sobald er in Rente geht sofort tot in die Kiste fallen. Ein genügsames aber gutes Leben ist nicht vorgesehen.

Und ich muß nochmal eine absolute Leseempfehlung anbringen: „Why work sucks and how to fix it“ von den Erfinderinnen des „Results only Work Environments“ ist extrem empfehlenswert für jeden, der das Gefühl hat, dass die Arbeitswelt eher einem Irrenhaus gleicht. Und wer dann noch lachen will, dem empfehle ich: „Ich arbeite in einem Irrenhaus„.

Crowdsourcing und Coworking. Vom Wandel der (Arbeits-)Welt

In einem sehr interessanten Artikel „Crowdsourcing und Coworking Arbeitsmodelle der Zukunft“ prognostiziert Claudia Pelzer einen grundlegenden Wandel der Arbeitswelt.

Dem kann ich nur zustimmen. In einer Zeit, in der immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse entstehen, und im Gegensatz einige wenige immense Summen verdienen, wird es Zeit für eine Neudefinition des Arbeitsbegriffs. Nur Lohnarbeit ist gute Arbeit gilt schon lange nicht mehr. Wir definieren uns zwar aus Arbeit, aber diese Arbeit muss auch zu uns passen, uns erfüllen, uns begeistern. Das ist heute nur noch einigen wenigen möglich. Hier entsteht für viele der Konflikt zwischen Engagement für die Arbeit und privaten Werten und Vorstellungen.

In Zukunft sehe ich wie auch einige andere Forscher einen Wandel hin zu einer Arbeitswelt in der der bezahlte Angestelltenjob nur noch einen geringen Teil des Alltags ausmacht.

Denn wir werden uns letztlich endlich mal von der Illusion der Vollbeschäftigung verabschieden müssen, in einer Zeit in der immer mehr Berufe wegrationalisiert werden, in der der Kunde immer mehr Tätigkeiten selbst erledigt und vieles über Online Dienste abgewickelt wird. Natürlich müssen sich dann auch die Lebensstile wandeln, weg von einem reinen Konsumleben hin zu mehr Nachhaltigkeit. Das muss nicht heißen, dass man neben seinem „eigentlichen Job“ nicht noch Geld verdient, aber wir werden meiner Ansicht nach immer mehr Menschen finden, die sich aus Interesse auch noch einer anderen Tätigkeit widmen. In vielen Bereichen sieht man das schon heute, vieles der Open Source Szene wäre ohne freiwilliges Engagement nie entstanden und auch Konzepte des Crowdsourcing gehen in die Richtung einer entweder nur gering bezahlten, sehr kleinen Arbeit oder einer kostenlosen Mitarbeit von der in letzter Konsequenz die Crowd profitiert.

Ich will hier keinesfalls der Lohnarbeit ein Grablied singen. Aber wir werden neue Formen, freiere Formen erleben, weg vom 9-17 Uhr Job, hin zu ergebnisorientierter Bezahlung, die durchaus auch andere Tätigkeiten oder eine Reduktion der Arbeit ermöglichen kann, ohne auf gewohnte Annehmlichkeiten zu verzichten. Alles, was es dazu braucht ist Wille zu Experimenten, Mut zur Zukunft und das Bewußtsein, dass Arbeit nicht immer gleichbedeutend sein muss mit „das, wofür ich bezahlt werde“.

Wir erleben schon heute das Heranwachsen einer Generation, (wobei diese Generation eigentlich schon immer existierte, aber durch wirtschaftliche Zwänge oft „offiziell“ anders agiert hat, als sie innerlich wollten) die nicht mehr so karrierefixiert ist, wie noch ihre Eltern. Die neben dem Beruf auch das Familien- und Privatleben für wichtig hält. Die nach einer Balance zwischen Beruf und Privat strebt (was zudem auch den Krankenkassen zu Gute kommen würde, denn wie eine aktuelle Studie zeigt, hängen solche Erkrankungen wie Burn Out auch eng mit der Arbeitszeit zusammen. Bei einer 40 Stunden Woche ist das Burn Out Risiko sechs Mal so hoch wie bei einer 35 Stunden Woche !). Es bleibt spannend, wie sich die Arbeitswelt weiter entwickeln wird.

Der Gedanke zum Sonntag:Lebensprokrastination, Spass hab ich dann morgen

Eine der schlimmsten Prokrastinationen, also Aufschiebereien auf morgen ist bei vielen Menschen das eigene Leben. Wie oft höre ich, wenn ich noch diesen Aufstieg geschafft habe, wenn ich noch im Beruf bis zu dieser Hierarchie gekommen bin, wenn ich das und das noch geschafft habe, dann werde ich das Leben geniessen. Das ist aber nicht nur illusorisch sondern dumm. Ich habe in meinem Umfeld bereits einige Menschen erlebt, die ihr Leben so lange aufgeschoben haben, bis sie zu krank waren, es noch zu geniessen.

Wir alle sollten wieder mehr im heute leben und den heutigen Tag geniessen. Ja, viele um uns herum werden sagen, wie kannst du nur, du musst doch Karriere machen, du musst doch dies oder das erreichen oder auch nur, wie kannst du so spassbetont leben. Dagegen sage ich, was macht den das Leben aus? Die Freude daran. Und jeder Tag kann, sei es durch Krankheit oder Unfall der letzte sein. Warum soll ich mein Leben aufschieben auf morgen? Nur weil andere vielleicht Spassbremsen sind, die sich seriös geben? Die meinen, das Leben müsse voll harter Arbeit und Streben nach noch mehr Ruhm noch mehr Glanz sein? Mit meiner Familie, mit meinen Freunden einen schönen Abend geniessen, die kleinen Freuden des Alltags erleben, das ist es, was das Leben ausmacht. Nein, ich kann nicht morgen mit dem Leben beginnen. Leben ist jetzt, hier und heute!

Und ein ganz besondere Gruss an eine Person, die mir lange Zeit durch ihr dummes Gefasel vom „Fremdbild und dem Selbstbild“ mein eigenes Leben schlecht gemacht hat….. Es gibt da ein Lied von Lily Allen 😉