Ein Tag. Ohne Garantie. Aber länger

8:30 der Wecker klingelt. Zum 5. Mal. Er glaubt immer noch, er könne mich mit seiner Geräuschkulisse beeindrucken, was ich durch einen gezielten Wurf desselbigen in Richtung Wand konterkariere.

Kadöngel. Einschlag, wieder eine Kerbe mehr in der gegenüberliegenden Schlafzimmerwand.

Kurze Zeit später ein weiterer Aufschlag. Etwas dumpfer. Gleiche Wand. Mein Wohnungsnachbar bedankt sich bei mir und seinem Wecker für das vorzeitige Erwachen.

Aufstehen, aber langsam. Das öffnen des Rolladens deckt auf, dass es draußen nicht nur Tag, sondern schon geradezu obszön sonnig ist.

Nicht ganz meine Stimmung aber gut. Man kann nicht alles haben, und sich mit dem Wetter anzulegen gehört eher zu den wenig erfolgreichen Aktivitäten. Das mussten selbst ein paar Wetterfrösche mit deren Prognosen bereits erfahren.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich gestern getrieben habe, aber der Geschmack im Mund lässt mich vermuten, es muss etwas mit Torf, Haaren und irgendwelchen mehr oder minder brennenden Flüssigkeiten zu tun gehabt haben. Scheinbar fand Rüdigers Party entweder in einem Gartencenter oder in einem Tierheim statt.

Bad, ich sollte ins Bad. Zumindest mein Mundbiotop sollte wieder in einem eher normalen Aggregatzustand überführt werden.

Als ich die Zahnpasta auf die Zahnbürste pressen will, stelle ich fest, Handcreme. Hmm. Nicht ganz, was ich mir jetzt auf meine Zähne platzieren möchte. Ich suche nach der Zahnpastatube, finde sie schliesslich auch. Im Mülleimer. Leer. Nicht dieses Leer, mit dem man sich noch einen halben Monat die Zähne putzen kann weil die Spackos aus der Produktentwicklung die Tube so kontruiert haben, dass jeder normale Mensch maximal die Hälfte des Inhalts herauspressen kann. Nein. Leer im Sinne von aufgeschnitten, abgekärchert, abgeleckt. Leer eben.

Alternativen. Ich brauche Alternativen. Die Handcreme hat mich schon vor längerer Zeit eines Morgens nach einer sagen wir mal, ausgiebigen Feier in den eigenen Räumlichkeiten von ihrer mangelnden Reinigungskompetenz im Kontext des eigenen Beisswerkzeugs überzeugt.

Aber was nehme ich denn noch so zum Putzen. Fensterreiniger fällt aus. Zu flüssig. Diese Reinigungspaste mit der man sogar öligste Ölreste von den Händen bekommt. In der Konsistenz interessant, aber fürs Zahnfleisch eher schmerzhaft. Schliesslich belasse ich es bei der eher puristischen Variante und packe mir ein paar Brocken Seife auf die Zahnbürste. Denn ich erinnere mich noch aus meiner Jugend, dass offensichtlich selbst eine schmutzige Dialektik sich mithilfe einer wohldosierten Menge Seife im Kauraum wieder korrigieren ließe. „Sag nicht solche Worte, sonst muss ich dir den Mund mit Seife waschen.“ Ein Satz, wie aus der Marketingabteilung eines Großkonzerns. Sinnlos. Klingt aber gut.

Ich muss gestehen, Zahncreme schmeckt deutlich besser. Aber da muss ich jetzt durch. Danach, grobe Befeuchtung relevanter Körperregionen. Duschen wäre mir in meiner momentanen Gesamtverfassung noch etwas zu radikal. Dann zurück ins Schlafzimmer, Kleidung suchen, die noch tragbar ist. Der Schrank gibt im Moment nicht mehr viel her außer ein paar dicken Wollpullovern, die sofort von der Sonne draußen verspottet werden. Also der Boden. Ich finde schliesslich zwei fast gleiche Socken, eine alte Jeans, bei der man die Flecken noch als so etwas wie künstlerischen Ausdruck verkaufen kann und, es grenzt schon fast an ein Wunder, frische Unterwäsche.

Anziehen. Dreimal. Erst vergesse ich die Unterwasche, dann stelle ich fest, das T-Shirt ist nicht nur nach außen sondern auch von hinten nach vorne gekehrt.

Nicht mein Tag, bisher gar nicht mein Tag.

