Der ganz normale Wahnsinn oder die wahnsinnige Normalität

Wir alle brauchen Normen. Damit Stecker A in Buchse B passt. Damit die Schrauben und die Schraubenzieher passen. Alles in Ordnung, alles gut, damit Zubehör von Hersteller B mit Produkten von Hersteller A zusammenspielt.
Aber wir leben mittlerweile in einer Zeit, in der die Norm sich in alle Lebensbereiche hineinzufressen droht. Immer mehr Normen für das Zusammenleben, immer mehr Verhaltensmuster, die wir einhalten sollen, um „normal“ zu sein, immer mehr Denkverbote, damit wir der Norm entsprechen.
„In der Psychiatrie sind die normalen Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden.“ Dieser Tweet von mir ist einer der meistzitierten Sätze aus meinem Buch. Und das zu recht. In den Kliniken habe ich sensible, intelligente, offene und neugierige Menschen erlebt, die irgendwann an dem zerbrochen sind, was man in ihrem Leben als normal postuliert hat, auch wenn das für sie zerstörerisch gewirkt hat.
Oder ist es normal, dass sich einstmals demokratische Parteien und Politiker aus dem Vokabular der Rechten und Nazis bedienen?
Ist es normal, dass wir alle uns dank Werbung und Hochglanzmagazinen permanent vorgaukeln lassen, ohne Produkt a oder Fitnesskurs b unzulänglich, defizitär, würden wir ungesund leben? Wer einmal die Ernährungsratgeber eine Zeit lang verfolgt hat, dem dürfte schnell aufgefallen sein, dass etwas oft heute ungesund, Morgen gesund, Übermorgen ungesund ist. Das berühmte Glas Wein, Fleisch, Kaffee, Morgens kein Frühstück etc… Alles mal gut, mal schlecht. Hier höre ich schon seit Längerem gar nicht mehr zu.
Schulmedizin, die ich eigentlich eher wissenschaftlich fundierte Medizin nennen würde, wird zu Gunsten von Quacksalbern und populistschen, einfachen aber falschen Alternativmedizinen abgewertet und als gekauft und ungesund erklärt.
Wir schauen die öffentlich Rechtlichen, schimpfen über sie und ignorieren oft, wie falsch, oberflächlich und bedrohlich populistisch die Privaten agieren. Die Norm ist mittlerweile, belegte, professionelle Produkte, Dienstleistungen und Dienstleister zu diskreditieren zu Gunsten von Quacksalbern, die den Humbug zur Norm erheben, oder Verschwörungen vermuten, wo es keine gibt.
Und wir erlauben immer weniger Fehler, obwohl wir alle doch wissen sollten, dass der Fehler elementar zum Leben dazugehört.
Jenseits industrieller Normen halte ich von Normierung und scheinbarer Normalität gar nichts mehr. Private Interessen, gutes Leben, Karriere oder eben nicht Karriere, erfüllter Sex. All das sollten, ja dürfen wir nicht irgendwelchen Normen unterwerfen.
Die oberflächlich betrachtet sinnvolle Norm ist oft eher dazu geeignet, insgeheim dagegen zu verstossen. Vieles, was im öffentlichen Diskurs mit Normen mit Political Correctness definiert, abgegrenzt und geregelt wird, versteckt sich danach nur im Geheimen. Wenn ich die Gender Debatte beobachte, sind wir uns in der Öffentlichkeit alle einig. Aber wenn ich privaten Gesprächen zuhöre, dann hat sich aber auch gar nichts geändert. Statt Normen und Regeln aufzustellen, wäre es sinnvoller, einen echten kulturellen Wandel herbeizuführen. Aber das bedarf der persönlichen Einsicht und dem Willen zu Veränderung. Also eben nicht der Norm sondern permanentem Hinterfragen des Status Quo.
Ich bin mittlerweile 50 und geradezu entsetzt, wie eingefahren meine Altersgenossinnen und Genossen denken. Da wird nichts mehr hinterfragt, da wird oft gedankenlos nachgeplappert, was in den Medien kolportiert wird. Von wegen uninformierte, desinteressierte Jugend. Das Alter macht es bei vielem oft nicht besser. Im Gegenteil. Im Moment verfolge ich begeistert das, was Alexander Gerst auf der ISS tut und darüber berichtet. Ich hab mir ein T-Shirt gekauft, auf dem das Logo der Mission und sein Name abgedruckt ist. Und das löst allenthalben Erstaunen aus. Ebenso mein Interesse an neuem, das sich seit meiner Jugend aber auch so was von gar nicht verändert hat. Neugier ist für mich ein Lebenselexier. Wenn etwas eingefahren ist, trete ich gerne zurück und überlege, ob es nicht Zeit für Veränderung ist. Ich liebe es, neues zu erfahren, neues Wissen zu entdecken und mich immer wieder selbst neu zu definieren. Aber das ist eben nicht, was die Mehrheit für normgerecht hält. Da gilt viel zu häufig gerade in meinem männlichem Umfeld immer noch „Saufen, Autos, Fussball“ und ich mit meinem „klassische Musik, Wissenschaft, Kultur“ gelte maximal als schräger Vogel, oft als jemand, mit dem man besser nix zu tun hat.

