UPDATE:Meine Depression und ich

Ein Freund, der in schweren Zeiten nicht zu dir steht ist kein Freund. Aus: Regeln eines Durchgeknallten. Band 24, Seite 42

Merke: Die Welt ist eingeteilt in Normale und Verrückte. Die Einteilung nehmen die Verrückten vor.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich es als mein Geheimnis bewahren soll, oder doch öffentlich machen. Der erste Impuls, damit an die Öffentlichkeit zu gehen kam von der wunderbaren @jenashotgun mit ihrem Hashtag #notjustsad. Das hat mich dazu bewogen, auch über meine Depression zu schreiben. Dann war da Ben Wettervogel, dessen selbstgewählter Freitod mich zutiefst erschütterte.
Aber erst seitdem ich freiwillig hier in den Weissenhof Kliniken bin, ist mir bewußt geworden, wie wichtig es ist, die Stimme zu erheben und Depression aus der Schmuddelecke des nicht mehr ganz richtig im Kopf seins zu holen.
Und erst hier lerne ich nach und nach, mit meiner Depression als echter Krankheit jenseits von „Du bist doch krank im Kopf“ zu leben.

Ja, es ist nicht leicht für einen depressiven Menschen, dieses Leben. Und für die Angehörigen ist ein depressiver Partner eine große, eine sehr große Herausforderung. (Deshalb nochmal mein zutiefst empfundener Dank für meine Frau, die mir so viel Kraft schenkt und in meinen dunklen Stunden stets ein kleines Lebenslicht darstellt)

Und ja, es gibt verhältnismässig viele Freitode unter Depressiven.
Aber ich bin sicher, viele davon ließen sich verhindern, wenn endlich offen und ehrlich über Depressionen gesprochen würde. Aber in den meisten Fällen ist die Depression immer noch ein Tabuthema.
Depression ist nicht ansteckend, aber könnte nach neuesten Forschungen vererbbar sein. Ob aus einer vererbten Depression sich aber tatsächlich eine echte Depression entwickelt, ist längst nicht sicher. Depressionen gefährden vor allem die Person, die daran leidet. Das Umfeld ist wenig gefährdet, maximal durch die belastende Situtation.
Ein Mensch, der nie eine Depression erlebt hat, kann schwer nachvollziehen, wie sich das anfühlt. Nichts hat mehr Bedeutung, nichts Wert, schon gar nicht die eigene Person. Alles, was im normalen Alltag gut, wichtig, relevant ist, ist nichts. Man kann sich schwer konzentrieren, da der Verstand meist um sich selbst kreist. Direkte Hilfe ist schwer, Sätze wie „Nun reiss dich mal zusammen“ oder „Ist doch alles halb so wild“ helfen nicht, sondern entfremden nur noch mehr.
Was aber hilft, ist da sein für den Depressiven. Sich auch mal mit ihm gemeinsam vor der Welt da draußen zu verkriechen. Depressive sind nicht zwangsläufig Selbstmörder. Aber wenn das Umfeld sich immer mehr abkapselt, wenn da niemand mehr ist, der zu der depressiven Person hält oder das Umfeld den Druck immer weiter erhöht, dann mag für manch Depressiven der Selbstmord die letzte Chance sein.

Doch es ist ein Irrtum zu glauben, Depressive würden ihren Freitod immer ankündigen. Solange noch solche Signale kommen, ist es nicht so weit. Erst wenn ein Depressiver, der zuvor vom Freitod sprach plötzlich das Thema meidet, dann sollten Angehörige genauer hinsehen.

Update: ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, wer von Selbstmord spricht, so nicht gefährdet. Auch hier ist höchste Alarmstufe. Mir ging es darum, dass es schlicht keine zuverlässige Vorwarnung für einen Selbstmordversuch gibt. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche.

Depression ist eine Krankheit, die zwar nicht heilbar, aber kontrollierbar ist.

