Meine Depression hat einen sehr schrägen Humor

Und meist ist die einzige, die darüber lachen kann meine Angststörung. Die beiden sind Kumpels, best friends, buddies, mein persönlicher Dr. Jekyll und Mister Hyde. Nur dass es meist eher der Hulk ist, den sie gemeinsam verkörpern.

Seit 2016, als ich endlich aus der Psychiatrie entlassen wurde und mich selbst wieder unter den „normalen Verrückten“ zu bewegen begann, ließen mich die beiden weitestgehend in Ruhe. Gut, vor jedem Auftritt streckte meine Angst ihren gehässigen, viel zu kleinen und genau genommen potthässlichen Kopf durch die Garderobentür um mir „nur das Schlechteste, totales Versagen oder ein gelangweiltes Publikum“ zu wünschen. Aber jedes Mal konnte ich sie bei der Rückkehr in die Garderobe auslachen, musste sie und meine Depression zugeben, dass ihre Macht mir gegenüber doch geschrumpft war. So nahm ich zumindest an. Aber auch das war nur ihr gehässiger, schwarzer, gemeiner und schräger Humor. Vor den Kliniken waren die beiden immer Teil meines Theaterstücks „Der Uwe und seine Psyche“. Aber damals saßen sie in den hinteren Reihen, versteckt, im Dunkeln, bereit zuzuschlagen, wenn ich es am wenigsten erwartete und dann kichernd und feixend wieder ins Dunkel der hinteren Ränge zu verschwinden, von wo aus sie schon den nächsten Coup planten, während ich noch vom letzten bösen Streich wieder aufzustehen versuchte.

In den Kliniken hab ich die beiden in die erste Reihe gezerrt. Angebunden, Knebel im Mund, die hellsten Theaterstrahler auf die beiden, die es in meinem Lebenstheater gibt.

Aber ich möchte verflucht sein, hie und da gelingt es den beiden doch wieder, mir einen Streich zu spielen.

Ein Beispiel gefällig? Gut, möge die Tragikcomedy beginnen.

Etwa vor einem Monat war es. Eigentlich alles gut, ich etwas gelangweilt, weil es keine Lesungen, keine Auftritte, kein Interview gab, das mich von der Alltagsroutine hätte ablenken können. Da hätte ich es ahnen können, dass die beiden die Routine, die Langeweile zu ihren Gunsten nutzen würden. Ich prüfte, wie fast jeden Tag meine Kontobuchungen, ja, Kontrollfreak kann ich.

Das bei meinem Konto vor allem das Minuszeichen auf jedem Bildschirm tiefe Brandspuren hinterließ, ja, kenn ich, jedes Mal, wenn ich das reparieren ließ, wars irgendwann wieder da. Geschenkt, meine Bank ist glücklich.

Da fielen mie drei mal 81 Euro auf, die von meiner Kreditkarte gebucht worden waren.  Eigentlich banal, eigentlich einfach zu handhaben, eigentlich kein Problem für mich. Eigentlich. Auftritt, Angst und Depression.

Irgendwie musste sich da die Angststörung befreit haben, denn ich hörte noch ein hämisches „Haben wir dich“, als ich einen Tritt gegen mein Nervenkostüm bekam. Stand ich gerade noch oben und blickte ins Tal meiner schwarzen, depressiven Stimmungen, war ich schon auf dem Abflug Richtung Dunkelheit und konnte im Fallen noch das hämische Grinsen meiner Angst sehen. Von unten rief dann auch schon die Depression:“Na? Komm zu Mami! (Mami ist meiner persönlichen Geschichte geschuldet und soll hier bitte nicht als Wertung eines Geschlechts oder einer familiären Berufsgruppe gelten)

Der Aufschlag war hart und meine Freude, meine Stabilität, meine Schutzmechanismen gegen meine beiden Schultersitzteufelchen  zerbarsten mit dem Aufschlag in tausend kleine emotionale Fragmente.

Es würde wieder Zeit brauchen, das zu kleben, mir eine Strickleiter oder ein Seil zu besorgen und mich wieder aus dem Tal nach oben zu arbeiten aber hey, war ja nicht das erste Mal. Mir gelang es irgendwie den Kreditkartenbetrug zu klären, sogar ne Anzeige bei der Polizei schaffte ich aufzugeben, obwohl ich eigentlich nur Ruhe wollte, nichts hören oder sehen. Gegen Ende der Woche schien auch alles gut zu sein. Aber Sonntag Abend beschloss wohl mein Kumpel Depression: „Nope, so leicht machen wirs dir nicht, du hast uns schon viel zu lange weggeschlossen.“  Panikattacken, Angst, Depressive Gedanken. Wie entlassen aus Pandoras Büchse waren sie alle wieder da, als ich gerade die oberste Stufe meiner Depressionstalentkommstrickleiter erreichte und mit einem hämischen Lachen schnitten sie den Knoten durch, der mich gerettet hätte, gerade als wollten sie einen neuen Abwärtsweg eröffnen, den sie frisch für mich gebaut hatten.

