Vom Leben in zwei Kulturen: Online in der Offline Welt

In eigener Sache. Ich bin kein Digital Native.

Zumindest nicht, nach der landläufigen und wie so oft zum großen Teil falschen Definition, wie sie die Medien gerne heranziehen. Baujahr 1967 bin ich aber schon ab 1983 in intensivem Kontakt mit Computern geraten (VC 20, dann AMIGA). Habe mir, als es noch richtig teuer war einen Akkustikkoppler und einen Datex P Zugang besorgt, mich über Mailboxen ins Internet begeben, na ja, fast zumindest und habe so ziemlich jeden Schritt vom ersten Online Kreischen eines Modems bis hin zu den Google Anwendungen von heute durchgemacht.

Und von den Möglichkeiten und Chancen, die ich heute durch die neuen Technologien habe, wagte ich damals nur zu träumen.

Und dennoch fühle ich mich manchmal wie ein Alien auf einem anderen Stern. Immer wieder, wenn sich meine doch immer noch weitestgehende Offline Umwelt über meine Kenntnisse, mein Interesse oder meine Gadgets echauffiert oder amüsiert. Dabei muss ich sagen, es ist eigentlich traurig, wie wenig über die Möglichkeiten die Allgemeinheit und noch verstärkt die Allgemeinheit auf dem Lande weiß.

Denn jedes Mal, wenn ich einen Offliner dabei berate, der sich doch in das ach so gefährliche Umfeld des „Spielzeugs“ Smartphone wagt, stelle ich fest, wie überrascht und begeistert dieser von den Möglichkeiten ist. Die er dann aber nach einiger Zeit doch wieder nicht nutzt. Es ist wohl nicht tief genug im Hirn verankert, dass es da jetzt etwas besseres gibt als den unhandlichen Busfahrplan, etwas einfacheres als die Taxizentrale und etwas intelligenteres als das Fremdsprachenlexikon.

Nicht, dass ich von allen erwarte, sie sollten sich voller Begeisterung auf all die Technologien stürzen. Aber ich bin doch immer wieder verblüfft, dass sich Menschen über Dinge beklagen, die sie so längst nicht mehr erleiden müssten, würden sie sich auf die Veränderungen in ihrer Umwelt nur einlassen.

Online heißt für mich nämlich auch, schnell an neue Information zu kommen, überhaupt informiert zu sein, Dinge zu wissen, die andere erst lange recherchieren müssen. Das Suchfenster von Google, Wikipedia, Twitter. Es gibt so viele Quellen im Netz, die richtig angewendet zu einer ungeheuren Erleichterung werden.

Der Denkfehler der meisten Offliner ist immer noch, das koste ja alles so viel Zeit und da würde man ja das Denken verlernen.

Zum einen, es kostet meist deutlich mehr Zeit, offline Informationen zusammenzutragen, herumzutelefonieren oder die für mich schon fast in die Kategorie offline fallende EMail zu verwenden.

Und ich verlerne nicht das Denken, im Gegenteil, dank des Zugangs zu ganz verschiedenen Quellen, zu einem Füllhorn von intelligenten Köpfen, die eben nicht nur so wie ich denken werde ich jeden Tag aufs neue zum Denken, zum Nachdenken angeregt. Für mich bedeutet Online sein eine Bereicherung und eine große Vereinfachung meines Lebens. Und ich bin nicht nur Online in einer Offline Welt um mich herum, ich bin auch immer Beruf im Privaten und Privat im Beruf. Und halte das nicht für schlimm, sofern ich, und das ist eigentlich auch ohne die Online Welt wichtig, selbstbestimmt trenne, wann ich beruflich erreichbar bin, wann privat.

Die Technik wird uns die eigene Entscheidung darüber nie abnehmen können, wie stark wir uns im Beruf einbringen, wie sehr wir uns von außen steuern lassen. Jeder, der dieses Problem durch einen Verzicht auf moderne Technik bewerkstelligen will, sollte auch über die Abschaffung des Straßenverkehrs nachdenken, um die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren.

Es geht nicht um die böse Technik sondern darum, selbst zu entscheiden, was wann gut und was schlecht ist.

Aber ich versuche nicht zu missionieren. Denn die nachfolgende Generation zeigt mir, auch durch meine eigenen Kinder, dass es bald natürlich und keines Gedankens mehr wert sein wird, dass wir wo immer und wann immer wir wollen online sein können. Es ermöglicht so viel neues, dass ich nicht mehr darauf verzichten möchte und wir vermutlich in einer immer komplexeren Gesellschaft gar nicht mehr darauf verzichten sollten, um die Probleme der Zukunft GEMEINSAM zu lösen. Denn das ist es, worum es eigentlich beim Online sein geht. Um das vernetzt sein, um den Austausch.

5 Gedanken zu „Vom Leben in zwei Kulturen: Online in der Offline Welt#8220;

  1. Als Jahrgang 1968 🙂 und ähnlich computerbegeistert finde ich mich in Deinem Artikel wieder … und ich bin immer wieder erstaunt, dass das wirklich virtuell funktioniert: eine Verbundenheit zu spüren. Wobei das bei Büchern ja auch geht …

    Die neuen Medien als „neutrales Werkzeug“ zu nutzen, zu UNSEREM VORTEIL … man könnte auf den Verdacht kommen, dass dagegen Propaganda gemacht wird, wenn man sich mal anschaut, wie sehr die Warnungen vor der Computersucht hochkochen. Als Mutter eines 13jährigen sehe ich das sehr kritisch … die Warnungen – nicht die Begeisterung meines Sohnes. Denn wenn man die Jugend lässt … dann schlägt die Begeisterung fürs Konsumieren aus meiner Erfahrung heraus schnell um ins Gestalten-Wollen.

    Und DAS ist richtig genial … denn dadurch haben wir heutzutage so geniale Plattformen wie airbnb, wie autonetzer, wie sofatutor, wie fairnopoly ….

    Die Kids setzen sich eh damit durch, aber … wir Erwachsenen könnten es ihnen dabei schon was einfacher machen und unsere Ängste dazu loslassen.

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