Ja, ich bin in den Psychologischen Kliniken in Weissenhof aber das ist nicht gleichbedeutend mit unheilbar verrückt. Im Gegenteil, ich habe selbst entschieden,hier den Kampf gegen meine Depression aufzunehmen. Ich kann sie wahrscheinlich nicht besiegen, aber im Schach halten und das ist mehr, als ich in der Vergangenheit schaffte.
Ein Mensch, der sich seine Depression als Krankheit eingesteht ist nicht schwach sondern sehr stark. Er hat den Mut gefunden, sich mit der Depression als Krankheit auseinanderzusetzen. Und er hat anerkannt, dass es ein Kampf ist, der Höhen und Tiefen hat.

Schweigen wir nicht länger über Depression, reden wir darüber, denn so können wir mit Sicherheit das eine oder andere Menschenleben retten.

Hier mein Angebot: Sobald ich mit meiner eigenen Depression einen Nichtangriffspakt geschlossen habe biete ich mich und mein Wissen, meine eigenen Erfahrungen zu Depression jedem an, der etwas mehr darüber erfahren will. Seien es Schulen oder Firmen, Barcamps oder Schulungen. Fragt mich, ich berichte gerne.

Lasst uns den Kampf gegen das Todschweigen einer Krankheit beginnen, die von den reinen Zahlen an Betroffenen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, aber immer noch mit dem Mantel des Schweigens bedeckt wird.

Noch arbeite ich an mir. Aber ich denke zur Mitte des Jahres werde ich den Kampf gegen das Schweigen aufnehmen, für alle die an Depressionen und dem Schweigen darüber leiden, für alle, die sich mit ihrer Krankheit alleine gelassen fühlen, für alle, die als Antwort auf „Ich bin depressiv“ ein „reiss dich doch mal zusammen zu hören bekommen.“

Und noch was : Ein depressiver Mensch, der gelernt hat, mit seiner Depression umzugehen (sic) ist genauso leistungsfähig wie jemand ohne Depression. Mein Arbeitgeber weiß das, aber viele fürchten sich vor dem Schritt an die Öffentlichkeit, weil eben manche Arbeitgeber das noch nicht erkannt haben

Mein Dank gilt allen Menschen, die sich um die Gesundheit anderer, sei es physisch oder psychisch kümmern. Ihr macht einen der bedeutsamsten, wichtigsten Jobs überhaupt. Insbesondere gilt mein Dank allen auf der P2 und der P20 der Weissenhof Kliniken.
Mein Arbeitgeber unterstützt mich unglaublich und gibt mir die Zeit zur Genesung ohne Angst um meinen Arbeitsplatz haben zu müssen. Ebenso habe ich wundervolle Kollegen und Freunde, die auch in der Klapse noch den Kontakt halten.
Am dankbarsten bin ich aber meiner Frau und unseren drei wundervollen Kindern gegenüber, die so voller Liebe und Verständnis sind. Ihr seid das allerwichtigste in meinem Leben.

Update 2: Mittlerweile (6.3.2015) bin ich wieder stabil und darf sogar bereits einen Tag am Wochenende nach hause. Nennt sich Belastungstest. Wobei ich mich insgeheim grinsend frage, wer da getestet werden soll.

Auf jeden Fall arbeite ich mittlerweile schwer an mir, und denke, dass ich auf einem sehr guten Weg bin, auch dank all jenen, die mich real wie virtuell begleiten. Twitter sollte wirklich als Therapieform anerkannt werden.

#notjustsad

8 Gedanken zu „UPDATE:Meine Depression und ich#8220;

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  3. Dann kann ich dich beruhigen. In der Beziehung ist sowohl meine direkte Vorgesetzte als auch die Personalabteilung vorbildlich. Und sie wissen alle Bescheid. Bedingt auch durch den Grund für meinen Aufenthalt. Aber ja, du hast recht. Nicht bei jedem Arbeitgeber geht das. Muss aber auch nicht, da es keine Pflicht gibt.

  4. Danke Uwe für die ersten offenen Worte und den mutigen Schritt anderen aufzuzeigen wie für Dich die Depression ist. Aus eigener Erfahrung kann mit Dir fühlen und weiß wie es einem geht. Nicht alle Ärzte sehen die Signale, ich musste einige Male den Hausarzt wechseln bis er bei mir auch eine Depression hat feststellen können und seitdem kann ich viel besser damit umgehen, bin sogar noch effektiver beim Arbeiten geworden – und arbeite inzwischen auch in einem Unternehmen das auf die Mitarbeiter hört und sich um sie sorgt.
    Viele Chefs und Unternehmen müssen endlich umdenken und realisieren dass eine Depression nicht gleich bedeutet das der Arbeitnehmer von einem auf den anderen Tag unproduktiv oder unbrauchbar ist. Wer auf Menschen eingehen und zuhören kann, erreicht viel.

