Technikrituale und Phobien

Mobile
Auch eine Möglichkeit, sein digitales Leben zu tarnen.

Was man als Neueinsteiger ins Berufsleben aber auch erstaunlicherweise als „langgedienter“ Mitarbeiter immer wieder feststellen muss, selbst Menschen, die beruflich mit Technik zu tun haben, können das gar nicht haben, wenn andere damit souveräner umgehen als sie selbst.

Da mein Smartphone all meine Termine, sowie (da es sich um das Note 3 handelt) auch alle wichtigen ToDos und Notizen beinhaltet, nehme ich es logischerweise für gewöhnlich in Meetings mit, um mir digitale Notizen zu machen, einerseits, um Papier zu sparen, andererseits, um nicht die Termine und ToDos erst noch mühsam vom Papier in den digitalen Planer übertragen zu müssen.

Was ich dabei früher nicht bedachte. Der eine oder andere sieht das Smartphone immer noch bestenfalls als Spielzeug, schlimmstenfalls als Objekt des Bösen, das man nur in der allergrößten Not verwendet. Solch ein Papierfetischist kritisierte mich vor einiger Zeit, ich würde ja nur auf dem Smartphone rumspielen und nicht zuhören. Nun hätte ich mich hier auf einen langwierigen Disput einlassen können. Aber eines habe ich in meiner Zeit in Digitalien gelernt. die analogen Gestrigen kann man nicht bekehren, man kann sie bestenfalls ignorieren, sollte in der Regel aber einfach auf ihr Niveau heruntergehen. Insofern habe ich mir angewöhnt (wobei ich das schon das eine oder andere Mal vergesse und dann wieder böse Blicke ernte, die mich aber mittlerweile nur noch sehr peripher tangieren und schliesslich hab ich auch eine tolle direkte Vorgesetzte, die offen mit mir spricht und solche Fauxpas als das nimmt, was sie sind: PAL -> Problem Anderer Leute) weitestgehend auf die öffentliche Nutzung meines digitalen Notizblocks in Meetings mit Technikphobikern zu verzichten.

Und das ist auch die Botschaft, die ich anderen mit auf den beruflichen Weg gebe. Denkt euch immer technologisch runter auf die unterste anwesende Nutzungsstufe. Und das heißt leider immer noch. Nehmt Papier. Ihr müsst da ja gar nix schreiben. Aber wer Papier und einen Stift (je edler um so kompetenter) vor sich hat, der arbeitet. Wer sich aktiv Notizen auf digitaler Ebene macht. Der spielt.

Klingt zwar dämlich. Is aber so. Und erzählt mir jetzt nicht, da muss man durch, das muss man ignorieren. Leider sind oft eben die Hierarchieebenen die technophobischten, die auf deine berufliche Karriere direkt oder indirekt Einfluß nehmen können. Insofern, manchmal gilt hier, wie bei vielen Themen: Lächeln und Winken Jungs, lächeln und winken.

Was mich hier aber interessiert, ist es symptomatisch für uns Deutsche? Kennt auch ihr Fälle,wo jemand euch unbedingt belehren musste, weil ihr nicht so agiertet, wie es ihm/ihr passte, obwohl er eigentlich keinen Grund hatte, sich einzumischen?

 

Wir leben mit dem Fetisch Papier.

Ich bin Informatiker und als solcher schmerzt es mich stets, wenn die digitalen Möglichkeiten, auch jene, die nicht nur die Arbeit vereinfachen sondern auch Ressourcen schonen nicht genutzt werden.

Als Autor und Blogger benötige ich schon seit langem kein Papier mehr.

Einer der grössten Fetische hier ist immer noch Papier und dessen scheinbarer Eindruck von intellektueller Tätigkeit. Erst vor ein paar Tagen wieder passierte es mir, dass ich darauf angesprochen wurde, was ich denn da auf meinem Tablet herumspielte. Ich sparte mir die Erklärung, ich machte dort meine Notizen, denn ich weiß: Ernsthaft im Büro arbeitet auch heute nur der, der auch offensichtlich mit Unmengen von Papier umgeht. Wer in der Konferenz nur mit Tablet sitzt, wird nicht ernst genommen, weil er in den Augen der im Gestern lebenden die Sache nicht ernst nimmt.
Wichtig ist stets, eine elegante Schreibmappe mitzuführen, und dazu einen teuren Stift. Gebrauchen muss man beides nicht, alleine schon die demonstrative Präsenz von beidem auf dem Konferenztisch strahlt Seriosität aus. Dabei ist es eigentlich heutzutage nur dumm, noch Papier in rauhen Mengen zu verschwenden. Da werden Foliensätze nicht nur ausgedruckt, nein, wenn nicht jeder Teilnehmer der Sitzung noch eine Kopie erhält, gilt der Leiter der Sitzung als schlecht vorbereitet. Da bringt jeder Teilnehmer nochmals einen AUSDRUCK der Einladung mit oder es werden in Schulungen die gesamten Schulungsunterlagen in Papierform zur Verfügung gestellt, als habe man noch nie etwas von Email und PDF gehört.

Elektronische Kalender werden am Arbeitsplatzpc geduldet, aber jährlich werden grosse Wandkalender, kleine Tischkalender, Taschenkalender und diverse andere Arten von Kalendern in rauhen Mengen gekauft, verteilt, verschenkt und dann doch nicht genutzt.

Meine Brücke in die digitale Welt, wenn ich zum analogen Papier gezwungen bin. Der Livescribe Pulse, der Notizen sofort digitalisiert und sie mir somit als PDF zur Verfügung stellt.

Ich arbeite schon seit einigen Jahren inoffiziell so weit es geht nur noch digital. Aber gezwungenermaßen muss man sich immer wieder dem Diktat der Papierfetischisten unterordnen. Dafür habe ich eine Brücke gebildet. Dank der genialen Stifte von Livescribe ist es möglich, trotz scheinbarer Notizen auf Papier die gesamten Unterlagen sofort digitalisiert bereit zu stellen und in Kombination mit Notebook sogar den Text digitalisieren zu können.

Wir leben alle noch mit vielen überkommenen Ritualen, weil wir offensichtlich alle noch sehr viel Angst vor Erneuerung vor Wandel haben. Wir könnten das papierlose Büro schon längst haben, wenn sich nur mehr Menschen im Morgen bewegen würden und nicht stets im Gestern leben wollten, wo ja alles ach so viel besser war.

 

Wenn ich mir überlege, ich müsste all die Unterlagen, die ich im Laufe der Zeit für ein Projekt ansammle, gerade für meine Blogartikel in Papierform mit mir herumschleppen, graut es mir davor. Das meiste meiner Recherchetexte und Textentwürfe wird mittlerweile mittels Evernote und Wuala/Google Docs in der Cloud gehalten und wird nie auf Papier verewigt. Das wäre für mich eine ungeheuerliche Ressourcenverschwendung. Und bei so manchem einem beinahe meterhohen Ausdruck eines Programmlaufs schüttelt es mich. Das alles ist Papier, das einmal oder zweimal angesehen und dann in den Papiermüll gegeben wird.
Eigentlich eine ungeheuerliche Geld- und Ressourcenverschwendung.
Aber man hängt halt an seinem Fetisch.