Oder wie Marc Twain es so schön formuliert hat:

Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.

Übrigens: Bei vielen Nachrichten die angeblich „direkt aus der Wissenschaft“ kommen, sollte man sehr genau hinsehen. Wenn dort etwas wie „ganz sicher“, „unwiderlegbar“, „katastrophal“ steht, sollte man sich zumindest die ursprüngliche Quelle ansehen. Denn oft werden aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die erst noch geprüft, bewertet, mit Metastudien belegt werden müssen in der Presse und dem öffentlichen Diskurs eine unabänderliche Wahrheit. Und insbesondere dann, wenn daran wirtschaftliche Interessen hängen. Wer populistisch Untergangsszenarien generiert, wo es eigentlich nach aktuellem Stand der Wissenschaft (der nie 100% sicher ist, im Gegensatz zu den Theorien und Weltbildern der Verschwörungstheoretiker) keine dies belegenden Fakten gibt, der handelt mindestens fahrlässig, grob unwissenschaftlich und verantwortungslos (wer mich häufiger liest, weiß sicher, auf welche Personen ich abziele, die sich an populistischen aber falschen oder einseitigen Theorien eine goldene Nase verdienen).
Eines ist nämlich ganz wichtig. Wirtschaft, zumal klassische, große Konzerne haben als allererstes Interesse die eigene Rendite und die Rendite der Anteilseigner, der Kunde kommt erst als Vorletzter und der Mitarbeiter oft als Letzter.
Das müsste nicht so sein, aber ist leider oft so. Und die Gier nach unbegrenztem Wachstum, der Wahnsinn der Spitzenleistung und Ignoranz realistischer Wachstumsgrenzen sorgt im Moment dafür, dass wir die Zerstörung unseres Planeten eher wieder beschleunigen.
Und natürlich Trottel wie Donald Trump und seine Gefolgsleute, die das Lügen und Betrügen zur Norm erhoben haben und dabei erschreckenderweise noch viel zu viel Unterstützung in der Öffentlichkeit bekommen. DAS ist der ganz normale Wahnsinn der Gegenwart. Wir diskutieren nicht über desolate Schulen, Löhne, die keine Existenz schon gar keine Familie mehr tragen können, Hartz IV, dass Arbeitslose wie Verbrecher behandelt und eine Politik, die sich mehr um Machterhalt und die Wirtschaftslobby, als um das kümmert, was ihre eigentliche Aufgabe ist: Vertretung der Interessen ihres Arbeitgeber. Der Bürgerinnen und Bürger.

Die Norm, die kaum einer erreicht

Wir leben in einer genormten Welt. Das beginnt beim Format für ein Blatt Papier und endet noch lange nicht bei Bildschirmgrößen oder Vorgaben für Lebensmittel.

Aber ist das wirklich immer sinnvoll? Oft habe ich das Gefühl, dass wir uns vorschreiben lassen, wie wir zu handeln haben, ohne zu reflektieren, ob das zu uns passt. Und das hängt nicht nur mit Größen und Formen zusammen, sondern auch mit dem Wesen des Menschen. Keine zwei Menschen ticken, denken genau gleich, jeder hat seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die ihn geprägt haben. Aber in vielen Bereichen wird das ignoriert oder sehr grob vereinfacht. Und hier ziele ich weniger auf die Werbung, die ja gar nicht den Anspruch erhebt (bzw. erheben kann) jeden ganz individuell anzusprechen, zumindest noch nicht. Vielmehr beziehe ich diese Feststellung auf mein Hauptthema, die Arbeitswelt.

Nehmen wir nur zwei naheliegende Beispiele, Körpergröße und Händigkeit. Schon hier fangen die Probleme an, wenn Arbeitsplätze nur nach EINER Norm, eingerichtet werden. Ich habe an meinem Arbeitsplatz das Glück, zum einen einen höhenverstellbaren Tisch zu haben, der sich ideal an meine Körpergröße anpasst, zum anderen auch bei der Hardwareausstattung ausschließlich Produkte zu nutzen, die sowohl für Links- wie auch für Rechtshänder geeignet sind. Aber wie oft wird hier  nur ein an rechtshändigen Menschen orientierter Standard angeschafft, möglichst günstig, weil solche Individuallösungen ja nur teurer Schnickschnack sind.