Frühstück. Kaffee. Mehr nicht.

Dieses ganze Brimborium mit Brötchen, Butter, Teller, Besteck. Jetzt nicht. Heute nicht.

Heute ist, Moment, mal überlegen. Montag. Na toll, das schwarze Schaf unter den Wochentagen. Auf dem Weg ins Büro, den ich Gott sei  Dank mit dem Bus absolviere und mir deshalb keinerlei Sorgen über mein Hand-Fuß Koordination bei der Steuerung eines Kraftfahrzeugs machen muss, der Busfahrer war ja hoffentlich nicht auf der gleichen Fete, versuche ich grob den Vortag zu rekonstruieren, komme aber nur so weit, dass es die Geburtstagfete von Rüdiger war, und dass er mich recht früh abgefangen und zu der Gruppe Kerle gelotst hat, die sich in einem Nebenzimmer seiner obszön großen Wohnung mit der Rüdigerschen Whiskysammlung befassten. Danach, Filmriss. Null, Nix, mein Gehirn muss ab diesem Zeitpunkt die Speicherung jedweder Sinneseindrück komplett eingestellt haben.

Nun gut, war wohl besser so. Die weiteren Businsassen sehen bei genauer Betrachtung auch nicht viel besser aus. Das meiste Büroangestellte mit Blicken, die irgendwo zwischen Schaffot und Beerdigung schwanken. Schüler sind schon längst in ihren Nürnberger Trichtern.

Im Büro angekommen beginnt der Arbeitstag, der sich am besten wie folgt beschreiben lässt. Sitzen, Monitor, Tastatur, Telefon, Anrufe. Nur unterbrochen von Meetings, die sich hervorragend eigenen, um die Primzahlreihe in Gedanken zu berechnen, Einkaufslisten für die nächsten drei Wochen zu erstellen und mit dem Bleistift hübsche Mandalas in die Schreibmappe zu malen. Was dann wirklich zu tun ist, klärt man bilateral via Telefon oder noch besser bei einem Kaffee.

Auch wenn ich es wirklich händeringend versucht habe. Wirklich witziges oder aufregendes aus meinem Büroalltag will mir partout nicht einfallen. Nicht dass ich nicht dankbar wäre ob dieser Quelle für das finanzielle Überleben. Nur ist sie halt kein Abenteuerspielplatz.

Die Busfahrt zurück nach hause gestaltet sich ähnlich kommunikationsbefreit wie die Hinfahrt. Gut, die Ohrstöpsel im Ohr und die Beschallung mit Nirvana in LAUT, also mein Nachbar kann mithören LAUT verhindern die Kommunikation auch weitestgehen. Nur einmal hat einer versucht, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Ich hab ihn dann nur leicht irritiert grinsend angestarrt, wie sich da seine Lippen so bewegten ohne das ich auch nur ein Wort hören konnte und er hat dann auch ziemlich schnell aufgegeben und mir einen Zettel überreicht, der mich aufforderte, die Strafe für das nicht mitführen eines Bustickets zu zahlen.  Dummerweise geschah dies genau an einer Haltestelle, die der Kontrolleur, wie selbst mir jetzt in meine Gehirnwindungen gesickert war, zum Verlassen des Busses nutzte und mich mit einer vielleicht nicht berechtigten aber im Nachhinein betrachtet durchaus gerechten Strafe zurückließ.

Heute verlasse ich den Massentransporter zwei Stationen früher. Ich muss unbedingt noch was einkaufen. Nicht nur Zahnpasta. Auch noch ein paar so Dinger, die meinem Kühlschrank auch wieder eine Existenzberechtigung verleihen. Der Supermarkt. Keiner von den großen, keiner von den schönen. Aber das, was ich so für meine Basisversorgung brauche, das hat er. Meistens. Nicht unbedingt in meiner Geschmacksrichtung aber ich will da auch gar nicht zu anspruchsvoll sein.

Geldbörse auf, tatsächlich das Wunder des ein Euro Stücks wird mir zuteil.  Natürlich habe ich nicht bedacht, dass wir jetzt die Stunde des „ich muss nur noch schnell was einkaufens“ haben sowie die Stunde der Rentner, die mal gerne wieder jemanden kennenlernen wollen. Schaun wir mal. Brot, kein schlechtes Konzept. Gibts aber nur noch in der „die Hälfte verschimmelt bis Ende der Woche“ Größe. Käse, natürlich die Aufschnittmischung. Warum soll ich mich mit der Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Käsesorten rumschlagen, von der ich die Hälfte nicht mal geschmacklich unterscheiden kann. Während ich eine Tube Senf dazupacke, wabert mir mein Badezimmer im Kopf rum. Moment, irgendwas habe ich: Ich klatsche mir mit der flachen Hand an die Stirn, was mir teils besorgte, teils verängstigte Blicke einbringt. Zahncreme, fast vergessen.

