Wer bremst die Welt? Entschleunigung als Marktvorteil

Alles immer schneller. Das scheint das aktuelle Dogma zu sein. Wir sollen immer effizienter arbeiten, alle Prozesse werden auf ihre versteckten Effizienzhemmer abgeklopft. Dass dabei der Mensch im Privaten wie bei der Arbeit immer mehr unter Druck gerät, wird entweder gar nicht beachtet, oder billigend in Kauf genommen. Das achtjährige Abitur setzt schon Schüler der Gefahr eines Burn Outs aus. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die dritthäufigste Ursache für eine Krankschreibung.

Aber warum machen wir das ganze eigentlich (mit)? Weil es schlichtweg um Quantität geht, um mehr, schneller, günstiger.
Aber es gibt Gegenbewegungen: Slow Food ist nur eine davon. Auch der Erfolg von Zeitschriften wie „Landlust“ hat etwas mit der Sehnsucht der Menschen nach Enschleunigung zu tun.
Und gerade etabliert sich auch ein Trend weg von Massenware, die billig und schnell im Ausland gefertigt und jederzeit verfügbar ist hin zu Handarbeit und Unikaten. Diese sind dann zwar teurer, wertiger und vor allem unter sozialen Bedingungen produziert.

In einer Zeit, wo der Kunde immer mehr zum ehrenamtlichen Mitarbeiter von Unternehmen wird und Formulare selbst ausfüllen muß, am Geldautomaten selbst sein Geld löst, Tickets und Fahrkarten am Automaten lösen muß, wo also das Produkt schon fast vom Kunden produziert wird, könnte eine Rückkehr zu echter Dienstleistung das neue Merkmal für wertschätzende Unternehmen sein. Nicht schnell, aber sorgfältig, nicht für den Profit, sondern für den Kunden zu produzieren, nicht die Mitarbeiter immer mehr unter Druck zu setzen sondern mit Freiräumen und sozial zu arbeiten könnte auf dem Verbraucher- wie auf dem Arbeitsmarkt das neue Unterscheidungskriterium des „besseren“ weil nachhaltigeren Produkts werden. Vom Dioxinskandal über die Probleme der Bahn und der S-Bahnen bis hin zu den immer noch in großer Zahl für unseren Billigkonsum arbeitenden Kinder in den asiatischen Ländern. Vielleicht braucht es ein Zurücktreten und Entschleunigen, um wieder Effektivität und Menschlichkeit vor Effizienz und Profit zu stellen.
Dafür müssen aber die Umstände der Herstellung transparent sein, muß ich mich auch objektiv informieren können. Ob ein hochwertiges Produkt wirklich auch wertig und sozial verträglich gefertigt wurde kann heute nicht garantiert werden, das einzige könnte das „Made in… “ als Indiz sein. Erst wenn offengelegt wird, wo produziert wird, wie die Arbeitnehmer dort arbeiten und welche Materialien und Prozesse dort zur Verwendung kommen, kann auch objektiv die Nachhaltigkeit beurteilt werden. Hier wäre eine Plattform sinnvoll, die unabhängig wie z.B. die Stiftung Warentest informiert, und das zentral. Es gibt mit Foodwatch, spielgut und anderen schon Plattformen für Fragmente des Marktes, aber es braucht eine zentrale Stelle, die sowohl kontrolliert als auch dokumentiert und die bedingungslos unabhängig von Unternehmen und Herstellern sein muß.

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