Wir werden immer schneller. Warum eigentlich?

Es fällt zunächst bei Stuttgart 21 auf. Der Grund für den Umbau ist die Beschleunigung des Bahnverkehrs, deretwegen jetzt Gegner und Befürworter in einer eskalierenden Stimmung sich gegenüberstehen.
Aber noch an anderen Stellen resultieren viele Probleme nicht aus der Langsamkeit eines Prozesses, sondern aus der immer höheren Beschleunigung.

Der Burn Out ist ein Kennzeichen der Beschleunigung in der Arbeitswelt. Immer mehr, in immer kürzerer Zeit erledigen, dabei wird aber immer weniger auf Rythmen und für den einzelnen angenehme Arbeitsgeschwindigkeit geachtet.

Mal ganz abgesehen davon, dass durch Doppelverdiener, Überstunden und immer weniger Privatleben auch die Ernährungsgewohnheiten extrem leiden. Wer wenig Zeit hat, kocht nicht mehr selbst sondern nutzt Convenience oder Fast Food und selbst Familien mit Kindern schaffen es oft nicht mehr auch nur eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, die selbst gekocht ist. Nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil viele durch den Job so eingebunden sind, dass dafür einfach keine Zeit bleibt (zumal auch die klassische Mittagspause schon lange nicht mehr existiert.)
Gymnasiasten müssen statt in 9 jetzt in 8 Jahren für den Arbeitsmarkt fit… aeh will sagen, gebildet werden (Bildung braucht Zeit, Ausbildung weniger, denn da fällt das erlernen des kritischen Denkens weg).

Ärzte müssen immer mehr Patienten abwickeln, damit es sich für sie rechnet. Die Produktzyklen neuer Geräte werden immer kürzer und wer mithalten will, muss diese Zyklen mitmachen. Wir sind gewohnt, sofort zu kommunizieren, die nicht beantwortete SMS oder EMail ist schon nach Stunden völlig veraltet.

Ich bin kein Technophobiker. Aber selbst ich als Gadgetfreak, Informatiker und Social Media Verfechter überlege im Moment, ob das ganze nicht zu schnell wird. Ein wenig mehr Langsamkeit, Zeit zum Überlegen, Zeit zum Ausklinken aus dem Geschwindigkeitswahnsinn ist sicher nicht falsch. Wir müssen auch unsere Lebenszeit und unser Leben noch selbstbestimmt leben können und je schneller wir hier werden, umso fremdbestimmter läuft das ganze ab. Ich muss nicht meine EMails im Halbstundenrythmus abfragen und auch Twitter und Facebook entschleunige ich, in dem ich nur zu bestimmten Zeiten und in der Freizeit auch mal gar nicht reinschaue.

Wir klagen über Stress, über zu wenig Lebenszeit, zu wenig eigene Zeit für sich. Aber wir tun selbst oft genug dafür, uns des jetzigen Momentes zu berauben.
Wir sollten aufhören, für die zukünftige „Entschädigung“ zu arbeiten oder wie es Randy Komisar so treffend ausdrückt:

„Bei der aufgeschobenen Lebensplanung wird es immer die nächste Belohnung geben, hinter der man her ist, die nächste Ablenkung, den neuen Hunger, der zu stillen ist. Sie werden immer zu kurz kommen.“

Oder sehr viel kürzer aber ebenso wahr: Carpe Diem

Und hier glaube ich fest daran, dass ein neues Denken von Arbeit, das eher ergebnisorientiert ist, für viele der Ausweg sein kann, die sich heute noch wie in einer Tretmühle fühlen, die immer schneller dreht.

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