Der Schmerz der Erinnerung

Wenn ich einschlafen will, muss die Decke über meinem Ohr liegen. Ich muss ins Zimmer blicken, weil es Erinnerungen gibt, die das verlangen. Weil ich als Kind Albträume hatte und oft nicht schlafen konnte, weil es laut war. Nicht umweltgeräuschelaut, sondern wutundtränenundschreienlaut.

Weil ich irgendwann Angst bekam, vor lauten Tönen.

Ich liebe es, zu baden. Mit den Ohren unter Wasser. Weil der Schall dann dumpfer wird, die Geräusche gedämpfter werden.

Es tat weh in den Ohren und im Herz, wenn wieder durchs Haus geschrien wurde. Es gab nie Gewalt körperlicher Art. Aber das brauchte es nicht, um mich zu ängstigen, aus dem kleinen Jungen ein noch kleineres Etwas zu machen.

Ich habe mich wohl irgendwann mit der Angst angefreundet, mit ihren Lügen von Minderwertigkeit, von falsch sein, von nicht geliebt werden. Ich habe sie geglaubt und manchmal, durch einen Film, eine Geschichte, einen elternähnlichen Menschen, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Dann werde ich wieder zwölfjährigtraurig.

Irgendwann, keine Ahnung wann, habe ich wohl für mich beschlossen, der Lärm, der Krach, der Streit wäre meine Schuld. Dann noch mein Vater, krank, ohne Diagnose und fast ohne Hoffnung.

Ich glaube, irgendwann in diesen Jahren ist mein Herz geschrumpft, zerbrochen und die Narben reißen auch heute immer wieder auf, wenn die Erinnerung zu groß, die Traurigkeit zu mächtig werden. Dann sitzt da nicht mehr der mittlerweile über fünfzigjährige Mann, sondern das kleine Häufchen Elend, dass sich nur dann zu weinen erlaubte, wenn es auch ja keiner sieht. Oder das in einem Meer aus Tränen hilflos im Wohnzimmer stand und den Lärm der Vorwürfe nicht mehr ertragen konnte.

Melancholie ist so weit ich denken kann mein Begleiter, die Stimmung, die für mich über Jahrzehnte nicht etwas besonderes, sondern Alltag war.

Angst und Panik, Flucht, ein Muster, das ich irgendwann verinnerlicht habe, um  dem Schmerz zu entkommen. Ich lernte, unsichtbar, folgsam und wo es mir möglich war, auch perfekt zu werden. Und wenn es nur die Perfektion des nicht mehr da seins, nicht mehr störens war. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Menschen an mich herangelassen habe. Und dann nur an meine Masken, der schmerzafte, der echte Kern blieb allen verborgen. Bis zu diesem einen Tag. Dem Tag, der mich wieder ohne Schutz, ohne die lärmdämmende Bettdecke, ohne das Wasser in der Wanne als Schalldämpfung zurück geworfen hat in meine dunkelsten Erinnerungen.

Ich habe Gott sei Dank überlebt. Meine Masken habe ich verloren und lebe jetzt echter, als je zuvor. Aber das heißt auch, dass der Schmerz wieder da ist. Dass vieles wieder hervorkriecht und eine tiefe Traurigkeit auslöst. Nicht mehr die Verzweiflung am Leben sondern die Trauer der Gewissheit, dass vieles hätte anders, besser, schöner oder einfach nur leiser sein können.

Ich lebe noch. Oder erst?

Tut mir einfach nicht mehr weh

 

Was man für mich tun kann. Jeder fragt das. Nein, nicht jeder, nur die, denen etwas an mir liegt. Sicher, diese Frage ist unnötig, denn man kann selten etwas für mich tun. Meist reicht es, etwas zu lassen. Lasst es, mir weh zu tun. Lasst es, mich durch Worte, die manchmal mehr verletzen können als ein scharfes Schwert tief in meiner Seele zu treffen.

Aber eigentlich habe ich kaum Hoffnung. Zu lange schon erlebe ich, dass immer wieder Ignoranz, Selbstverliebtheit oder pure Dummheit mir einen Dolch in meine Seele rammen. Wenn einem vorgeworfen wird, man sei Minderleister, man passe nicht zu „den anderen“, sei faul, dumm, zu nichts nütze.

Lasst es einfach. Davon hatte ich genug. Seit ich mich erinnern kann, habe ich gegen diese Windmühlen gekämpft. Habe zu spüren bekommen, nicht gewollt zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht schlau genug, nicht gehorsam genug. Obwohl alles Bullshit war, frisst sich so etwas tief in die Seele eines Menschen, gerade, wenn er noch jung ist.

Irgendwann hat sich meine Seele in einen harten Panzer zurückgezogen, hat gelernt, dass man entweder 100% funktioniert, oder nicht da ist. Es gab keine physische Gewalt. Und die psychische war oft unreflektiert bis unerkannt. Ich habe gelernt, Menschen nicht zu vertrauen. Immer wieder kam er, der Dolchstoß, der Schlag ins Gesicht. 1.95m gross, Linkshänder, unsportlich, kein Fussballfan, kein Autofan, kein Interesse am Saufen und immer freundlich bis höflich zu Frauen. Klar, die Prolls kriegten die tollen Mädels ab, bei denen ich dann der gute Freund war, der getröstet hat. Und hey, es machte mir nichts aus. Denn wenn man selbst seelischen Schmerz als Teil jedes verdammten Tages erlebt, dann ist man sehr sensibel gegenüber seelischem Schmerz, der anderen zugefügt wird.