    Bin in Gedanken weiterhin bei Dir, würde auch Deine Erfahrung darüber vielleicht mal beim BleibGesundCamp vom Jan in Esslingen hören. Viele liebe Grüße und Danke das wir bei diesem Bereich mit daran teilhaben können.

  5. Danke und viel Erfolg auf deinem persönlichen Weg, Uwe!

    Du schreibst, dein Arbeitgeber würde wissen, dass depressive Menschen genauso leistungsfähig sind wie andere. Gegenthese: Dein direkter Vorgesetzter ist kein Psychopath (Glückwunsch!) und er mag dich. Er kennt deine Leistungsfähigkeit und ist bereit, selbst auch Aufwand zu betreiben, damit du vollwertig arbeiten kannst. Er ist ein sozialer Mensch und (d)ein Freund. Hake es nicht ab unter „sollte doch normal sein“, sondern sei dankbar und zeig es ihm!

    Ich beschäftige mich – aus aktuellem persönlichen Anlass – intensiv mit der Rolle von Arbeitgebern/ Chefs bei Depressionen.Und nach meiner Erfahrung ist es ziemlich egal, welches Regelwerk offiziell bei einem Arbeitgeber verankert ist. Entscheidend ist nicht, was die HR’ler auf ein Stück Papier geschrieben haben, sondern welche Manager sie im System verankert haben.

    – Während einer depressiven Episode ist der Arbeitnehmer nicht so leistungsfähig wie sonst. Ist so, kannst du nicht abstreiten. Entweder es kommt weniger raus oder man muss sich sogar krankschreiben lassen. Je nach Intensität.
    – Es gibt Vorgesetzte, die sich ausschließlich auf diese Zeitfenster kaprizieren und deshalb ausgesprochen heftig reagieren. Sie verstehen das nicht, halten den Mitarbeiter für eine tickende Zeitbombe hinsichtlich der Abrufbarkeit von Leistung und wollen ihn loswerden.
    – Sie erkennen die sonst erbrachte Leistung (die oft sogar deutlich höher ist als der Schnitt, sh. Burnout) nicht an. Sie nehmen deine drei pro Tag ausgerissenen Beine gerne mit und treten dir in den Allerwertesten, sobald du damit aufhörst. Du bist mein Freund/ bester Mitarbeiter, solange du mir nutzt. Nutzt du mir gerade nichts, brauch ich dich auch nicht mehr.
    – Auch wenn die Personalabteilung sich um den Depressiven bemüht, so tut sie sich schwer, wenn der direkte Vorgesetzte den Menschen nicht (mehr) will. Ruck-zuck wird da ein Leistungsträger, der regelmäßig Prämien kassiert hat, zu einem Minderleister und Störenfried herabgeredet. Um allen Beteiligten irgendwie gerecht zu werden, wird für den Mitarbeiter dann eine andere Abteilung gesucht. Angepriesen wie sauer Bier. Einen guten Start beim neuen Chef, der jetzt schon weiß, dass der Mitarbeiter nix taugt!
    – Und so spiralen wir uns abwärts in der Karriere. Denn eines kann der Depressive nicht, wenn es ihm gerade nicht gut geht: sich wehren. Äußerer Auftritt: Ist doch eh egal. Innere Befindlichkeit: Sie schätzen/ lieben mich nicht.
    – Und weil sie mich nicht schätzen, reiße ich mir künftig die Beine auch nicht mehr für sie aus. Blöderweise entspreche ich dann nicht mehr meinen eigenen Ansprüchen…

    Im schlimmsten Fall triffst du auf einen (oder mehrere) Vorgesetzte, die eine Stufe der Beförderung erreicht haben, die ihre psychopathischeren Seiten hervorgebracht hat. Wenn Hybris oder Narzissmus eines Vorgesetzten auf eine Depressionsdisposition beim Mitarbeiter treffen, dann wird der Mitarbeiter in aller Ausführlichkeit erfahren, was der Volksmund meint mit „der treibt mich in den Wahnsinn“.

