Tut mir einfach nicht mehr weh

 

Was man für mich tun kann. Jeder fragt das. Nein, nicht jeder, nur die, denen etwas an mir liegt. Sicher, diese Frage ist unnötig, denn man kann selten etwas für mich tun. Meist reicht es, etwas zu lassen. Lasst es, mir weh zu tun. Lasst es, mich durch Worte, die manchmal mehr verletzen können als ein scharfes Schwert tief in meiner Seele zu treffen.

Aber eigentlich habe ich kaum Hoffnung. Zu lange schon erlebe ich, dass immer wieder Ignoranz, Selbstverliebtheit oder pure Dummheit mir einen Dolch in meine Seele rammen. Wenn einem vorgeworfen wird, man sei Minderleister, man passe nicht zu „den anderen“, sei faul, dumm, zu nichts nütze.

Lasst es einfach. Davon hatte ich genug. Seit ich mich erinnern kann, habe ich gegen diese Windmühlen gekämpft. Habe zu spüren bekommen, nicht gewollt zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht schlau genug, nicht gehorsam genug. Obwohl alles Bullshit war, frisst sich so etwas tief in die Seele eines Menschen, gerade, wenn er noch jung ist.

Irgendwann hat sich meine Seele in einen harten Panzer zurückgezogen, hat gelernt, dass man entweder 100% funktioniert, oder nicht da ist. Es gab keine physische Gewalt. Und die psychische war oft unreflektiert bis unerkannt. Ich habe gelernt, Menschen nicht zu vertrauen. Immer wieder kam er, der Dolchstoß, der Schlag ins Gesicht. 1.95m gross, Linkshänder, unsportlich, kein Fussballfan, kein Autofan, kein Interesse am Saufen und immer freundlich bis höflich zu Frauen. Klar, die Prolls kriegten die tollen Mädels ab, bei denen ich dann der gute Freund war, der getröstet hat. Und hey, es machte mir nichts aus. Denn wenn man selbst seelischen Schmerz als Teil jedes verdammten Tages erlebt, dann ist man sehr sensibel gegenüber seelischem Schmerz, der anderen zugefügt wird.

Ich weiß nicht, ob ich dadurch hochsensibel wurde oder es schon immer war. Aber meine Antennen arbeiten auf 200%, ich spüre Agression, Schmerz, Trauer, wenn andere davon noch nicht mal etwas ahnen. Nein, das ist kein Talent, das ist ein höllischer Fluch. Und irgendwann glaubte ich all das, glaubte ich dumm, schlecht zu sein.

Ich habe sogar einen IQ Test gemacht. Nicht um zu erfahren, wie klug ich bin. Oh nein, sondern die Bestätigung zu bekommen, wie dumm ich wirklich war. Und als der Test ergab, ich sei im Gegenteil hochbegabt, hab ich mich nicht gefreut. Quatsch, es lag am Test, der falsch war.

Mit der Zeit lernte ich, dass ich schlicht nur mir selbst vertrauen kann, und habe es stets so gut es geht vermieden, von anderen Menschen abhängig zu sein (das Berufsleben ist da ein Horror für mich, da ich da in einer einzigen, großen und oft ungerechten Abhängigkeit von Fremdurteilen bin. Ich sage nur „Der Herr Hauck braucht Regeln“ Bäääämm)

In meinem ganzen Leben hat es nur eine Seele geschafft, meinen Panzer zu knacken, und das auch erst, als sie mir wortwörtlich das Leben rettete und mich danach nicht verließ. Seit jenem fatalen Februartag ist Sibylle der einzige Mensch in meinem Leben, der mein 100% Vertrauen genießt. Und wird es wohl auch bleiben.

Mein Buch, es ist eine späte Genugtuung, eine echte, physische präsente Wiederspiegelung meiner Gaben und Talente, die immer da waren, die ich aber bis heute nicht wirklich anerkennen kann. Das Lob meiner Leser, meiner Lektorinnen. Es tut gut, aber es kommt nicht durch, durch den Seelenpanzer in dem der kleine Uwe gefangen ist und unter Tränen darum bittet, endlich in Ruhe gelassen zu werden, endlich frei sein zu dürfen.

Aber die Wunden, die Schmerzen sitzen zu tief in meiner Seele, als dass ich sie jemals ganz loswerde. Der kleine Uwe wird wohl immer ein Gefangener in mir bleiben, der jetzt zumindest in guten Zeiten etwas Trost, etwas Genugtuung erfährt.

Also, wenn ihr wissen wollt, wie ihr Depressionen, Angststörungen, Suizide verhindern könnt, es ist ganz einfach:

TUT UNS EINFACH NICHT MEHR WEH.

 

 

4 Gedanken zu „Tut mir einfach nicht mehr weh#8220;

  1. Du hast mir aus der Seele gesprochen. Danke dafür. Depressionen sollten endlich aus der Tabuecke rausgeholt werden. Dein Buch ist ein wertvoller Beitrag dazu. Danke für deine Ehrlichkeit.

  2. @Ute Definitiv, es geht ja nicht darum, meine Depression zu verstehen, sondern zu akzeptieren, dass ich mit Problemen zu kämpfen habe, die andere nicht nachvollziehen können und statt Minderleister zu rufen zu verstehen, dass es andere Dinge gibt, die ich gut kann. Meine Depression hat mich definitiv kreativer gemacht als ich es ohne sie geworden wäre. Und neugieriger. Viel neugieriger.

  3. Danke, für die tiefen Einblick in Deine Gedankenwelt. Ich konnte daraus sehr viel lernen. Schade nur, dass so wenig die Gelegenheit (noch) nicht ergriffen habe. Die Welt könnte eine viel besser sein.

  4. Mit einem Satz ist „eigentlich“ alles gesagt:Tut uns einfach nicht mehr weh. ABER: Man kann nicht verlangen, dass man uns versteht. Wer kein wirkliches Interesse an einem depressiven Menschen hat, hat auch kein Interesse am Verstehen – oder verstehen wollen.Solange man „normal“ funktioniert, ist alles okay. Aber wehe dem, die Depri-Phase kommt. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich habe auch das Glück, dass mein 2. Ehemann, mit dem ich seit 17 Jahren zusammen bin, genau weiß, er muss mich dann einfach nur in Ruhe lassen; es wird auch wieder besser. Ganz enge Freunde wissen das auch. Und die, die kein Interesse am Verstehen haben, die haben auch kein Interesse an mir als Person. Ich bin auch hochsensibel und wenns mir gut geht, immer für andere da. Wer für mich dann da ist, wenns mir mal schlecht geht, die kann ich – und das auch nur bedingt, an einer Hand abzählen. Der Wichtigste ist dabei mein Mann, dem ich sehr dafür danke.
    Wie ich immer sage: Wer keine Depressionen hat, kann sich nicht hineinversetzen, aber wer Interesse an dem bestimmten Menschen hat, wirds versuchen.
    Ich wünsch dir alles Liebe. Bleib aufrecht!

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