Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat

Meine Klapse war ein toller Ort für mich.

Am 5. September war ich beim SAT1 Frühstücksfernsehen zu Gast. Die Reaktionen darauf waren überwiegend sehr positiv, nur mockierten sich manche über den Begriff „Klapse“, den Alina Merkau, die Moderatorin benutzt hat.

Zur Erklärung. #ausderklapse als Hashtag habe ich auf Twitter während meiner Zeit in der Klinik. Ich habe bewußt „Klapse“ gewählt, ein Begriff, der viel von Menschen benutzt wird, die uns psychisch Kranke gerne mit Vorurteilen belegen. Da ich eben auch diese Zielgruppe erreichen wollte, wäre „ausderpsychiatrie“ viel zu neutral und wenig provozierend gewesen. Und nicht nur ich sprach damals liebevoll von Klapse, auch viele meiner Mitpatienten. Denn Humor, und gerade auch schwarzer Humor ist eine tolle Therapie.

Vor dem Interview hat mich Frau Merkau sehr gut gebrieft und auch aktiv gefragt, ob sie den Begriff „Klapse“ verwenden dürfe. Das habe ich bewußt bejaht.

Wer also eine Beschwerde vorbringen will wegen eines Begriffs, bitte auf mich draufhauen. Frau Merkau konnte absolut nichts dafür und hat sich sehr sensibel und korrekt verhalten. Deshalb hier ein Kompliment an die Crew des Frühstücksfernsehens, die mit dem Thema nach meinem Empfinden sehr gut und sensibel umgegangen ist.

Mich stört es immer wieder, dass Menschen sich oft mehr über Begriffe aufregen, die von Betroffenen selbst verwendet werden, aber kaum über das Stigma diskutieren, das immer noch in der Bevölkerung herrscht.

Es ist nichts gewonnen, wenn alle von „ausderpsychiatrie“ sprechen, aber jeden depressiven Menschen immer noch für faul, dumm oder verrückt halten.

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar wie jede andere Krankheit auch. Menschen mit Depressionen können dennoch produktiv sein, sind für niemand anderen ausser sich selbst eine Gefahr und würden gerne so behandelt werden, wie z.B. jemand mit einem Beinbruch. Wenn also jemand mit mir spricht und von der Klapse redet, dann ist das für mich kein Problem. Wohl aber, wenn er mir Motivation, geistige Klarheit, Intelligenz oder den Willen abspricht, gegen die Krankheit zu kämpfen.

Raul Krauthausen ist mir da Vorbild, er hat sogar mal explizit Rollstuhlfahrerwitze gesammelt. Weil es eben mehr auf den Ton, auf die Einstellung zur Person ankommt. Ein Mensch, der verständisvoll ist, aber von Klapse spricht ist mir tausend mal lieber, als jene vielen Betroffenen, die zwar von Krankenhaus oder Psychiatrie sprechen, mich aber wie einen Aussätzigen behandeln.

Und schliesslich: Eines hat der Begriff und der Hashtag #ausderklapse ja erreicht. Es wird diskutiert. Wenn wir es jetzt noch schaffen würden, weniger über political correctness und mehr über Toleranz, Verständnis und Entstigmatisierung zu diskutieren, dann könnte ich sagen: Mission erfüllt.

Ich rede weiter liebevoll von meiner „Klapse“, die mir das Leben gerettet hat.

 

6 Gedanken zu „Warum Klapse für mich kein negativer Begriff ist und SAT1 keinen Fehler gemacht hat#8220;

  1. @claudine
    Zu deinen Worten „vorbild sein“ und „Krankheit hinter dir lassen“
    Ich finde deine Aussagen ziemlich befremdlich.Zum Vorbild nehmen ist eine ureigene persönliche Haltung! ich kann Mutter Theresa und den Dalaii Laama zum Vorbild haben, ohne Ordensfrau oder Buddhist zu sein. Es geht hierbar doch nicht um Äusserlichkeiten! Es geht um eine innere Haltung, eine Lebenseinstellung.
    Zu dem Satz: “ Du kannst deine Krankheit hinter dir lassen!“ fällt mir wenig ein. sie trifft auch mich wie ein Schlag in die MAgengrube.
    Manche haben dieses Glück tatsächlich! Wenn es sich um eine einmalige Episode handelt!! Bei einer rezidivierenden Depression kannst du lernen irgendwie damit zu leben, manche kann auch das nicht, weil der Schmerz zu groß ist. Die Folgen davon sind in den Statistiken der häufigsten Gründe bei Suizid zu finden.

  2. Burkhard, das kann ich nicht nur akzeptieren, so wie du es darstellt hast du ein valides Argument. Was mich stört ist die Agressivität, mit der manche angreifen. Das ist schlimmer als so manch falsch verwendete Wort. In diesem Sinne, danke für deinen Kommentar, er ist ein wertvoller Diskursbeitrag.

