Selbstverwirklichung zwischen Egoismus und Helfersyndrom

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Auch der Besuch von Barcamps und das Bloggen sind Teil meiner ganz persönlichen „Selbstverwirklichung“. Aber hier gilt, die Familie darf nicht leiden.

Johannes Korten schätze ich sehr, auch für seine manchmal sehr tiefen Gedanken. So hat mich sein Blogbeitrag „Selbstverwirklichung, auch so ein Thema“ gedanklich ziemlich lange beschäftigt. So lange, dass ich einfach ein paar dieser Gedanken verbloggen musste, und auf Diskussion, Reflektion, Feedback von euch Lesern hoffe. Ich will hier keine Blogparade draus machen, aber das Thema ist für mich bedeutsamer, als es mir auf den ersten Blick schien.

Zunächst einmal hat Selbstverwirklichung in meiner Warnehmung oft einen negativen Beigeschmack, wie auch Johannes schon feststellte. Wobei ich hier einschränken möchte, so lange es sich um eine berufliche Selbstverwirklichung in Form einer Karriere handelt wird das viel leichter akzeptiert, als im privaten Bereich. Manchmal scheint mir schon die Vernachlässigung privater und persönlicher Beziehungen und Interessen zu Gunsten der Karriere gesellschaftlich anerkannt, wohingegen jemand, der zu Lasten der Karriere private Selbstverwirklichung betreibt oft als egozentrisch, manchmal gar faul bezeichnet wird.

Andererseits, und da spreche ich auch aus eigener Erfahrung.  Wer nicht auch auf seine eigenen Bedürfnisse jenseits von Beruf und Karriere achtet, der setzt nicht nur seine Beziehungen aufs Spiel, sondern auch seine Gesundheit. Been there, done that, never again.

Andererseits kann man auch im privaten Bereich die Selbstverwirklichung übertreiben, vor allem, wenn man einen Teil seiner Erfüllung aus der Anerkennung anderer bezieht. Wie im Beruf ist hier vor allem derjenige gefährdet, der unter Perfektionismus und/oder Helfersyndromen leidet.

Aber für mich heißt Selbstverwirklichung in ihrer gesunden Form auch, eine gewisse Eigenliebe zu pflegen, ohne die man nicht wirklich offen, tolerant und gelassen auf andere zugehen kann.

Und ein weiterer Punkt ist für mich hier wichtig. Wer kann sich überhaupt selbst verwirklichen? In unserer heutigen, stark konsumorientierten Zeit fällt es extrem schwer, sich aus gewissen gesellschaftlichen Zwängen auszuklinken, nur weil man sie für sich als „hinderlich“ erlebt. Denn auch zur Selbstverwirklichung benötigt es Geld und oft sind Menschen gezwungen, die Selbstverwirklichung aufzuschieben, da sie sozialen und existenziellen Zwängen geschuldet zunächst fürs blanke Überleben arbeiten müssen. Selbstverwirklichung ist somit auch in gewissem Sinne Luxus, den man sich erst leisten kann, wenn man eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat.

Und wo hört die Freiheit der Selbstverwirklichung auf? Wann hindere ich mit meiner Selbstverwirklichung andere oder schade ich ihnen? Gerade als Partner, Vater und auch in meinen verschiedenen gesellschaftlichen Rollen muss ich immer auch darüber nachdenken, was meine Handlungen bei anderen bewirken. Gerade wer Kinder hat, hat sich auch darauf eingelassen, auf einen Teil seiner eigenen Selbstverwirklichung zu verzichten, weil er auch für das Kind oder die Kinder da sein will, ihnen Freiräume und Möglichkeiten schaffen. Das ist aber meist kein Opfer sondern als Teil der eigenen Selbstverwirklichung eingeplant (klingt etwas paradox, aber wer Kinder hat, versteht, wie ich es meine)

Zudem, wir sind oft auch bestimmten Zwängen unterworfen, die eine Selbstverwirklichung im Handeln und Denken zwar nicht verbieten, aber Konventionen auferlegen, die manchmal konträr zum eigenen Lebensideal stehen. So kann ich im bezahlten Beruf nicht einfach tun und lassen, was ich will, sondern werde für die Erledigung von Aufgaben bezahlt, die ich vielleicht im privaten anders oder gar nicht machen würde. Selbstverwirklichung hat also auch immer etwas mit persönlichen Freiräumen zu tun, mit der Möglichkeit zur uneingeschränkten Entfaltung.

Für mich ist und bleibt Selbstverwirklichung wichtig und richtig und jeder sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten, so er niemand anderem damit schadet sich selbst verwirklichen.

Was mir wirklich noch auf der Seele brennt ist, dass in einem doch eigentlich so reichen Land wie Deutschland viele Menschen noch nicht einmal die Möglichkeit zu echter Selbstverwirklichung haben, weil sie schlicht um die Existenz kämpfen müssen.

Wovon ich zudem überzeugt bin. Selbstverwirklichung geht überhaupt nicht ganz alleine. Denn vieles, was uns wichtig ist, benötigt einen sozialen Kontext. Wir brauchen Anerkennung, Liebe, Zuneigung und viele andere Empfindungen und nicht materiellen Dinge zum eigenen Wohlbefinden und auch das ist für mich ein großer Teil der Selbstverwirklichung. Gerade Zuneigung ist etwas, das eigentlich jeder Mensch in der einen oder anderen Form braucht und auch das gehört zur „Wirklichmachung“ des Selbst dazu.

Was denkt ihr?

2 Gedanken zu „Selbstverwirklichung zwischen Egoismus und Helfersyndrom#8220;

  1. „Aber für mich heißt Selbstverwirklichung in ihrer gesunden Form auch, eine gewisse Eigenliebe zu pflegen, ohne die man nicht wirklich offen, tolerant und gelassen auf andere zugehen kann.“ sehe ich genauso und da fällt mir ein passendes Zitat von Chaplin, zum Thema Egoismus, ein:

    „Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit,
 was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von Allem, 
das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. 
Anfangs nannte ich das „gesunden Egoismus“, aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.“

    Man sollte seine eigenen Prioritäten an aller oberster Stelle platzieren, erst wenn man sich selbst stark gemacht hat, kann man stark für andere sein und insbesondere ein Vorbild.

    Gruß

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