Kein Mitleid, kein Mitgefühl und schon gar keine Gnade

Ich habe Depressionen, ich hatte sie schon und werde sie auch zukünftig haben.

wetter
Und meinen Ängsten muss ich mich jeden Tag aufs neue stellen.

Deshalb spart euch bitte euer Mitgefühl. Denn würdet ihr wirklich mitfühlen, ihr könntet mit mir in die Therapie. Die Dunkelheit, die Wertlosigkeit, das Gefühl, auf trockenem Land zu ertrinken. Das kann man nicht mitfühlen. Es zu behaupten ist verletzend, weil es das eigene Empfinden entwertet, es zu etwas macht, das jeder nachvollziehen kann. Wenn es aber mal darauf ankäme, es nachvollziehen zu können, erfährt man als depressiver Mensch sehr schnell, wie wenig wahres Mitgefühl übrig bleibt.  Dann trifft man sehr schnell auf Unverständnis, auf dumme Sprüche wie „stell dich nicht so an“ oder „du hast mir das doch schon früher gesagt, warum war es denn jetzt so schlimm“. Solche Formen von Mitgefühl sorgen eher dafür, dass der Boden für das schwarze Loch, in dem die Depression lauert noch weiter aufgerissen wird, sorgen dafür, dass der Stoß noch etwas stärker ist, der einen in den Spalt stürzt.

Und erst das Mitleid. Ich kann es nicht ausstehen, auf den Tod nicht. Wobei. Tod, aber lassen wir das.wolken

Mitleid entwertet mich, Mitleid macht mich klein und den angeblich Mitleidenden groß. Denn Mitleid ist mit einem depressiven Menschen schlicht nicht möglich, es sei denn, man hat selbst Depressionen und dann leidet man nicht mit, sondern für sich selbst. Weil für sich selbst schon schlimm genug ist.

Und fast alle, die sich einem voller Mitleid zuwenden, erwarten dann Dankbarkeit. Und dass man ob des empfundenen Mitleids voller Demut an seiner Heilung arbeitet. Verdammte Axt, das tun wir auch ohne Mitleid. Aber es ist nicht so einfach, wie die vielen Mitleidenden es sich denken. Wenn alles schwarz in grau ist, wenn die inneren Schmerzen wie ein Sonnwendfeuer lodern und man eigentlich nur noch endlose Ruhe herbeiwünscht. Dann kommt mir nicht mit Mitleid. Den Brand würdet ihr nicht überleben.

Und vor allem, lasst das mit der Gnade, der Rücksicht, dem Anfassen mit Samthandschuhen. Oh wie gnädig, einen depressiven Menschen besonders zu behandeln. Oh wie gnädig, ihn  zu schonen, ihn als Kranken zu behandeln. Oh wie scheiße. Wir sind krank, ja, aber die Krankheit sind nicht wir. Ich habe eine Depression, ich bin nicht depressiv, ich bin nicht die Krankheit. Ich bin so viel mehr. Ich habe mich durch Jahrzehnte gekämpft und es geschafft, eine Familie zu gründen, einen Beruf zu finden, ja sogar ein Buch zu schreiben. Also keine Gnade.

Was denn dann?

Seid da. Die, die ihr mich wirklich wertschätzt, die ihr mich auch mit meiner Depression mögt. Seid nur da. Helft, wenn ich Hilfe brauche und darum bitte aber lasst das, was viele machen. Die ungefragten Ratschläge, die Hilfen die keiner will.

Ihr müsst nicht bei mir sein, es genügt, wenn ich euch schreiben kann, wenn ich weiß, dass ihr Verbündete im Geiste seid. Ein digitaler Kontakt, der es ehrlich meint und auch physisch da ist, wenn ich Präsenz brauche ist mehr wert als 5 physische Kontakte, die nur den Arschloch Modus kennen.

Wir wollen leben wie alle anderen auch. Wir werden tiefer sinken und manche von uns werden höher steigen, als der „Normale“.sonne

Aber wir werden, wir können leben. Welche Regeln wir dafür brauchen, das bestimmen wir, nicht irgendwelche Pseudoexperten, die von nichts eine Ahnung haben.

Wer wirklich zu uns steht, hat eines begriffen: Den Kampf gegen die Depression können wir alle nur alleine führen. Aber es tut gut, Weggefährten zu haben, die da sind, die ein Stück des Weges mit uns gehen ohne Mitleid, ohne Mitgefühl, ohne Gnade. Aber mit offenem Herzen und offenen Augen.

Denen, die den Weg mit mir gehen, und ich denke ihr wisst, wer gemeint ist: Danke.

Allen anderen ein gepflegtes: Bugger off.

2 Gedanken zu „Kein Mitleid, kein Mitgefühl und schon gar keine Gnade#8220;

  1. „Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Tiere, ist der Egoismus, d. h. der Drang zum Dasein und Wohlsein.“

    Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

    „Die Selbstsucht besteht nicht darin, dass man lebt, wie man will, sondern dass man von anderen verlangt, sie sollen leben, wie man will.“

    Oscar Wilde (1854 – 1900)

    Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, indem er eben nicht in der Natur, sondern in einer arbeitsteiligen Kultur lebt, die er sich zusammen mit vielen anderen Menschen künstlich aufbaut. Bisher hat der Kulturmensch die Erfahrung gemacht, dass sein „Drang zum Dasein und Wohlsein“ immer wieder mit demselben Drang der anderen kollidiert. Doch anstatt die bisherige Form der Arbeitsteilung in Frage zu stellen, stellt der Mitleidsethiker den Egoismus in Frage, was dazu führt, „dass man von anderen verlangt, sie sollen leben, wie man will“. Damit entlarvt Oscar Wilde die Mitleidsethik des Arthur Schopenhauer als das, was sie ist.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/04/die-kunst-ein-egoist-zu-sein.html

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