Mein Arzt kennt nun Gott sei Dank die Beiden zumindest von Erzählungen. So verschrieb er mir eine stabilere Leiter und mehr Zeit für deren Zusammenbau. Nach drei Wochen ging es mir wieder so weit gut, dass ich nicht nur meinem Umfeld beständig versichern konnte: „Nein, alles gut.“ ohne dabei zu lügen, ich glaubte es mir sogar selbst langsam wieder.

Im Moment sitzen die beiden wieder in der ersten Reihe. Hab die Fesseln verstärkt und das Pflaster über den Mündern ist Ducttape gewichen. Aber ich weiß, irgendwann schaffen es die beiden wieder, sich da raus zu tricksen. Den nötigen schrägen Humor und die Fantasie haben sie ja. Bin nur gespannt, wie sie mich dann überrumpeln werden.

Ihr fehlt mir

Mein Home Office. Nein ich arbeite nicht bei NASA, ESA oder DLR, obwohl das schon was wäre. Aber daheim kann man es einfach persönlicher gestalten. Auch das hilft

Es war letzte Woche Donnerstag. Sie war plötzlich wieder da, die Angst, die Panik. Aber anders als sonst, weil unbestimmt. Beruflich lief es gerade sehr gut, Home Office war und ist für mich eine Offenbarung. Ich persönlich, und das bitte ich auf keinen Fall zu verallgemeinern, ich also genieße es geradezu, ungestörter, konzentrierter, effektiver wie effizienter arbeiten zu können. Zudem nicht jeden Tag eine Stunde nur mit Fahrt zur Arbeit und zurück zu vergeuden für eine Tätigkeit, für die es nur eines Telefons bedarf.

Warum war sie also wieder da? Auch mein Hausarzt sah wohl die Panik in meinen Augen; ein neues, ein zerstörerisches Feuer, denn er hat mich noch die ganze Woche krank geschrieben. Langsam stabilisiert sich alles, langsam tauchen auch die Ursachen auf, wie Luftblasen an der Oberfläche eines Teichs.


Wer ihre Geschichte kennt, weiß, warum mich dieses Video ganz besonders berührt.

Ihr seid es, ihr fehlt mir. Meine LeserInnen, meine Auftritte, die Gespräche danach, die Aufklärungsarbeit. Es war einfach zu eintönig geworden. Da ich ja auch zu einer Risikogruppe gehöre, hatte ich keinerlei Interesse, wieder ins Büro oder nach draußen zu gehen. Aber leider sind eben auch so gut wie alle Auftritte für dieses Jahr abgesagt. Und sagte ich schon, dass ihr mir fehlt?
Die Planung der Auftritte, die Reisen, der Austausch, das schafft eine Videolesung eben nur sehr eingeschränkt. Zudem reicht es da, wenn ich mich zu gegebener Zeit vor die Kamera meines Notebooks setze. Es hat so lange gedauert, weil wohl das Erlebnis Home Office eine ganze Zeit lang ablenken konnte. Aber letztlich ist es gefühlt das Gleiche, daheim oder im Büro. Nur daheim mit weniger Ablenkung. Und da ich eh schon immer Smalltalk gehasst habe, fehlt mir auch nichts, brauche ich keinen Büroplausch.
Die Gespräche mit euch, von Angesicht zu Angesicht. Sie fehlten mir. Das beständig Reflektieren müssen, ob ich auch das lebe, was ich „predige“. Home Office werde ich weiter machen, so lange es geht, einfach, weil es mir gut tut, ich mehr erledigt bekomme und entspannter arbeite.

Aber jetzt haben wir ein „Den Uwe beschäftigen“ Programm begonnen. Ich muss wohl doch, natürlich mit Abstand und Maske, hin und wieder was unternehmen. Jetzt gibt es regelmäßige Spaziergänge, ich jogge häufiger und wir werden auch mal ein Museum besuchen, irgendwas, das jetzt schon geht und bei dem wir auf möglichst wenig ignorante Mundschutzverweigerer und „Meine Freiheit ist eingeschränkt“ Aluhüte treffen.

