Nicht das Digitale ist kaputt, sondern unsere Gesellschaft

Wie oft höre ich Wehklagen über die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft. Dass alles immer schneller wird und man doch gar nicht mehr hinterher kommt.

Bullshit, verbreitet von Digitalisierungsgegnern, die meist nicht mal im Ansatz wissen, wogegen sie da wettern, aber über digitale Demenz und neue Cyberkrankheiten salbadern.

Es ist unsere Gesellschaft, die kaputt ist. Die sich immer mehr der Doktrin der Ökonomie unterwirft. Die immer mehr das Optimum fordert, die Kultur der Spitzenleistung, die dazu führt, dass immer mehr Menschen abgehängt, arbeitslos, depressiv und final gar zum Suizid getrieben werden. Wir machen uns kaputt durch die Normen, denen wir uns unterwerfen. Der Mensch als Humanressource, was für eine grausame Vorstellung. Das Leben nur dann etwas wert, wenn man eine bezahlte, selbst schlecht bezahlte Arbeit hat. Wobei die Wirtschaft ja am liebsten hätte, wir würden umsonst für sie arbeiten, das Geld sollen wir dann verdammt  nochmal woanders her bekommen.

Oder nehmen wir den sozialen Bereich. Jeder Banker würde über die Gehälter lachen, die immer stärker belastete PflegerInnen und Krankenschwestern bekommen. Und ein Krankenhaus nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten führen zu müssen zeigt doch sehr gut, wie tief unsere Gesellschaft gesunken ist. Gesundheit als ökonomisch verrechenbarer Wert. Gesundheit als etwas, bei dem man sich schon fast schämt, krank zu werden. Weil man ja dann den Unternehmen/Krankenversicherungen auf der Tasche liegt.

Wann haben wir uns eigentlich einreden lassen, Nebenkriegsschauplätze wie die Digitalisierung wären Kampfzone?

Die zunehmende Überwachung durch unseren Staat, der immer höhere Druck auf den Menschen, Leistung bringen zu müssen oder sonst ins existenzielle Nirvana von Hartz IV zu stürzen. Das sind die Probleme, die wir angehen müssen. Wir werden depressiv, wenn wir uns zu viel mit anderen vergleichen. Richtig. Aber ist es nicht teil unserer im Moment doch ausgesprochen kranken Kultur? Immer besser? Immer mehr? Wachstum auf Teufel komm raus, obwohl das in einem geschlossenen System gar nicht geht?

Und wie menschenverachtend ist es, von einer Flüchtlingskrise zu sprechen, wo wir doch eine Krise der vielen Kriege haben, für die auch unsere ach so wichtigen deutschen Rüstungskonzerne ihr Schärflein beigetragen haben, indem sie den Diktatoren die Waffen in die Hände drückten, die jetzt dafür sorgen, dass Millionen von Menschen fliehen, schlicht, um am Leben zu bleiben und nicht von UNSEREN Waffen erschossen zu werden.

Wir brauchen endlich eine gesellschaftliche Diskussion, was unsere Wirtschaft darf und was nicht. Wir brauchen eine Diskussion, was uns ein Mensch an sich wert ist und ob nicht Themen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen vielleicht nur der erste Schritt sind zu einer Emanzipation aus den ökonomischen Zwängen der Konzerne.

Wir sollten aufhören, über das Digitale zu diskutieren, das schon seit Jahren da ist. Wir sollten über unsere Gesellschaft diskutieren, die nach meinem Eindruck von Jahr zu Jahr kranker wird, ganz ohne Digitales.

 

Wir leben mit dem Fetisch Papier.

Ich bin Informatiker und als solcher schmerzt es mich stets, wenn die digitalen Möglichkeiten, auch jene, die nicht nur die Arbeit vereinfachen sondern auch Ressourcen schonen nicht genutzt werden.

Als Autor und Blogger benötige ich schon seit langem kein Papier mehr.

Einer der grössten Fetische hier ist immer noch Papier und dessen scheinbarer Eindruck von intellektueller Tätigkeit. Erst vor ein paar Tagen wieder passierte es mir, dass ich darauf angesprochen wurde, was ich denn da auf meinem Tablet herumspielte. Ich sparte mir die Erklärung, ich machte dort meine Notizen, denn ich weiß: Ernsthaft im Büro arbeitet auch heute nur der, der auch offensichtlich mit Unmengen von Papier umgeht. Wer in der Konferenz nur mit Tablet sitzt, wird nicht ernst genommen, weil er in den Augen der im Gestern lebenden die Sache nicht ernst nimmt.
Wichtig ist stets, eine elegante Schreibmappe mitzuführen, und dazu einen teuren Stift. Gebrauchen muss man beides nicht, alleine schon die demonstrative Präsenz von beidem auf dem Konferenztisch strahlt Seriosität aus. Dabei ist es eigentlich heutzutage nur dumm, noch Papier in rauhen Mengen zu verschwenden. Da werden Foliensätze nicht nur ausgedruckt, nein, wenn nicht jeder Teilnehmer der Sitzung noch eine Kopie erhält, gilt der Leiter der Sitzung als schlecht vorbereitet. Da bringt jeder Teilnehmer nochmals einen AUSDRUCK der Einladung mit oder es werden in Schulungen die gesamten Schulungsunterlagen in Papierform zur Verfügung gestellt, als habe man noch nie etwas von Email und PDF gehört.

Elektronische Kalender werden am Arbeitsplatzpc geduldet, aber jährlich werden grosse Wandkalender, kleine Tischkalender, Taschenkalender und diverse andere Arten von Kalendern in rauhen Mengen gekauft, verteilt, verschenkt und dann doch nicht genutzt.

Meine Brücke in die digitale Welt, wenn ich zum analogen Papier gezwungen bin. Der Livescribe Pulse, der Notizen sofort digitalisiert und sie mir somit als PDF zur Verfügung stellt.

Ich arbeite schon seit einigen Jahren inoffiziell so weit es geht nur noch digital. Aber gezwungenermaßen muss man sich immer wieder dem Diktat der Papierfetischisten unterordnen. Dafür habe ich eine Brücke gebildet. Dank der genialen Stifte von Livescribe ist es möglich, trotz scheinbarer Notizen auf Papier die gesamten Unterlagen sofort digitalisiert bereit zu stellen und in Kombination mit Notebook sogar den Text digitalisieren zu können.

Wir leben alle noch mit vielen überkommenen Ritualen, weil wir offensichtlich alle noch sehr viel Angst vor Erneuerung vor Wandel haben. Wir könnten das papierlose Büro schon längst haben, wenn sich nur mehr Menschen im Morgen bewegen würden und nicht stets im Gestern leben wollten, wo ja alles ach so viel besser war.

 

Wenn ich mir überlege, ich müsste all die Unterlagen, die ich im Laufe der Zeit für ein Projekt ansammle, gerade für meine Blogartikel in Papierform mit mir herumschleppen, graut es mir davor. Das meiste meiner Recherchetexte und Textentwürfe wird mittlerweile mittels Evernote und Wuala/Google Docs in der Cloud gehalten und wird nie auf Papier verewigt. Das wäre für mich eine ungeheuerliche Ressourcenverschwendung. Und bei so manchem einem beinahe meterhohen Ausdruck eines Programmlaufs schüttelt es mich. Das alles ist Papier, das einmal oder zweimal angesehen und dann in den Papiermüll gegeben wird.
Eigentlich eine ungeheuerliche Geld- und Ressourcenverschwendung.
Aber man hängt halt an seinem Fetisch.