Einsamkeit macht krank? Bullshit

Ich kenne das Gefühl von Einsamkeit. Und es hat mich nie geschmerzt. Mangelnde Liebe, mangelnde Zuneigung. Ja, das tat und tut weh. Aber heute habe ich Menschen um mich, die mir das geben können. In meiner Kindheit war Einsamkeit das, was mich vor Streit, vor Wut, vor emotionalem Missbrauch geschützt hat.
Ich habe im Zivildienst eine Stelle bei einem Altenkrankenhaus angetreten und dort ganz bewußt nur die Nachtschichten gewählt. Es war eine wunderbare Zeit, alleine, nur mit einer weiteren Krankenschwester Dienst schieben. Weg von der Welt, weg von all den Menschen, die einem Schmerz zufügen könnten.
Wenn ich schreibe oder male, genieße ich es, das alleine zu tun. Und die Abende draußen im Garten, alleine am Teleskop, mit dem Blick in den Himmel, sind ebenfalls eher Situationen, die meine Batterien aufladen als mich stressen oder krank machen.
Meine Familie ist mir wichtig und ich genieße es, wenn wir beisammen sind. Aber ich bin nicht unglücklich, wenn ich mal nicht bei ihnen bin. Ja ich vermisse sie, aber es geht mir emotional und körperlich nicht schlecht.
Und die meisten anderen Menschen brauche ich nicht. Zu viel Oberflächlichkeit, zu wenig Toleranz, zu viel erfahren, wie angenehm es ist, alleine zu sein.
Wir bezahlen viel Geld dafür, einen Rückzug in die Einsamkeit zu kaufen und nennen das Urlaub. Oder tragen Masken, um die Existenz unter Menschen, die gar nicht wissen wollen, wie es uns geht, ertragen zu können.
Und letztlich bin ich keinesfalls einsam, nur weil ich mit anderen Menschen digital kommuniziere. Daraus sind viele gute Freundschaften entstanden.
Vielleicht liegt es einfach auch daran, dass ich diese Gedanken, Einsamkeit könne krank machen oft von sichtlich extrovertierten Menschen zu hören bekomme. Ich bin aber introvertiert, kann mich stundenlang alleine mit etwas beschäftigen.
Krank macht, was mir nicht gut tut. Und zwangsweises „unter Menschen“ sein, hat mir noch nie gut getan.

Es ist, wie mit so vielen Aussagen. Pauschal, alle über einen Kamm geschert, undifferenziert. Typisches aktuelles schwarz/weiß Denken.

Das haben Dichter und Denker schon früh erkannt:

Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wenn du Einsamkeit nicht ertragen kannst,
dann langweilst du vielleicht auch andere.
Oscar Wilde (1854 – 1900)

Ich muß viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.
Franz Kafka (1883 – 1924)

Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei.
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Massengeselligkeit ist durch die Wucht der Einstimmigkeit für uns eine Schule der Fehler. Mögen wir auch sonst nichts für unser Seelenheil tun, die Abgeschiedenheit ist doch an und für sich schon von Nutzen: wir werden uns bessern, wenn wir vereinzelt sind.
Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.)

Sobald ich jetzt sagen muß: „Ich halte die Einsamkeit nicht mehr aus!“, so empfinde ich eine unsägliche Erniedrigung vor mir selber – ich bin dem Höchsten, das in mir ist, abtrünnig geworden.
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Sind wir alle krank vor Arbeit?

lagerfeuer
Für mich die einzig akzeptable Form des „Burn Out“

Es war ein eigentlich ruhiger Sonntag, ich gab den Wahlhelfer bei der lokalen Bürgermeisterwahl. Die Gespräche kreisten um die üblichen Themen (viele davon so gar nicht mein Ding 😉 ), aber immer wieder tauchte auch wieder die eine oder andere Geschichte von jemandem auf, der jetzt früh in Rente ginge, weil er krank wäre, der mit einem Burn Out im Krankenhaus oder der Reha läge oder, das nur als extremster Fall, das Familiendrama, das plötzlich auch den Schwäbisch Hallern bewußt machte, dass familiäre Gewalt und Amokreaktionen nicht auf die „Großstadt“ beschränkt sind.

Ich frage mich, was ist da los? Was haben wir geändert, um diese Steigerung zu provozieren. Sicher, es werden wieder einige sagen, das war früher auch schon so. Aber tut mir leid, in meinem Umfeld und auch in der Erinnerung an die Art, wie meine Eltern lebten kann ich mich nicht an solch hohen Druck und so viele Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen  erinnern.

Wir wollen Spitzenleistung, besser gesagt, wir werden gewollt. Wachstum steht über allem und was heute noch Spitze ist, ist Morgen schon Durchschnitt. Aber zum einen, Spitzenleistung geht NICHT auf Dauer ohne auszubrennen. Und Warum muss es eigentlich immer 120% sein? Ich habe das am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn man von sich permanent mehr verlangt. Und diese harte Bremse, ja ich gestehe offen, es war ein Burn Out, der mich knapp 6 Monate komplett aus der Bahn warf, hat mir vor Augen geführt, dass es mehr geben muss als das Ständige höher, schneller, weiter. Wir machen damit nämlich nicht nur unser eigenes Leben, die eigene Gesundheit kaputt, wir schädigen auch diejenigen, die uns wirklich wichtig sein sollten, die uns nicht für unsere Arbeit schätzen sondern einfach nur weil wir sind.

Aber es scheint Hoffnung zu geben. Zum einen Dank demographischen Wandels, zum anderen die sogenannte Generation Y, die laut eines Artikels in der Zeit offensichtlich andere Wertemodelle hat als alles der Karriere zu opfern und die, eben dank demographischen Wandels plötzlich auf Arbeitgeber trifft, die nach der raren Ressource Fachkraft suchen.

Es wäre wirklich zu wünschen, dass eine stärkere Balance zwischen Privat und Beruf Realität wird. Dann wären viele gesellschaftliche Veränderungen, die sich Medien und Politik so sehr herbeiwünschen wirklich möglich. Vielleicht nicht so wirtschaftsorientiert, wie es die Politik und die Manager wollen. Aber sicherlich gesünder für uns alle.

Oder wollen wir wirklich alle auf unserem Grabstein lesen: Er starb alleine, aber er hat sich erfolgreich zu tode gearbeitet.