Wie es mir so geht. Ein Zwischenbericht

Mein Buch, ausgelegt bei einer Lesung in Regensburg, die mit 120 interessierten Gästen vollständig ausverkauft war.

„Wird dir das alles nicht zu viel?“ „Das muss dich doch belasten?“ Fragen, die man mir in letzter Zeit öfter stellt. Aber nicht zu meinem Brot- und Butter Job, sondern zu meiner neuen mir viel wichtigeren Aufgabe als Aufklärer und Entstigmatisierer, was die Depression und insbesondere die „männliche Depression“ angeht.

Und jedes Mal muss ich enttäuschen. Es ist im Gegenteil noch fast zu wenig. Gerne wäre ich noch prominenter in den Medien, weil ich jetzt erst wieder über eine Talkshow, bei der auch ein Psychotherapeut anwesend war, gelernt habe, dass es immer noch eine große Hemmnis bei Männern gibt, sich Depressionen einzugestehen. Ziemlich dämlich aber diesem lächerlichen, überkommenen Männerbild vom starken Macher geschuldet. Und unsere Turboleistungsgesellschaft macht das ganze nicht besser. Eher im Gegenteil, in einer Zeit, in der Worthülsenproduziere vom Schlage eines Herrn Gary Vaynerchuck die Menschen glauben machen wollen, man könne alles erreichen, wenn man sich nur genug anstrengt und wer das nicht schafft, ist selbst schuld, wird das nicht besser. Dass deren Erfolgsrezepte oft mehr auf Zufällen denn auf harter Arbeit beruhen und vieles schlicht Schaumschlägerei ist, wird all zu oft verdrängt. Zumal man ja auch heute in einer angeblich so aufgeklärten Zeit den eigenen Wert immer noch aus Leistung und Besitz zieht.

Dumm, aber für viele eben einfach verstehbar. Wir sind nicht mehr länger psychisch kranke Einzelfälle, in meinen Augen krankt unsere gesamte Gesellschaft, wir sind teil eines schwer kranken Systems, das nur durch den Glauben an ewiges Wachstum am Leben gehalten wird.

Aber ewiges Wachstum? In einem begrenzten System? Merkt ihr selbst, oder?

Ich für meinen Teil fokussiere mich auf mein Ziel, aufzuklären, Menschen dazu zu bringen, wieder mehr an sich als an das Fremdbild zu denken, dass sie meinen, nach außen erzeugen zu müssen.

Beurteilungsgespräche, Stellenausschreibungen, der Arbeitsmarkt. Alles produziert krank machenden Druck in einer Zeit, in der wir die Arbeit an sich als Wert des Menschen hinterfragen müssen. Mehr und mehr wird von Maschinen geleistet, aber statt diese Befreiung zum Wohl des Menschen zu nutzen, wird die Wirtschaft damit weiter angefeuert, unsinniges Zeug zu produzieren,  damit Arbeitsplätze erhalten bleiben, die schon der nächste Manager streicht, bevor er sich einem anderen Unternehmen zuwendet.

 

Ich für meinen Teil sehe diese Entwicklung kritisch und versuche in Gesprächen, Lesungen, Talkshows auf diese Fehlentwicklung hinzuweisen, die ja auch mich fast das Leben gekostet hätte. Auch ich habe mich dieser idiotischen Doktrin gebaut, dass der Mensch nur als Leistungsträger etwas wert ist. Dass man Minderleister identifizieren und eliminieren, oder wie es politisch korrekt heißt, coachen und bei mangelnder Leistung freisetzen muss. In einer Zeit, wo der Mensch mehr als Kostenfaktor oder Humanressource gesehen wird, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die WHO jetzt doch von besorgniserregend steigenden Zahlen psychischer Krankheiten spricht. Die Arbeitswelt erzeugt keine Depression, aber sie kann sie sehr stark fördern. Ich glaube nicht, dass Social Media das Problem ist.

Vielmehr ist es eine Gesellschaft, die den Menschen immer mehr durch Drohung mit Arbeitsplatzverlust, mit HartzIV gefügig und zum braven Humankapital degradiert. Dabei produzieren und konsumieren wir längst in völlig idiotischen Dimensionen, die eigentlich kein Mensch braucht. Aber die Konzerne, die ja leider immer noch nicht geschafft hat, dass der Kunde direkt das Geld überweist, ohne auch noch frecherweise ein funktionierendes und ha, welch Frevel, lange haltendes Produkt zu wollen.

Mir geht es gut. Weil ich endlich einiges an Wahnsinn da draußen durchschaue, gegen den alles, was ich in meiner Klinikzeit erlebt habe, wie völlige Normalität erscheint.

Und auch wenn ich weiß, dass bestimmte Menschen sich furchtbar über meine gewonnene Prominenz und meinen medialen Einfluß ärgern.

You ain’t seen nothing yet. Ich hoffe auf noch viel mehr mediales Interesse, weil es darum geht, den Menschen klar zu machen, dass sie sich von äußeren Umständen krank machen lassen, die in sich selbst verrückt sind. Dass sie einer Norm zu folgen versuchen, die an sich Wahnsinn bedeutet.

Nein, ich werde nicht leise sein, ich habe gerade erst angefangen, lauter zu werden. Und „Depression abzugeben“ ist mein Weg, in die Öffentlichkeit zu kommen. Gelesen werden, etwas bewegen. Mich haben Menschen  angeschrieben, die wegen meines Buchs den Schritt in die Therapie gewagt haben, oder sich nicht suizidierten. Gibt es etwas großartigeres, als solch einen Effekt erzielen zu können. Und da werde ich mit Sicherheit nicht stiller werden, im Gegenteil.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt ein Sprichwort das leider nicht erwähnt, ob als Ergebnis der Schmiedekunst ein Glücksbringer oder ein Sargnagel entstanden ist.

2 Gedanken zu „Wie es mir so geht. Ein Zwischenbericht#8220;

  1. Chapeau!! Ich stimme ihnen in allen Punkten zu!!! Als selbst Betroffener bin ich durch langes Nachdenken und Beobachten zu exakt den gleichen Schlüssen gekommen. Nicht wir sind krank, es ist dieses menschenverachtende Gesellschaftssystem. Ich lese gerade ihr Buch und kann es fast gar nicht aus der Hand legen.

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