Noch ein paar andere Kleinigkeiten, dann ab zur Kasse. Denke ich. Bleibe aber direkt da stehen, wo ich bin, denn mittlerweile hat sich die Schlange vor der Kasse bis zum anderen Ende des Supermarkts ausgedehnt. Na toll. Gut, dass ich mein Smartphone dabei habe. Erst mal alle weiteren Termine der nächsten Stunden absagen. Das kann dauern. 45 Minuten später. Vor mir nur noch das Klischee. Ein Rentner. Drei Waren. Und blöderweise ein Betrag mit unrunden Zahlen hinterm Komma. Zunächst sucht er minutenlang in seiner Geldbörse. Als er den verzweifelten Blick der Kassiererin und das leicht ungeduldige Gemurmel hinter mir und ja, auch von mir hört, schüttet er den ganzen Inhalt aufs Kassenband mit den Worten: „Nehmen Sie bitte, was es kostet.“ Erleichtertes Aufatmen rollt wie eine Welle von der Kassiererin über mich bis zum anderen Ende des Supermarkts, wo immer noch letzte Kunden stehen.

Drei Griffe und sie hat den Betrag in der Hand, tippt etwas ein, die Kasse öffnet sich und sie sortiert das Geld ein. Währenddessen räumte ER seine Waren in eine Stofftasche. Langsam, könnte ja zerbrechen, eine von den Dosen oder dem Käse.

Dann ich. Jetzt wirds sportlich. Da ich nicht wenige Einkäufe habe, wird es zum Wettkampf zwischen Kassierierin und mir. Während sie die Produkte über den Laserscanner pfeffert, versuche ich sie dahinter aufzufangen und möglichst flott in den Einkaufswagen zu befördern. Gelingt, zur Hälfte. Dann beginnt sich Ware zu stapeln. Schnell reichts mir und ich schiebe den Rest einfach am Stück in den Wagen.

Karte: Murmle ich. Ein kurzes Seufzen, dann dreht sie mir das Kartenlesegerät zu und erklärt mit der typisch gelangweilten Stimme eines Menschen, der einen Satz zum hundertstenmal sagen muss: „Geheimzahl eingeben, mit Grün bestätigen.

Ich tue wie mir geheißen, mir wird die Quittung gereicht und nachdem ich es geschafft habe, meine Einkäufe in die mitgebrachte Einkaufstasche zu stopfen, mache ich mich auf den Heimweg. Bei Regen. Und Sturm. Beides hat natürlich erst eingesetzt, nachdem ich den Supermarkt betreten hatte und überrascht mich komplett.

Als ich schliesslich zuhause ankomme, bin nicht nur ich, sondern sind auch meine Einkäufe klitschnass. Was solls, das meiste ist eh so dicht verpackt, dass ich dessen Lebensdauer auf mehrere Jahre hochrechne.

Zufrieden betrachte ich meinen Kühlschrank, stelle fest. Da ist ja jetzt ganz schön was drin.

Nach dieser erfolgreichen Jagd habe ich mir einen drögen Abend auf der Couch bei einem Bierchen verdient. Bierchen, das ist etwas, das immer da ist, man weiß ja nie, wer zu Besuch kommt.

Als ich mir an diesem Abend triumphal die Zähne putze, bin ich sehr verblüfft, Zahncreme mit der Geschmacksrichtung Senf erwischt zu haben. Moment? Senf?  Ok. Ich vermute, ich sollte die Senftube in den Kühlschrank packen und dann ausnahmsweise mit auf 8 Grad gekühlter Zahncreme meinen Mund von dem penetranten Senfgeschmack befreien.

Meine Kleidung verstaue ich sorgfältig wie immer durch wahlloses Fallenlassen auf dem Weg zum Bett, ziehe mir die Decke übern Kopf und bin mit mir und der Welt eigentlich ganz zufrieden.

Keine größeren Katastrophen, heute.

Ein ganz normaler Tag.