Ich bin noch nicht wieder ganz da. Aber meine Schreibtherapie geht zumindest wieder. Aus Social Media werd ich mich noch etwas fernhalten, da schreiben im Moment zu viele Coronidioten.

Ich trage Maske, nicht nur mir, auch meinen Mitmenschen zuliebe. Denn Demokratie ist nicht nur die eigene Freiheit, es ist Gemeinwohl und Gemeinschaft.

Ja, ich war wieder in meinem ach so vertrauten tiefen, dunklen Tal. Aber etwas war anders. Da stand eine Leiter und jemand ganz oben hat mir mit ihrem Licht gezeigt, wo der Ausgang ist. Noch sind ein paar Sprossen zu meistern, aber ich bin schon sehr weit. Die nächste Woche wird wohl das Ende dieses Gott sei Dank kurzen Intermezzos darstellen. Ich habe gelernt, auch wenn es Jahre gut geht, Es gibt immer Umstände, die mich zum agieren, zum reagieren zwingen, will ich nicht wieder ganz abstürzen. Aber das Schöne ist, ich kann es mittlerweile. Ich fange mich rechtzeitig ab. Und mein Netzwerk an Menschen, die sich WIRKLICH um mich sorgen, es ist stark und fest und da, wenn ich es brauche.

Danke und ihr fehlt mir. Aber nicht mehr lange.

 

Billie Eilish ist übrigens sehr empfehlenswert. Auch ihre Musik lässt in mir eine Seite erklingen, die lange Zeit stumm war.

Ich habe Angst

Nun gut. Bei mir wohl kein Geheimnis mehr. Ich stehe zu meinen psychischen Schwächen. Auch wenn ich weiß, dass die typischen Reaktionen sind: „Mach dir doch nicht so viele Sorgen.“, „man kann auch vor allem Angst haben.“ (Übrigens:JA!) „Du bist zu ängstlich.“
Angst ist etwas überwältigendes, wenn man es in der Form einer generellen Angststörung hat. Angst frisst Vertrauen. Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in andere. Und für manche ist die Angst der anderen ein Weg zur Manipulation. Meine Angststörung entstand aus dem, was ich als Kind und Jugendlicher erlebte. Sie entstand durch Mobbing, Einsamkeit, kein Vertrauen von wichtigen Menschen in mich.
Heute stehe ich zu meiner Angst, ich kenne sie und kann einigermaßen damit umgehen. Aber sie beeinflußt immer noch mein Leben. Aber ich schäme mich nicht mehr dafür. Jeder Tag, an dem ich gegen meine Angst angehe, jeder Moment, in dem ich merke, dass die Angst mich eben nicht mehr überwältigt ist ein guter Moment.
Wir alle, die wir gegen massive Ängste kämpfen, sollten aufhören, uns dafür zu schämen. Wir stellen uns unseren Ängsten, auch wenn sie manchmal überwältigend sind. Mein Suizidversuch entstand nicht durch die Depression. Die Depression war ein Teil meiner Angst und was damals geschah, war eine existenzbedrohliche, allumfassende Panikattacke. Und zwar sofort, ohne Ansteigen, von 0 auf Vollpanik.
Das so etwas passieren kann, sollte sich jeder vor Augen führen, der mit den Ängsten anderer spielt. Man wird in die Rolle der Beute gedrängt, die am Abgrund steht und nur noch zwei Möglichkeiten hat. Angriff oder Flucht. Und wir überängstlichen haben viel zu viel Angst, um noch angreifen zu können. Was dann passiert, ist klar. Aber wohl nicht jenen, die uns in solche Ängste treiben. Weil man ja angeblich keine Angst zu haben braucht. Warum nur erfährt man mittlerweile von immer mehr Menschen, die von massiven Ängsten betroffen sind? Warum leiden schon Schüler unter Ängsten? Kommt mir jetzt nicht mit dem Smartphone, das ist vielleicht Symptom. Der Grund ist das Spielen mit der Angst. Leistungsdruck, Konkurrenzdenken, angebliche Bedrohungen um sich Menschen gefügig zu machen, sie zu normieren und durch ihre Angst auch zu manipulieren.
Wer sich fragt, woher der Zulauf für rechtes Gedankengut und Fremdenhass kommt, ein großer Teil ist sicher auch Angst in einer Welt, die Druck ausübt, mit HartzIV eher bestraft als hilft und nur noch Spitzenleister will. Wir sollten wieder runter kommen von dem Angsttrip, aber so lange man über uns damit Macht ausüben kann, werden es Menschen ausnutzen.
Deshalb, ich stehe zu meiner Angst, aber ich durchschaue mittlerweile, wer mit ihr spielen will. Angst an sich ist nicht schlecht, sie schützt. Wenn man aber in einer eigentlich sicheren Zeit durch machthungrige Dummköpfe manipuliert und die Angst vor etwas nicht existentem hochgepeitscht wird, dann… ja, dann kann man schon Angst haben.
Ich stehe zu meiner Angst, und ich versuche zu vermitteln, dass der Kampf gegen sie ein Guter ist. Schwer, aber er lohnt. Meine Chili gegen meine Panik hab ich übrigens immer noch dabei. Nur so als Insider.

