Ich bin anders als ihr. Und das ist gut so.

20160923_072505Es begann bereits in der Schulzeit. Ich fühlte mich irgendwie fremd, irgendwo in einem Land, einer Zeit, einer Gesellschaft, die so gar nicht die meine war. Es waren noch nicht einmal die üblichen Spiele, die man als Kind spielt. Lego, Modellautos. Fangen und Klettern im Freien. Klingelstreiche. Es war das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Tief im Innern etwas zu haben, das anders arbeitet, anders tickte, als bei all den anderen um mich herum.

Meinen Eltern versuchte ich, es zu erklären, aber sie waren so sehr wie „die anderen“, dass sie das ganze nicht begreifen konnten. Also schützte ich diese Besonderheit. Ich zog mich zurück, auch begünstigt durch die Krankheit meines Vaters, die mich auch noch die letzten Freunde kostete. Im Nachhinein betrachtet formte mich diese Zeit zum positiven, aber auch zum besonderen, zum etwas schrägen, etwas anderen Menschen. Ich tauchte ein in Literatur. Ich entwickelte mich zum extremen Bücherwurm. Heute sind es weit über 3000 Bücher, die uns auf einem Umzug, sicher und sortiert in schweren Kartons begleiten würden. Ich konsumierte Bücher wie andere Nahrung. Ein Tag ohne ein Buch war ein trauriger, schmerzhafter Tag. Lange blieb ich der Außenseiter, war der komische Kauz, den man auch schon mal verprügelte, weil man wegen dessen Vorliebe für klassische Musik auf dem Schulausflug Bachs Brandenburgische Konzerte hören musste.2015-05-05-10-38-24

Eine neue Klasse, neue Mitschüler wandelten mich langsam. Nicht, dass ich nicht weiterhin der seltsame Freak blieb, der sich mittlerweile intensiv mit Computern befasste, nachdem ein kreatives Intermezzo ihn hin zu einer Spiegelreflexkamera und einer Menge von Fotografien brachte.

Die neue Klasse, eine Konglomerat von zwei Mittelstufenklassen trug mich aus der Rolle des Außenseiters in die Rolle des besonderen Menschen. Und wie mein ganzes Leben waren es schon damals Frauen, die meinen Lebensweg nachhaltig und positiv beeinflussten (mit der einzigen, dafür aber dramatischen Ausnahme meiner Mutter. Aber das ist eine andere Geschichte)

Ich lernte Freundschaft kennen, die nicht nur an guten Tagen existiert. Erfuhr, dass ich vermisst werde, wenn jemand im Krankenhaus auf meinen Besuch wartet. Ja und ich erfuhr den ersten Kurs, die erste körperliche Liebe, suchend, willens zu lernen, es gut zu tun, gut für beide. Ich war und bin ein Mensch, der zwar nicht mit, aber auch nicht ohne Menschen kann. Die Distanz eines Raums genügt, damit ich mich sicher fühle, die Distanz einer Stadt kann mich in einen emotionalen  Tornado an Gefühlen stürzen.

Zivildienst. Nachtschichten. 7 Nächte, dann 7 Tage frei. Für mich eine traumhafte Zeit, ein Traumzeit. Wach sein, wenn andere schlafen. Leben in einer ruhigen, dunklen, aber irgendwie wärmenden Parallelwelt. Ich begann zu malen, bereitet sogar eine Kunstmappe blieb aber letztlich beim Computer, den ich besser zu beherrschen meinte. Ich verkannte damals meine emotionale Seite. Das war es, was mich letztlich in die Psychiatrie gebracht hat.20160308_101143

Mein Studium ein weiteres Erleben von andersartig sein, diesmal aber unter Gleichgesinnten. Künstliche Intelligenz, Computerlinguistik. Verstehen, wie der Mensch tickt um vielleicht zu verstehen, wie ich ticke.

Das Ende meiner Schonzeit, meiner selbstgewählten Parallelwelt kam am Ende meines Forschungsstipendiums. In Heidelberg durfte ich drei Jahre forschen. Lernte die Frau meines Lebens kennen und verliebte mich unsterblich in sie. Und ja, liebe sie noch heute, die Frau, die mir im wörtlichen, im elementarsten Sinne das Leben gerettet hat.

20150310_143120Mit dem Eintritt ins normale Berufsleben kam der tiefe, der harte, der laute und schmerzhafte Absturz. Unterwerfung. Gehorchen. Tun, was gesagt wird, ob sinnvoll oder nicht. Die nun mit brutaler Klarheit in mein Leben eindringende Prämisse meines Handelns. Erwachsen sein. Für mich ein Horrorgedanke. Vernünftig, langweilig, gehorchend und sich selbst verleugnend.