Der junge Mann kann nicht mehr

Die Sonne verschwand am Horizont. Blut waberte im Meer unter ihr, bis der letzte Lichtstrahl von der Dunkelheit verschluckt wurde.
Der junge Mann trat einen Schritt vor. Jetzt war die Zeit. Er wollte nicht, dass man ihn fand. Er wollte verschwinden. Leise, unauffällig, unbeachtet. So wie sein Leben verlaufen war. Noch ein Schritt, Steine bröckelten von der Kante der Klippe, stürzten polternd in die Tiefe.
Das Ende. Keine Schmerzen mehr, kein Unverständnis, keine Bedrängnis. Erlösung, Ruhe, Frieden. Es hatte so gar nichts beängstigendes, diese Verschwinden, dieses aus der Menschenwelt gehen.
Niemand sollte sagen dürfen, er habe nur einen Hilferuf abgesetzt. Die Zeit der Hilferufe, sie war lange vorbei. Er hatte so laut geschrien, unter Schmerzen, unter Angst. Niemand hatte gehört. Niemand hatte zugehört. Am Ende war er wie zu Beginn alleine. Doch jetzt war es eine erlösende Einsamkeit.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Erschreckt drehte der junge Mann sich um. Er blickte in ein wettergegerbtes Gesicht. Ein alter Mann stand vor ihm mit langen, grauen Haaren. Er trug einen langen Mantel. Seine blauen Augen blitzten den jungen Mann an.

„Du willst schon gehen?“, sprach der alte Mann ihn an.
„Ja, denn es gibt nichts mehr, was mich hält, nichts was so schön wäre wie erlösende Stille.“
Der alte Mann nickte: „Ich kann dich gut verstehen, es ist schmerzvoll, unsichtbar zu sein.“
Woher wusste der alte Mann von seinem Leid?
Der junge Mann trat einen Schritt vor, wollte bereit sein, für den letzten Weg.
Der alte Mann trat zu ihm, stellte sich neben ihn, blickte ihn an. „Schön, nicht war, die Ruhe des Meeres?“
„Ja.“ Der Junge man nickte. Eine Ruhe, die heilt, die lindert. Ich war schon häufig hier, aber nie so nahe daran, meine Ruhe zu finden.“
„Ich weiß.“ Der alte Mann nickte. „Aber Ruhe für wen?“
„Für mich.“ Der junge Mann war sich sicher. „Vor der Welt, die mich nie gesehen, mich nie verstanden hat.
„Und du gönnst deiner Welt Ruhe vor dir?“
Wieder nickte der junge Mann. „Das ist es, was sie wollen. Eine Welt ohne mich, eine Welt ohne meine Probleme und Gaben, ohne meine Gedanken und Wünsche. Eine kleine, stille, harmlose Welt.“
„Die Frage ist aber doch, was willst du?“ Der alte Mann blickte dem jungen Mann tief in die Augen.
„Willst du, dass man sich nie mehr an dich erinnert, dass deine Gedanken, deine Gefühle still und heimlich aus der Geschichte deiner Welt ausradiert werden?“
Der junge Mann dachte nach. Er dachte lange nach. Er dachte nach, bis die Sonne hinter ihnen bereits wieder über die Hügel kroch, um einen neuen Kreislauf von Entstehen und Vergehen zu beginnen.
„Nein. Ich wollte immer gehört werden. Und das will ich auch heute noch. Aber es hört mich niemand.“
Er drehte sich um. Der alte Mann blickte ihn an. Seine Gestalt begann zu verblassen. Mehr und mehr mit jeder Kräftigung der Sonnenstrahlen.
Leise hörte der junge Mann den alten Mann sagen: „Dann verschwinde nicht von dieser Welt. Es gibt andere, die offene Ohren zu hören, offene Augen zu sehen, und offene Herzen zu verstehen haben.
Vergeude nicht deine Gaben. Verschenk Sie. Und vergiss nicht, das Buch zu suchen, das du zuhause versteckt hast. Meine Geschichte wird sonst nie geschrieben.
Der alte Mann verblasste, war nur noch ein Hauch, eine Erinnerung. Der junge Mann trat von der Klippe zurück. Er empfand ein Gefühl von Vertrautheit, als habe er den alten Mann lange schon gekannt. Er ging zurück, er ging fort, er ging in sein Leben. Den Tod würde er früh genug treffen, aber es galt noch eine Geschichte zu schreiben, deren Verlauf in seinen Händen lag. Seine Geschichte.