Ich weiß nicht, ob ich dadurch hochsensibel wurde oder es schon immer war. Aber meine Antennen arbeiten auf 200%, ich spüre Agression, Schmerz, Trauer, wenn andere davon noch nicht mal etwas ahnen. Nein, das ist kein Talent, das ist ein höllischer Fluch. Und irgendwann glaubte ich all das, glaubte ich dumm, schlecht zu sein.

Ich habe sogar einen IQ Test gemacht. Nicht um zu erfahren, wie klug ich bin. Oh nein, sondern die Bestätigung zu bekommen, wie dumm ich wirklich war. Und als der Test ergab, ich sei im Gegenteil hochbegabt, hab ich mich nicht gefreut. Quatsch, es lag am Test, der falsch war.

Mit der Zeit lernte ich, dass ich schlicht nur mir selbst vertrauen kann, und habe es stets so gut es geht vermieden, von anderen Menschen abhängig zu sein (das Berufsleben ist da ein Horror für mich, da ich da in einer einzigen, großen und oft ungerechten Abhängigkeit von Fremdurteilen bin. Ich sage nur „Der Herr Hauck braucht Regeln“ Bäääämm)

In meinem ganzen Leben hat es nur eine Seele geschafft, meinen Panzer zu knacken, und das auch erst, als sie mir wortwörtlich das Leben rettete und mich danach nicht verließ. Seit jenem fatalen Februartag ist Sibylle der einzige Mensch in meinem Leben, der mein 100% Vertrauen genießt. Und wird es wohl auch bleiben.

Mein Buch, es ist eine späte Genugtuung, eine echte, physische präsente Wiederspiegelung meiner Gaben und Talente, die immer da waren, die ich aber bis heute nicht wirklich anerkennen kann. Das Lob meiner Leser, meiner Lektorinnen. Es tut gut, aber es kommt nicht durch, durch den Seelenpanzer in dem der kleine Uwe gefangen ist und unter Tränen darum bittet, endlich in Ruhe gelassen zu werden, endlich frei sein zu dürfen.

Aber die Wunden, die Schmerzen sitzen zu tief in meiner Seele, als dass ich sie jemals ganz loswerde. Der kleine Uwe wird wohl immer ein Gefangener in mir bleiben, der jetzt zumindest in guten Zeiten etwas Trost, etwas Genugtuung erfährt.

Also, wenn ihr wissen wollt, wie ihr Depressionen, Angststörungen, Suizide verhindern könnt, es ist ganz einfach:

TUT UNS EINFACH NICHT MEHR WEH.

 

 

Johannes

Frankfurt. Ein Barcamp einer Bankengruppe. Und Johannes stach mir sofort in die Augen. Er war wie ein Leuchten, voller Energie, voller Dynamik. Wir präsentierten beide Themen rund um Social Media und erkannten schnell, dass wir gleich ticken. Nicht nur was unsere Affinität zum Netz anging, die damals niemand teilte und die wohl heute den meisten noch in der Intensität abgeht, die für Johannes typisch war. Auch unsere Sicht auf die Welt war so ähnlich, das wir uns stundenlang verquatschen konnten. Johannes war ein Mensch voller sprühender Ideen. Die er vermutlich auch als Tarnung seines brüchigen, traurigen Inneren nutzte. Aber damals hatte ich ja keine Ahnung, wie es um ihn stand, ich wusste ja selbst nicht, was mich noch mit ihm verbünden sollte.
Als sein Freund Kai schwer erkrankte und die Familie in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten drohte, startete Johannes #einbuchfuerkai, das ein ungeahnter Erfolg werden sollte.
Wieder so eine typische „Johannes“ Idee. Nutze was dir geboten ist, um Gutes zu wirken. Überhaupt, Johannes war einer der wenigen Menschen, dem ich immer abgekauft habe, dass es ihm um mehr als Reichweite, mehr als beruflichen Erfolg geht.
Was letztlich zu seinem finalen Schritt geführt hat, ich weiß es nicht. Aber auch mein eigener Versuch ist mir ein Rätsel. Wir sollten nicht spekulieren, niemand hat in ihn geblickt und ich weiß, wie dunkel es dort werden kann. Nur was für Konsequenzen sich daraus ergeben, das schreibt der individuelle Lebensweg. Dass seine Familie trauert, dass es Fragen gibt, es ist unumgänglich. Aber es wird keine Antworten geben, denn die hat Johannes mitgenommen.
Was uns bleibt ist, seine Ideale, seine Projekte fortzuführen. Denn er wollte das Netz zu einem guten Ort machen.
Die Anteilnahme heute Morgen, die vielen Wünsche und Initiativen, um Johannes doch noch lebend zu finden und vor allem #wirfuerhannes. Ein gutes Netz. So stelle ich es mir vor. Und es gibt Anzeichen, dass Johannes Vermächtnis nicht ganz ungehört verhallt. #offenetuer in München, ein weiteres Auftauchen des guten Netzes. Lasst uns Johannes so in Erinnerung behalten. Als einen der Guten, der auch anderswo Gutes wirken wollte.
Ich bin unendlich traurig. Aber wenn die Trauer vergeht, habe ich ein schönes Bild in mir von Johannes, das mir Ansporn sein wird, weiterhin wo es geht den Mund aufzumachen, um über Depression und Suizidprävention aufzuklären.

Johannes, du fehlst mir