Ich schaffte es lange Jahre, auf Kosten meines eigentlichen Wesens. Kleine Refugien erhielt ich mir. die Liebe meiner Frau, unsere wundervollen Kinder stützten mich, aber ich stützte mich auch auf sie, belastete, erschwerte, überschattete deren Leben.
Der Knall des Suizidversuchs. Das letzte, das finale Aufbäumen meines eigentlichen Selbsts. Wäre da nicht die Liebe, die Intuition meiner Frau gewesen, ihre Geduld und Klugheit. Ich wäre heute tot. Es ist so hart, so klar, so unleugenbar.

Der Weg zurück in MEIN Leben. Er beginnt gerade, ich habe wenige, aber gute Begleiter. Und neue Wege haben sich eröffnet. Das Buch, das im Januar erscheint. Die Doku über mein Einhorn, die Depression, die mich seit meiner Jugend begleitete, weil mein Anderssein mich mehr schmerzte, als ich mir selbst eingestehen wollte.20151212_202748

Ich musste mich zurückkämpfen auf dem falschen Weg, um die richtige Abzweigung zurück in mein Leben, in mein besonderes Leben zu finden. Das für viele andere falsch, für mich aber genau richtig ist. Das anders ist, schräg, manchmal anstrengend oft aber glücklich machend. Und das mir meine Familie wiedergegeben hat. Andere werden weit weniger glücklich sein über meinen Wandel.

Aber er muss sein. Weil es um mein Leben geht. Weil es um mich geht. Und weil ich nicht mehr bereit bin zu tun, was andere für mich als richtig erachten. Die Masken sind gefallen. Und ich habe sie tief unten im Keller meiner Seele in einer alten, großen Truhe mit vielen Schlössern weggesperrt bis auf ganz wenige, die mein neues Leben schützen. Kleine Lügen brauchen wir alle. Die Lebenslüge aber, die ruht da unten, tief, in dieser Kiste.

Dieses Jahr werde ich einen Film mit besonderer Freude und Aufmerksamkeit sehen. Weil er die Botschaft in sich trägt, dass anders sein nicht schlecht, sondern etwas besonderes sein kann, etwas, das einem das Leben auch besonders schön, aufregend, neu machen kann. Wenn man sich darauf einlässt.

Ich rede von Tim Burtons “ Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children.

All ihr, die ihr da draußen euch anders, ausgeschlossen, unverstanden fühlt. Das ist gut so. Ihr seid besonders, ihr seid ungewöhnlich. Und es wird immer Menschen geben, die das Ungewöhnliche schätzen. Wenn es bis dahin das Gewöhnlich sein müssen überlebt hat.

Populismus pur. Asperger, das Attentat in Newtown und die Rolle von Spiegel Online

Im Moment der größte Aufreger auf Twitter und in der Netzgemeinde zu Recht. Ein unsäglicher Artikel des Spiegel Online, in dem gefragt wird, inwieweit das angeblich beim Todesschützen von Newtown vorhandene Asperger Syndrom für die Toten verantwortlich ist.
Sagt mal, gehts noch ihr Redakteure des Spiegel? Diese Assoziationen sind ähnlich sinnvoll wie die Annahme, er war ja ein junger Mann, also deshalb hat er geschossen. Oder vielleicht hatte er schlechte Noten? Oder er hat, Achtung, Klassiker: Killerspiele gespielt.
Vielleicht sollte man euch endlich mal den Unterschied zwischen Kausalität und Koinzidenz beibringen. Es laufen auf diesem Planeten Millionen von Asperger Menschen rum. Die sind nicht verrückt und keine Mörder, sondern haben nur beim Erkennen von Emotionen ein Problem. Das heißt noch LANGE nicht, dass sie in irgendeiner Form agressiver, potentiell mörderischer wären. Oder behaupte ich, dass Gerichtsreporter Mörder sind, nur weil sie häufiger als andere Menschen mit Morden in Verbindung kommen?

Solch eine Berichterstattung ist für mich unverantwortlich und mit nichts zu rechtfertigen. Ich erwarte zumindest eine Klarstellung. Denn wenn es, wie ihr schreibt, unzulässig ist, Asperger als Grund für das Attentat zu nennen, warum zum Teufel schreibt ihr dann einen ganzen Artikel genau über diesen möglichen Zusammenhang? Das ist purer Populismus und Gier nach Auflage. Ein abgrundtief peinlicher Artikel, der mit Qualitätsjournalismus nur wenig zu tun hat. Wenn in ein paar Wochen alle Fakten der Polizei auf dem Tisch liegen, dann ist es gerechtfertigt, über die Gründe zu berichten. Jetzt ist alles purste Spekulation, und zwar auf einem Niveau, das ich sonst nur in diesem Müllblatt mit den vier Buchstaben erwarte.
Menschen haben ihre Kinder verloren, dort ist unsägliche Trauer und auch so manch ein deutscher Leser trauert. Da ist es völlig unangebracht, mit solchen populistischen Mutmaßungsartikeln anzufangen.

Oh, und ganz vergessen habe ich. Es wäre zumindest eine Richtigstellung und/oder Entschuldigung angebracht. Schliesslich springen mittlerweile schon andere „Qualitätsjournalisten“ auf diesen Zug des Schwachsinns auf.