  3. Sorry nein, meine Depression wird mich ein Leben lang begleiten, ebenso meine generelle Angststörung und die Agoraphobie und das vermute ich nicht nur, das wurde so diagnostiziert. Und Raul ist ein Vorbild. wer mir Vorbild ist, bestimme ich alleine. Oh und in meiner Klinik sprach so manch ein Pfleger von unserer „Klapse“.Hinter mir lassen, stimmt, meine psychische Krankheit ist ja so leicht loszuwerden. DAS ist diskriminierend.

  4. Wie heute schon mal auf Twitter angesprochen, so einfach ist das aber nicht.

    Du als Betroffener darfst das Wort „Klapse” benutzen, so wie sich ein Mensch mit einer körperlichen Deformation als „Krüppel” bezeichnen darf. Man spricht dann von einem Geusenwort. Deswegen dürfen das Wort aber andere Unbeteiligte noch längst nicht auch verwenden.

    Sp nett es ist, dass Du Dich vor die Moderatorin stellst aber als ernstzunehmende Journalistin hätte sie das wissen müssen und hätte Dir diese Frage überhaupt gar nicht vorab stellen dürfen. Ihr hätte sehr wohl klar sein müssen, dass sie diesen Begriff als nichtbetroffene Person nicht verwenden darf. Punkt.

    Ansonsten wäre es einfach schön, würde man aus Respekt vor den Menschen, die eh schon ständig in ihrem Leben sich aufgrund ihrer Krankheiten (das betrifft ja nicht nur Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen) mit einer nicht so ganz konform damit umgehenden Umwelt klar kommen müssen, nicht wieder die hart weggekämpften Holzscheite in den Weg legen.

    Also vielleicht einfach mal nicht von sich auf andere schließen. Für Dich mag der Begriff „Klapse” salopp und lustig gedacht sein – für den Buchtitel ist er auch okay. Für viele andere ist er es aber nicht. Vorrangig für die Menschen nicht, die in den Kliniken mit harter Arbeit versuchen, die Menschen wieder gesunden zu lassen und viel Energie darauf verwenden müssen, den Patienten das Stigma zu nehmen – weil sie eben mit ihrer Erkrankung in eine Spezialklinik gehen musste. Vielleicht ist’s auch denen höflicher gegenüber, bezeichnete man deren Arbeitsumfeld nicht mit der Gossensprache?

    Und vor allem daran denken: auch in diesem so fortschrittlichen Land gibt es immer noch sehr viele Gegenden mit Menschen, die haben mit diesem Krankheitsbild der psychischen Erkrankung so wenig Erfahrung, dass sie mit Erkrankten so wenig umgehen können, dass sie diese mit einer unsäglichen Wortwahl wie „der war in der Klapse” zu treffen versuchen in ihrer ureigenen Schwäche. Solche Menschen spielst Du natürlich damit ein Stück weit wieder „Legitimierung” zu – willst Du das wirklich? Und kannst Du Dir vorstellen, das ein privater TV-Sender das u. U. sogar absichtlich tut (und Dich eventuell damit instrumentalisiert)? Immerhin reden wir hier von einer Produktionsfirma, die Claus Strunz untersteht.

    Ich halte es übrigens mit dem Sprachgebrauch mit dem Absatz meines Blogartikels (in dem es damals um die Diskussion des Wortes „Negerkönig” in den Pipi Langstrumpf-Büchern ging)

    https://holyfruitsalad.blogspot.de/2013/01/der-sudseekonig.html

    Kurz: in dem Moment in dem mir ein Betroffener signalisiert, er fühlt sich nicht wohl mit dem Gebrauch eines Wortes, weil es für ihn Stigmatisierung bedeutet: einfach einen Gang zurück schalten.

    Ach und noch etwas: Raùl Krauthausen kann Dir da kein Vorbild sein. Der Mann wird sein Leben lang mit seinem Genddefekt und den daraus resultierenden körperlichen Merkmalen leben. Du kannst Deine Krankheit hinter Dir lassen. Es ist etwas ganz anderes, wenn er persönlich für sich seinen Humor pflegt. Ein Maßstab kann das deswegen noch lange nicht für Dich sein. Die Hintergründe sind deutlich andere.

  5. Guten Tag.
    So wie Du das begründest, ist es nachvollziehbar. Und ich respektiere das.
    Grundsätzlich werde ich aber dennoch bei der gegenteiligen Meinung bleiben und diese auch vertreten.
    Sprache beeinflusst und schafft Wirklichkeit!
    Diskriminierungsfreie Sprache ist von daher für mich ein MUSS.
    Und, um auch das mal klar zu sagen: die Beschäftigung mit Sprache schließt KEINESWEGS die Ebene des anderweitigen Handelns aus!
    Ansonsten alles Gute Dir und weiter so!
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.
    (war auch mehrfach in der „Klapse“)

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