Mein Gastbeitrag zum Thema Stress und Angst für die AOK Baden Württemberg

Die AOK Baden Württemberg hat im Moment einen Themenschwerpunkt Stress und mich deshalb gebeten, einen Gastbeitrag zum Thema Stress und Angst aus meiner Sicht zu schreiben. Da ich mit beidem so meine einschlägigen Erfahrungen habe, ist mir das nicht schwer gefallen, aber lest selbst:

Wenn Stress zur Panik wird, mein Leben im Alarmzustand.

Sicher für viele interessant dürfte die Sprechstunde im Theaterhaus Stuttgart zum Thema Stress mit Judith Holofernes und Heinz Rudolf Kunze am 17. April sein.

Dort könnt ihr auch mich treffen, werde da auf jeden Fall im Publikum sein. Beide Künstler haben zum Thema sicher einiges wertvolles beizutragen.

 

Gibt es eine männliche Angst?

Provokation galore. Klar, wird jetzt jeder sagen, auch Männer haben Angst. So, und jetzt treten wir etwas zurück, überlegen uns, was wir gesagt haben und wann uns in der „Realität“ schon mal ein Mann begegnet ist, der über seine Angst gesprochen hat.

Und damit das ganze nicht so einfach ist, bringe ich jetzt noch meine generelle Angststörung mit ins Spiel. Also etwas, das mich jederzeit, egal wo überfallen kann. Das von einem minder schlimmen Unwohlsein bis zur totalen, allumfassenden Panik alles hervorrufen kann. Und vor allem, etwas, das nur der Kenner an mir erkennt, wenn ich wieder zur Salzsäule erstarrt aber wie ein Verrückter schwitzend irgendwo sitze.

Oder, und das ist mein spezielles Talent, ich im Dialog mit irgendwelchen Menschen, die Macht auf mich ausüben können einfach wie der berühmte Hase vor dem Wolf sitze. Und es ist nichts, das man so einfach kontrollieren könnte. Man kann es aber sehr gut verheimlichen. Das hilft zwar überhaupt nicht weiter, macht das ganze manchmal eher noch schlimmer, aber siehe oben: Die Gesellschaft will so etwas gerade auch beim Mann eben nicht sehen. Alte Klischees, dumme, alte Klischees, die aber immer noch greifen.

Ich trage die Krankheit seit Jahrzehnten in mir, dachte immer, na so einmal pro Monat ne existentielle Panik ist normal, sagt bloß keiner was. Ne, ist sie nicht. Auch jeden Tag irgendwann wieder mit einem Angstschub konfrontiert zu werden. Sich permanent über irgendwelche Katastrophenszenarien Sorgen zu machen die in schweren Ängsten münden.

Eins aber weiß ich, seitdem ich die Angst ans Licht zerre und nicht mehr drüber schweige, geht es mir besser. Nicht gut, aber sehr viel besser. Weil ich zumindest von einigen Seiten positives Feedback erlebt habe. Und weil man mir manche meiner nie ans Tageslicht gebrachten Sorgen zumindest in Teilen nehmen konnte.

Aber es schweigen noch viel zu viele Menschen über ihre Ängste, und insbesondere Männer weil die verdammten Rollenklischees trotz aller Emanzipation und Gleichberechtigung gnadenlos greifen. Ein Mann im Berufsleben, der von Ängsten spricht ist ein Schlappschwanz….. sagt man….. völlig falsch.

Deshalb werde ich auch meine Angststörung,  die vermutlich ein fettes, fieses Bündnis mit meiner Depression eingegangen ist, um mir das Leben schwer zu machen, weiterhin thematisieren. Wir brauchen auch für solche nicht sichtbaren Behinderungen, Krankheiten ein Lobby, zumal die Zahl derer, die darunter leiden in unserer rein aufs Ökonomische fixierten Welt noch steigen wird.