    Ich arbeite in einer Firma, die offiziell eine extrem Mitarbeiter-freundliche Einstellung hat, bei der Burnout und Depression Themen in der Personalabteilung sind. Es gibt Beratungsangebote und Hilfestellungen für Betroffene, aber auch für die Vorgesetzten. Besser kann man sich als Firma nicht aufstellen! Und dennoch habe ich den oben beschriebenen Mechanismus jetzt schon x-mal gesehen und persönlich erlebt. Die besten offiziellen Verlautbarungen helfen nichts, wenn sich in der Praxis eine andere Kultur etabliert hat. Ich kann in diesem Kontext auch das neueste Buch von Gunter Dueck „Schwarmdumm“.empfehlen, das erklärt einiges sehr schön.

    Deshalb meine Empfehlung:
    – Oute dich nur, wenn dein direkter Chef sich durch rationales Denken und das Annehmen von Vorschlägen qualifiziert hat. Wenn er deine Leistung schätzt und dich wirklich gerne hat.
    – Lass es unbedingt, wenn er irgendwelche Verhaltensweisen zeigt, die darauf schließen lassen, dass er sich selbst für den Größten und Besten hält.
    – Wenn du dich geoutet hast und dein Chef verhält sich großartig, dann lobpreise den Herrn! Nimm es nicht als selbstverständlich im Sinne von „müsste doch eigentlich normal sein“. Wir sind noch sehr weit weg davon, also lobt und pflegt all diejenigen, die das wünschenswerte Verhalten zeigen.
    – Und wir sollten aufhören so zu tun, als wären wir in einer depressiven Episode immer noch leistungsfähig. Sind wir nicht, das hilft der Diskussion nicht. Es kann aber trotzdem sein, dass jemand mit Depression in Summe übers Jahr mehr Leistung erbringt als jemand, der keine Ausfallzeiten hat. Oder auch nicht. Wir sollten den Arbeitgebern schon so weit entgegen kommen, dass wir diesen Aspekt unserer Krankheit nicht pauschal schön reden.

    Viele Grüße
    SusiSorgenlos 😉

  6. Gerne möchte ich das ausführlicher kommentieren, bin aber einfach noch nicht so weit. Aber ich habe diesen Beitrag hier gelesen – gern und sehr interessiert. Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft und eine weiterhin so guttuende „Umgebung“.

  7. Dass sich die umbringen, die das Thema Suizid auf einmal meiden, ist aber genau so eine Verallgemeinerung und ein Klischee wie dass Suizide immer angekündigt werden. Im Endeffekt kommt es wohl auf den einzelnen Menschen an, ob er einen Suizid ankündigt, vielleicht auch nur indirekt, oder ohne jeden Hinweis darauf fürs Umfeld versucht sich das Leben zu nehmen – das Meiden des Themas könnte nämlich neben der Warnfunktion noch andere Gründe haben, zB den selbstfürsorglichen Versuch, Trigger-Themen zu meiden um die eigenen Gedankenspiralen unter Kontrolle zu bekommen.

    Genau hinsehen soll und muss man unbedingt auch bei denjenigen, die von Suizid sprechen und ebenfalls bei denen, denen es einfach nur schlecht geht, ohne dass sie jemals von derartigem sprechen. Es gibt da einfach nicht nur den einen einzigen Warnhinweis, auf den Angehörige achten sollten… Die Formulierung, dass es „noch nicht so weit ist“, wenn jemand noch von Suizid spricht, finde ich darum in diesem Kontext ziemlich schwierig.

  8. Sehr guter Artikel!

    Der offene Umgang mit Deiner Erkrankung nötigt mir größten Respekt ab. Nur wenige Menschen finden den Mut, so offen damit umzugehen. Dabei ist die Stimme der Betroffenen extrem wertvoll – nur so lernen wir den selbstverständlichen Umgang mit einer Erkrankung, die nicht gerade wenige Menschen betrifft (viele davon haben sicher ein Problem es sich einzugestehen und noch größere, ihre Krankheit gegenüber ihrem Umfeld sichtbar zu machen).

    Ich ziehe den Hut vor Dir!

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