Aber es geht auch bei den Arbeitstechniken, bei der Führung, beim Umgang im Team weiter. Nicht alle Menschen sind extrovertiert, nicht alle Menschen große Kommunikatoren. Und ein sehr kreativer Mensch wird sich mit Formalismen schwer tun. Aber in vielen Unternehmen wird hier angenommen, alle würden nach dem gleichen vorgegebenen Muster ticken und quantitativ wie qualitativ die gleiche Leistung liefern können. Was für ein großer Irrtum. Im Buch „“Why work sucks and how to fix it” beschreiben Carly Ressler und Jody Thompson an verschiedenen Beispielen, wie gerade Menschen, die scheinbar Minderleister sind, durch eine neue Arbeitsform, die sich mehr an ihren Werten und Arbeitsweisen orientiert zu Höchstform auflaufen können.

Ich habe immer wieder mit Kritik zu kämpfen, Stichwort das Leben ist kein Ponyhof wenn ich fordere, dass die passende Arbeit für den Menschen gesucht werden sollte, gerade in großen Unternehmen, wo es Variationsmöglichkeiten gibt und nicht umgekehrt.

Den schauen wir doch mal auf den Anfang des Berufslebens. Gerade dort wird doch immer wieder geraten, sich von Experten testen zu lassen, um den Beruf zu finden, der zu einem passt. Was dabei aber oft nicht beachtet wird ist, dass der gleiche Beruf, bei unterschiedlichen fest vorgegebenen Verfahren zur reinsten Freude oder zum reinsten Grauen werden kann.

Hier mehr Flexibilität, so wenig Vorschriften wie unbedingt nötig und mehr Freiheitsgrade für den Einzelnen können meiner Ansicht nach die Produktivität mehr steigern als jede streng durchgeplante Maßnahme mit Normierungen und Vorgaben. Denn diejenigen, die eh schon konform sind, werden auch diese Maßnahme aufnehmen, und diejenigen, die die Vorgaben als Einengung empfinden, werden auch die neue Maßnahme nur als eine weitere Reglementierung und Einschränkung ihrer Arbeitsweise sehen.

 

 

Hütet die Norm, das Ende ist nah

Manchmal kommt mir das ganze Wirtschaftssystem wie ein einziges Ritual vor. Nicht mehr das Nachdenken zählt, sondern Standardisierung, Prozessmodellierung und Festlegung von Vorgehensweisen.

Aber leider übersehen wir dabei eines. Bis die Standards durch all die bereits standardisierten Prozesse laufen, bis alle „ich will mit entscheiden aber ohne Verantwortung“ Entscheider dazu genickt haben, sind die meisten Standards schon wieder veraltet. Und meist sind sie sowieso nur für grosse Strukturen valide, die glauben, nur mit Standardisierung, mit Erbsenzählerei erfolgreich zu sein.

Der grosse Irrtum dabei: Nicht nur unser Privatleben, nicht nur unsere Arbeitswelt, die Welt allgemein verändert sich in immer schnelleren Zyklen. Standards machen da nur noch in Nischen Sinn, oft wäre es, so der Standard denn endlich eingeführt ist, schon wieder an der Zeit, ihn auf den Prüfstand zu stellen.

Vorgehensmodelle haben durchaus ihre Berechtigung aber in Zeiten stetigen Wandels sollten sie maximal als Empfehlungen gelten. In wenigen Nischen sind Standards wirklich sinnvoll, und das sind meist Produkte wie z.B. Stecker oder Maschinen.

Menschliche Prozesse aber standardisieren zu wollen missachtet einen Faktor. Den Menschen. Wir arbeiten und leben nicht alle gleich.  In der Schule aber werden wir zu „Standardprozessen“ erzogen, zum gleich sein mit den anderen. Und später beklagt sich die Wirtschaft genau darüber, dass keine Kreativität, kein Querdenken mehr vorhanden ist sondern eine Herde von 9-17 Uhr Arbeitern.

Überlegt euch endlich mal, was ihr wollt, und akzeptiert, dass ihr den Menschen dann auch Freiräume lassen wollt, wenn ihr Kreativität und Engagement fordert. 2/3 machen nach neuesten Statistiken Dienst nach Vorschrift und fühlen sich ihrem Arbeitgeber wenig verbunden. Wundert nicht, wer zuvor gleichgeschaltet wurde, dem ist später auch sein Leben „gleich“.

Fundstück der Woche: Glückskinder, eine Leseempfehlung

Wer außerhalb der gängigen Klischees denkt und nicht etwas tut, nur weil das alle so tun, hats oft schwer. Schön dann, wenn man einen Artikel liest, der statt darüber herzuziehen die tieferen Gründe eines solchen Verhaltens analysiert und zu den gleichen positiven Schlüssen kommt, die man schon lange für sich erkannt hatte.
Ich bleibe so, wie ich bin und NEIN, von mir werdet ihr selten ein blosses Ja oder Nein hören, ich gebe nur korrekte Antworten.

Meine Leseempfehlung deshalb: Die Karrierebibel –

Glückskinder – Wie intelligent nutzen Sie Ihre

Chancen?

 

Und gleich auch noch der passende Buchtipp: